Videoüberwachung in München "Die sicherste Methode, um Obdachlose los zu werden"

Aber nicht nur Geschäfte bringen Kameras in München an: Verkehrsbetriebe, Banken, Tankstellen, Parkhäuser, Einkaufszentren, Hotels, Sportstadien - überall hängen Kameras. Nur selten bekommt allerdings jemand die aufgenommenen Bilder auch zu sehen. Der Personalaufwand zur Sichtung wäre in den meisten Fällen viel zu groß.

Am Sendlinger Tor betreibt die Polizei drei Videokameras

(Foto: Stephan Rumpf)

Die direkte Videoüberwachung der Polizei in München beschränkt sich beispielsweise auf "kriminalitätsbelastete öffentliche Bereiche", wie ein Sprecher erklärt. Dauerhaft installierte Kameras gibt es am Hauptbahnhof (zwei Kameras), am Stachus (eine Kamera) und am Sendlinger Tor (drei Kameras). Auf diese Kameras können die Beamten in der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums direkt zugreifen. Genau wie auf die Bilder der Überwachungskameras der Münchner Verkehrsgesellschaft. Außerdem werden das Oktoberfest und der Christkindlmarkt in der Innenstadt videoüberwacht.

Über 32 Monitore flimmern die Bilder im Einsatzzentrum. Tag und Nacht sitzt hier ein Beamter. Allerdings wechseln sich die Polizisten stundenweise ab. Bei so vielen Informationen, bei so vielen Bildern lässt die Konzentration schnell nach. Der Polizist an den Monitoren hat vor allem damit zu tun, bei eingehenden Notrufen zu überprüfen, ob es eine Kamera gibt, die das beschriebene Ereignis im Blickfeld hat. Zwischen Januar und März 2013 konnte der Beamte an den Bildschirmen fast 400 Mal seinen Kollegen vor Ort im Einsatz helfen.

Von den 148 S-Bahnhöfen in und um München sind 18, vor allem die der Stammstrecke, mit 229 Kameras ausgerüstet. Weitere 41 Stationen in den Außenbereichen des S-Bahn-Netzes sollen folgen. "Wir haben in die zweite Baustufe diejenigen Bahnhöfe mitaufgenommen, die wichtige Endhaltestellen, Stationen mit hohem Verkehrsaufkommen und Umsteigemöglichkeiten oder Stationen sind, die häufig von Vandalismus betroffen sind", sagte der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) am Mittwoch bei der Vorstellung des Planes. 2,2 Millionen Euro kostet der Ausbau, der Freistaat übernimmt fast die komplette Summe.

In den Münchner S-Bahn-Zügen sind bereits überall Kameras angebracht, zählt man jede einzeln, sind es insgesamt 3808. Bei der U-Bahn sind 108 von 576 Zügen mit Kameras ausgestattet. 58 Trams fahren mit 449 Kameras. Weitere 997 sind in 237 MVG-Bussen angebracht.

Kaum ein Passant nimmt diese Kameras wahr, das zeigen wissenschaftliche Untersuchungen. Das Sicherheitsgefühl steigern sie - wenn überhaupt - nur zeitweise, kurz nachdem sie installiert wurden. Macht man sich ihre Existenz aber bewusst, fühlt man sich sofort beobachtet. Ein unangenehmes Gefühl. Zoomt die Kamera heran? Kann mich jemand sehen? Was will der? Menschen verändern ihr Verhalten, wenn sie sich beobachtet fühlen. Kameras werden deshalb auch immer wieder eingesetzt, um bestimmte Personengruppen von Plätzen zu vertreiben, auch wenn diese gegen kein Gesetz verstoßen haben. "Das ist die sicherste Methode, um Obdachlose loszuwerden", sagt der bayerische Datenschutzbeauftragte Thomas Petri.

Was also macht die ständige Videoüberwachung mit einer Stadt wie München? Verändern immer mehr Kameras auch das Lebensgefühl? Man braucht George Orwell und seinen Big Brother gar nicht, um festzustellen: die Gefahr besteht. Schon heute schlägt das Kamerasystem in New York beispielsweise bei verwaisten Paketen automatisch Alarm, dort gibt es auch fest installierte Nummernschildscanner, jede Autofahrt durch die Stadt kann damit exakt nachvollzogen werden.

Davon ist München noch weit entfernt. Doch auch in Europa wird an intelligenter Videoüberwachung geforscht. Kamerasysteme, die dazulernen, außergewöhnliche Situationen automatisch erkennen, selbständig Alarm auslösen - das ist längst keine Science Fiction mehr.