Vor der Landtagswahl Aus dem Witz ist eine Chance geworden

Ates Gürpinar, geboren in Darmstadt, und die Ingolstädterin Eva Bulling-Schröter sind das Wahlkampf-Duo für die Linke.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)
  • Bei der Landtagwahl am 14. Oktober könnte die Linkspartei erstmals den Einzug ins Maximilianeum schaffen.
  • In der jüngsten Bayerntrend-Umfrage des Bayerischen Rundfunks kommt sie auf fünf Prozent der Stimmen.
  • Die Spitzenkandidaten Ates Gürpinar und Eva Bulling-Schröter hoffen auf enttäuschte Wähler der SPD und der Grünen.
Von Lisa Schnell

Ates Gürpinar wurde eingeladen, das ist ja schon mal was. Auch wenn der Spitzenkandidat der Linken dann gleich wieder vergessen wird. Es ist 17 Uhr, eine Diskussionsrunde zur Wohnungsnot in einem kleinen Raum in München. Der Moderator stellt die Teilnehmer vor. Ausdrücklich nach dem Alphabet, nicht nach ihrer Wichtigkeit. D für Demirel von den Grünen, N für Neff von der FDP, am Ende ist er bei Theiss angekommen von der CSU. G wie Gürpinar? Vergessen. Macht nichts. Weiter im Text. Er fasst zusammen, wo die Parteien in der letzten Umfrage stehen. Grüne? Weiß er, Höhenflug. CSU? SPD? Auch. Bruchlandung. Die Linke? Stille und ein hilfesuchender Blick zu Gürpinar, der zugleich aufklärt: "Wir sind im Landtag." Schallendes Gelächter im Raum. Gürpinar lacht kurz mit, dann lächelt er nur noch, man könnte meinen siegesgewiss.

Ein guter Witz, mehr war die Vorstellung lange nicht, dass die Linke es im erzkonservativen Bayern in den Landtag schaffen könnte. Jetzt ist aus dem Witz eine Chance geworden, eine winzigkleine, aber genug, um die Hoffnung zu nähren. Zum ersten Mal knackte die Linkspartei beim Bayerntrend die Fünf-Prozent-Hürde, einer Umfrage des BR-Politikmagazins Kontrovers, die als besonders aussagekräftig gilt. Zehn Jahre ist es her, als sie das letzte Mal in Umfragen soweit kam. 2008 war das. Zwei Dinge kamen damals zusammen: Ein Jahr nach ihrer Gründung bekam die Linke einige Aufmerksamkeit und die CSU stand vor dem Verlust ihrer absoluten Mehrheit - wie jetzt. Damals reichte es mit 4,4 Prozent knapp nicht. Es folgten eine zehnjährige Durststrecke und nur noch zwei Prozent im Wahljahr 2013. Ist er jetzt also da, der große Aufbruch?

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Ates Gürpinar meint ja. Sie habe sogar Freudentränen vergossen, so sehr hat sie die Umfrage bewegt, sagt Eva Bulling-Schröter, der weibliche Part des linken Spitzenduos. Sie stehen vor ihrer Geschäftsstelle in München, ein kleines Ladenlokal im Westend. Ihr Büro? Gürpinar lacht, gibt es nicht, nur den großen Raum mit dem alten Konferenztisch und den abgewetzten Stühlen. Auf einem Spint kleben Demo-Aufkleber, am Boden Bierkästen und eine Unmenge von Wahlplakaten. Die Linke habe jetzt ein viel konkreteres Profil, sagt Gürpinar und spricht von ihrem Volksbegehren gegen den Pflegenotstand. Ein Grund, warum er glaubt, dass es diesmal klappen könnte. Den zwei fallen noch viel mehr ein. Da wären etwa die Großdemonstrationen gegen die CSU und die sechs Prozent für die Linke bei der Bundestagswahl 2017 in Bayern. Jetzt, wo eine Stimme für die Linke nicht mehr als verschenkt gelte, könnten es auch in Bayern mehr werden. Außerdem gebe es Rückenwind aus Berlin.

Und der Ärger über Sahra Wagenknecht und ihre neue Bewegung "Aufstehen", der Streit in der Flüchtlingsfrage? Ja, den Streit gebe es, sagt Gürpinar. Er selbst ist für die Bekämpfung von Fluchtursachen, aber auch für offene Grenzen, anders als Wagenknecht. Trotzdem freut er sich, dass sie diesen Donnerstag nach München kommt, um sie zu unterstützen.

Auch Bulling-Schröter saß 20 Jahre im Bundestag. Die 62-Jährige ist die Erfahrene im Duo. Sie war Schlosserin und Betriebsrätin, eine "klassische Arbeiterin", bedient als "Hundenärrin" und frühere Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag aber auch grüne Themen. Die Ingolstädterin nennt sich eine "Originalbayerin" und sagt zur Begrüßung "Griaßdi". Gürpinar sagt "Merhaba", wenn er türkische Freunde trifft. Der 33-Jährige kommt aus Darmstadt, studierte in Erlangen, sein Vater ist Türke, die Großmutter Vertriebene aus Pommern. Er ging viel auf Demos, bei der Linken landete er, weil er die Bewegungen der Straße ins Parlament führen will. Wie ein Krawallmacher aber tritt er nicht auf.

Zurück zur Diskussionsrunde, in der er beinahe vergessen wurde. Gürpinar möchte etwas sagen, schon lange, andere nehmen sich einfach das Mikro, er meldet sich brav. Irgendwann hat er es. Er redet von Sozialwohnungen, die nicht aus der Bindung fallen dürfen, von der Linken als Partei für die Mieter. Von Enteignung oder Großkapitalisten redet er nicht. Den Spitznamen Revolutionär bekommt am Ende ein anderer, weil er mit einem laut zu Boden knallenden Mikro einen Anschlag auf die Trommelfelle der Zuhörer verübt.

Kann man in Bayern mit Marx Wahlen gewinnen?

Die Linke aber ist eine sozialistische Partei. Ein wenig versteckt, hinten im Eck blickt der alte Karl Marx aus einem Bilderrahmen in die Geschäftsstelle im Westend. Der Kapitalismus muss überwunden werden, so steht es in ihrem Wahlprogramm. Großinvestoren, die Wohnungen leer stehen lassen, wollen sie enteignen, Krankenhäuser oder die Bahn sollen in staatliche Hand. Kann man mit Marx Wahlen gewinnen? Man müsse eine Sprache verwenden, die von den Leuten verstanden wird, mit einem Marx-Zitat geht das nicht, sagt Gürpinar. Und nein, eine gewaltsame Revolution wollen sie natürlich nicht.

Den Systemwechsel aber schon mit einer Mehrheit im Parlament. Es ist eine Vision und genau darin sieht Gürpinar den Unterschied zu den Grünen oder der SPD. Die würden doch beide mit der CSU koalieren, sagt er. Wer aber mit jemandem wie Markus Söder zusammengehe, einem aus dem rechten Flügel der CSU, der trage den Rechtsruck mit. Ein wirkliches Korrektiv gebe es nur mit der Linken. Sie hoffen auf enttäuschte Wähler von der SPD und den Grünen.

Eine kurze Umfrage unter den Zuhörern nach der Debatte zur Wohnungsnot: Kaum einer kannte Gürpinar, fast alle fanden ihn gut. Ob sie ihn wählen würden? Keiner sagt ja, viele aber finden, die Linke im Landtag, das wäre nicht so schlecht.