Draußen rückt der Zeiger von Sankt Paul auf die Zwölf vor, im Inneren schlägt die Pfarrerin einen Gong. Augenblicklich wird es ruhig in dem Saal. „Genau wie immer“, flüstert Besucher Ralf und bricht mitten im Satz ab, um nach vorne zu blicken. Nach einem kurzen Gebet geht der Trubel innerhalb der hohen Backsteinmauern wieder los, heftiger noch als zuvor.

Die Essensausgabe hat begonnen und die Warteschlange zieht sich bereits durch das gesamte Kirchenschiff. Noch bis zum 15. März öffnet die ökumenische Vesperkirche in Augsburg als wärmender Rückzugsort ihre Türen. Sie ist ein Treffpunkt, der Barrieren abbaut: An den Tischen sitzen Personen im Anzug neben Menschen in prekären Lebenslagen. Sie reden und lachen gemeinsam, während Kinder vergnügt um die Tische toben.
Täglich stehen zwei Gerichte zur Wahl – eines mit Fleisch und eine vegetarische Variante. Jede Mahlzeit kostet dabei symbolisch einen Euro, doch wer kann und möchte, darf gerne mehr geben. Auch Ralf sitzt heute dort, schneidet sein Schnitzel und unterhält sich mit einer jungen Studentin, die sich für den Haferbratling entschieden hat. „In Gemeinschaft schmeckt das Essen einfach besser“, erklärt er.
Ansonsten hat der alte Mann mit dem langen grauen Bart und der heiseren Stimme nur wenig Gesellschaft. Seine Hüfte schmerzt und jeder einzelne Schritt fällt ihm schwer. Bis zu Sankt Paul habe er es nicht weit – das ist gut, ansonsten könnte er wohl nicht mehr kommen. „Trotzdem möchte ich mich nicht beklagen. Bei mir in der Nähe wohnt eine Frau mit einem kranken Kind. Das ist jetzt schon im Schulalter und muss noch immer gefüttert werden“, erzählt er. Er könne immerhin auf ein langes Leben zurückblicken.


Es ist nicht das erste Mal, dass der Augsburger die Vesperkirche besucht. Schon im vergangenen Jahr suchte er hier Zuflucht, nachdem seine Frau kurz vorher gestorben war. „Das hat mich wirklich in eine Krise gestürzt“, erzählt Ralf. Seinen vollständigen Namen möchte er nicht nennen. „Die Leute haben schon so lange nichts mehr von mir gehört – ich glaube, das würde sie jetzt erschrecken“, flüstert er mit leiser Stimme. Damals kam er auf der Suche nach Anschluss zum Mittagstisch – heute trifft er viele bekannte Gesichter wieder.
Träger und Veranstalter der Vesperkirche sind das Evangelische Dekanat Augsburg gemeinsam mit dem Diakonischen Werk Augsburg, dem Bistum Augsburg und der Caritas. Damit ist das 2024 ins Leben gerufene Projekt das Erste dieser Art in Bayern, das auf einer ökumenischen Basis steht. Schirmherrin ist Oberbürgermeisterin Eva Weber, welche die Aktionswochen mit folgenden Worten eröffnete: „Jetzt ist für zwei Wochen wieder grüne Schürzenzeit.“ Das ist eine Anspielung auf die rund 500 Ehrenamtlichen, die das zweiwöchige Projekt tatkräftig unterstützen.

Mit dabei sind auch zahlreiche Organisationen, Firmen und Verbände – sowie die U23-Mannschaft des FC Augsburg. Statt ihres gewohnten rot-weißen Trikots tragen auch die jungen Sportler heute grüne Schürzen und helfen beim Servieren der Speisen. Simon ist einer von ihnen. Bereits zum zweiten Mal hilft der junge Fußballer aus und freut sich auch dieses Mal wieder über die einzigartige Atmosphäre: „Ich finde es einfach etwas Besonderes zu sehen, wie hier junge und alte Menschen mit so viel Freude aufeinandertreffen.“
Auch Thomas Hegner, Pfarrer von Sankt Anna, ist als ehrenamtlicher Unterstützer seit der ersten Stunde bei der Vesperkirche dabei. Mit einer holzgeschnitzten Königsfigur setzt er sich zu den Gästen und schenkt ihnen in seiner Rolle als Seelsorger ein offenes Ohr. Täglich hört er bewegende Geschichten, teils von familiären Schicksalsschlägen, teils von existenziellen Sorgen. „Ich kann da im Wesentlichen nur zuhören – und manchmal auch auf Fachberatung verweisen“, so der Pfarrer.


