Videoüberwachung in München Bitte recht freundlich!

300 Mal am Tag wird jeder Mensch von einer Kamera erfasst. In London. So weit ist es in München noch nicht. Doch auch in Teilen der bayerischen Landeshauptstadt ist die Videoüberwachung auf Schritt und Tritt längst Realität. Verändert das ständige Gefilmtwerden das Leben in der Großstadt? Mit interaktiver Karte.

Von Sebastian Gierke

Einmal durch die Münchner Innenstadt - ohne abgelichtet zu werden, vom Marienplatz bis zum Stachus, ohne einmal aufzutauchen auf einem Kamerabild: so gut wie unmöglich. Hoch oben am Marienplatz ist eine Kamera der Polizei angebracht, gegenüber schießt die Webcam eines Kaufhauses alle fünf Sekunden ein Bild. Nur unter den Arkaden an der Westseite des Platzes ist man unbeobachtet. Aber da, über dem Juwelier, da hängt doch ... nur ein Schweinwerfer. Raus aus den Arkaden Richtung Stachus, Vorsicht an den Geschäften, fast überall hängt im Eingangsbereich eine Linse. Wie weit filmt die in die Straße? Ist die kleine Passage Richtung Thiereckstraße sicher? Nein, links oben hängt die Kamera. Erwischt! Videoüberwachung auf Schritt und Tritt: Sie ist in München längst Realität.

2828 Kameras sind in München angebracht. (Auf der interaktiven SZ-Karte können Sie sehen, wo genau und zu welchem Zweck sie installiert wurden.) Und das sind nur die öffentlichen. Private Kameras gibt es weit mehr. Wie viele es allein in der Fußgängerzone sind, vom Rathaus bis zum Karlsplatz, ist kaum abzuschätzen. Es sind Dutzende. Die Abendzeitung hat auf nur einem Kilometer etwa 40 Stück gezählt. Und es werden in ganz München mehr. Das zeigt die zunehmende Zahl der Beschwerden, die bei Thomas Kranig eingehen, dem Chef des Landesamtes für Datenaufsicht. Pizza essen in der Einkaufspassage? Eine Kamera schaut zu. Medikamente in der Apotheke abholen? Nur unter Kamerabeobachtung. Genau wie Schuhe kaufen am Karlstor.

In dem Schuhladen hängt am Eingang ein Monitor, jeder der das Geschäft betritt, sieht ihn, sieht sich selbst auf dem Monitor. Die Bilder sind grau, schlecht ausgeleuchtet, doch die Menschen sind deutlich zu erkennen. Eine Frau probiert mit ihrer kleinen Tochter Sandalen an, ein Mädchen im kurzen Rock geht am Schaufenster vorbei.

Halt! Sie geht am Laden vorbei? Ja, auch das ist zu sehen. Die Kamera, die den Ladeneingang im Blick hat, filmt sechs Meter weit in die Fußgängerzone hinein, nimmt jeden dort auf, ohne dass es einer der Passanten bemerkt.

"Grundsätzlich unzulässig", so nennt es Thomas Kranig, wenn Privatfirmen öffentlichen Raum per Kamera beobachten. Der Einsatz von Kameras sei nur zur Wahrung des Hausrechts zulässig. "Jeder Bürger hat das Recht, unbeobachtet durch die Münchner Fußgängerzone zu gehen", sagt Kranig.

Von Verhältnissen wie in London ist München allerdings noch weit entfernt. In der bestüberwachten Metropole Europas gibt es Millionen Kameras. Jeder Mensch wird dort pro Tag durchschnittlich 300 Mal von einem CCTV-System (Closed Circuit Television) erfasst. Der Nutzen ist umstritten. Einem Regierungsbericht zufolge ist die Verbrechensrate auf Parkplätzen um 51 Prozent gesunken, in öffentlichen Verkehrsmitteln um 23 Prozent. Scotland Yard, zuständig für die Videoüberwachung, teilte allerdings mit, dass der Beitrag zur Aufklärung von Verbrechen minimal sei. Der Polizei fehlten die Möglichkeiten, die Bilderflut zu sichten. Trotzdem rüsten immer mehr Städte auf. New York hat Anfang dieses Jahres ein intelligentes Videoüberwachungssystem eingeführt.

Über 32 Monitore flimmern die Bilder im Einsatzzentrum der Münchner Polizei. 

(Foto: Stephan Rumpf)

"In Deutschland setzen dagegen die Datenschutzgesetze in Bund und Land der Videoüberwachung enge Grenzen", erklärt die Informationswissenschaftlerin Britta Oertel vom Institut für Zukunftsforschung Berlin. Im öffentlichen Raum werde sie meist zur Abschreckung eingesetzt. Im privaten Bereich würden aber oft Daten anonymisiert erhoben, die für Marketingzwecke sehr wichtig seien.

Das zeigt das Beispiel München. Auch wenn sich die Läden in der Fußgängerzone mit den Kameras in erster Linie vor Diebstählen schützen wollen. Der Monitor im Schuhgeschäft am Karlstor dient der Abschreckung: Vorsicht, ihr werdet beobachtet, so das Zeichen an potenzielle Diebe. Viele Kameras werden aber auch zu Geschäftszwecken genutzt. Sie zählen zum Beispiel jeden Kunden. Es gibt sogar Systeme, die - nicht in der München Fußgängerzone allerdings - messen, wie lange Menschen ein Schaufenster betrachten und wo genau sie dort hinschauen. Sie erkennen relativ zuverlässig: Ist derjenige ein Mann oder eine Frau? Personalisierte Werbung in Schaufenstern, zum Beispiel auf Monitoren, ist damit kein Problem mehr.