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Wachstum:Flughafen Memmingen erwartet Passagierrekord - und soll ausgebaut werden

Allgäu Airport

Seit zehn Jahren ist der Allgäu Airport in Betrieb. Da einer Billigairline der Name nicht international genug war, nennt er ihn "Munich-West".

(Foto: Andreas Gebert/dpa)
  • Der Flughafen Memmingen soll ab 2018 für 17,7 Millionen Euro ausgebaut werden.
  • Seit 2007 ist der Flughafen in Betrieb, 2010 nutzten ihn bereits 910 000 Passagiere.
  • In diesem Jahr rechnet die Geschäftsführung mit mehr als 1,1 Millionen Passagieren.

Genau genommen gehört Memmingen nicht mehr zum Allgäu. Weil man aber nicht kleinlich sein will bei geografischen Fragen und sich dem Gebiet emotional zugehörig fühlt, nennt sich die Stadt kurzerhand das "Tor zum Allgäu". So ist der Memminger irgendwie doch ein Allgäuer, und der Flughafen in der benachbarten Gemeinde Memmingerberg ist der Allgäu Airport. Das hört sich auch viel besser an als bloß: Flughafen Memmingen. Denn wer kennt schon Memmingen jenseits der deutsche Grenzen? Für die Fluggesellschaft Ryanair hörte sich aber auch die Bezeichnung Allgäu Airport nicht international genug an, um Passagiere in ihre Billigflieger zu locken. Deshalb setzte Ryanair noch eins drauf und warb für die Destination mit der Bezeichnung "Munich-West". Das ist schon ziemlich gewagt angesichts einer Entfernung von 115 Kilometern in die Landeshauptstadt. Genauso gut könnte man den Flughafen Stuttgart-East oder Augsburg-South nennen.

Der Memminger Flughafen, der 76 Gesellschaftern gehört, befindet sich nach den Worten des Geschäftsführers Ralf Schmid in einer "Sandwich-Position" zwischen den großen Destinationen München, Stuttgart und Zürich. In diesem Umfeld einen profitablen Regionalflughafen zu etablieren, ist keine einfache Aufgabe. Und doch hat es das Management in den zehn Jahren, seit der Linienverkehr dort in Betrieb ging, geschafft, den Allgäu Airport trotz einiger Schwierigkeiten stetig auszubauen und auf einen soliden Kurs zu bringen. Nicht zur Freude des Vereins "Bürger gegen Fluglärm", der die "ungeheure Luftverschmutzung" durch den Flugbetrieb anprangert und juristisch letztlich nichts gegen die Entwicklung ausrichten konnte.

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Am einstigen Fliegerhorst Memmingen war das "Jagdbombengeschwader 34 Allgäu" der Bundeswehr stationiert. Im Zuge der Bundeswehrreform unter Verteidigungsminister Rudolf Scharping wurde der Standort 2003 aufgelöst. Eine Chance darin sahen heimische Unternehmer, die eine Gesellschaft für zivilen Flugbetrieb gründeten und Schmid als Geschäftsführer einstellten. "Es gab einen leeren Hangar, einen leeren Tower, kein Personal und keine Fluglotsen", erinnert sich der 1967 im Schwarzwald geborene Bauingenieur an die Anfänge. Zudem ist die Start-und Landebahn mit 30 Metern Breite noch heute zu schmal für Flüge bei schlechter Sicht. Auch die Geschäftspolitik der Airlines brachte so manche Kalkulation der Airport GmbH gehörig ins Wanken.

So startete am 28. Juni 2007 eine Boeing 737 der Tuifly als erste Zivilmaschine von Memmingen nach Berlin. Damit ging es zunächst steil bergauf mit dem Passagierbetrieb. Im ersten Jahr flogen 460 000 Menschen von Memmingen aus, im zweiten Jahr 800 000. Doch dann zog sich Tuifly aus dem Billigbereich zurück, und die Einführung der Luftverkehrssteuer machte innerdeutsche Flüge unrentabel. "Das hat uns hart getroffen", sagt Schmid. Der Flughafen musste sich neu erfinden, und vor allem musste er neue Partner auftun. Mit Europas größter Billigflug-Airline Ryanair und der ungarischen Wizz Air gelang der Neuanfang schließlich. 2010 nutzten bereits 910 000 Passagiere den Allgäu Airport.

Heute bedienen auch die Fluggesellschaften Pobeda, Flyniki und die türkische Corendon den am höchsten gelegenen deutschen Flughafen, der in Bayern nach München und Nürnberg die Nummer drei ist. In diesem Jahr rechnet Schmid mit mehr als 1,1 Millionen Passagieren - ein neuer Rekord. 31 Verbindungen stehen im Sommerflugplan, die beliebtesten Ziele sind London, Dublin und Mallorca. Im September kommen sieben weitere Verbindungen hinzu, wenn Ryanair eine Maschine fest in Memmingen stationiert. Die Hälfte der Billigflüge startet in Richtung Osteuropa, wo Ralf Schmid noch Wachstumsmöglichkeiten sieht.

Um die Zukunft des Flughafens zu sichern, muss die Start-und Landebahn auf 45 Meter verbreitert sowie eine neue Befeuerung, die momentan noch aus Militärflugzeiten stammt, installiert werden. Bislang können Flugzeuge bei dichtem Nebel aus Sicherheitsgründen nicht in Memmingen landen. Sie müssen auf benachbarte Großflughäfen ausweichen. Der Ausbau kostet 17,7 Millionen Euro, der Freistaat will das Projekt mit 12,2 Millionen Euro unterstützen.

Die Zustimmung der EU zur Zulässigkeit der Förderung steht aber noch immer aus. Deshalb wird der Ausbau des Airports frühestens 2018 beginnen. Von der Brüsseler Entscheidung hängt auch ab, ob sich der Freistaat überdies mit 1,2 Millionen Euro an der Flughafengesellschaft beteiligt. Zwingend angewiesen ist der Airport nicht auf dieses Geld. Seit Teile des Flughafenareals als Gewerbeflächen vermarktet werden, geht es auch finanziell bergauf am Memmingerberg. Flughafen-Chef Schmid rechnet damit, in absehbarer Zeit bei den Banken komplett schuldenfrei zu sein.

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