Bei den Besuchern trifft das Angebot auf große Nachfrage, denn das Teilen ihrer Geschichte lässt sie sich leichter fühlen. Hegner ist überzeugt: „Bei der Vesperkirche geht es darum, dass man Menschen mit Respekt behandelt und ihnen einen Raum gibt, in dem sie ihre eigene Würde wieder spüren können.“ Genau dafür stehen auch die vom Künstler Ralf Knoblauch geschnitzten Holzfiguren, die in einer Kooperation mit dem Bistum und dem Dekanat überall in der Kirche verteilt sind.
Diese „Könige“ tragen weder Zepter noch andere Insignien der Macht – und doch senden sie eine stumme, aber kraftvolle Botschaft: Egal, was im Leben passiert ist, jeder Mensch besitzt eine unantastbare Würde. Um genau daran zu erinnern, nimmt Hegner die kleinen Skulpturen bei seinen Gesprächen mit an den Tisch.

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Annette besucht die Vesperkirche ebenso regelmäßig. Zur Eröffnung war sie mit ihrer Tochter da, heute ist die Zehnjährige noch in der Schule. „Ich finde es wahnsinnig schön, dass es in Augsburg so ein Angebot gibt“, erklärt die alleinerziehende Mutter. Oft stehe sie am Ende des Monats angesichts der steigenden Preise mit nahezu leeren Händen da. Um ihrem Kind alles zu ermöglichen, verzichte sie oft selbst – auch auf ihre sozialen Kontakte. „Die Vesperkirche gibt mir beides: eine finanzielle Entlastung, aber auch die Möglichkeit, mal wieder unter die Leute zu kommen und beeindruckende Lebensgeschichten zu hören“, freut sich die junge Frau.
Neben dem Mittagstisch gibt es zahlreiche weitere Angebote: von Sozialberatungen und Filmabenden bis hin zu Second-Hand-Shops. Heute sind auch angehende Friseure der Augsburger Berufsschule da, die kurz vor ihrer Abschlussprüfung stehen. Ehrenamtlich schneiden sie den Gästen der Vesperkirche die Haare – darunter auch Danielas. Sie könnte über ihren neuen Schnitt nicht glücklicher sein und betont: „Ich liebe den Spirit hier. Alle Leute sind mit so viel Herz dabei – das muss man einfach unterstützen.“

Für Daniela ist die Vesperkirche mehr als nur ein Ort für eine warme Mahlzeit oder einen neuen Haarschnitt. Sie gehört mittlerweile fest zum Team, indem sie mit ihrem Smartphone einzigartige Momente einfängt, um diese dann auf dem Social-Media-Account des Projekts zu teilen.
Eine weitere unverzichtbare Säule des Teams ist Pfarrerin Marianne Werr. Für sie ist die Vesperkirche ein echtes Herzensprojekt, das sie das gesamte Jahr über begleitet – denn dahintersteckt ein enormer Planungsaufwand. Jetzt steht Werr mitten in der Kirche und lässt den Blick zufrieden schweifen, während um sie herum das bunte Treiben seinen Lauf nimmt. „Es herrscht so ein guter Geist hier; das ist etwas, das mich jeden Tag und jedes Jahr aufs Neue fasziniert“, sagt die Pfarrerin über den großen Andrang und ergänzt nachdenklich: „Unser großes Thema ist nicht allein die materielle Bedürftigkeit, es ist die Einsamkeit. Und die zieht sich durch alle Schichten hindurch.“ Doch eines ist an diesem Tag sicher: In Augsburg muss heute niemand alleine sein. Auch Ralf nicht, der sich jetzt mit einer neu gemachten Bekanntschaft noch eine Nussschnecke holt.

