Versorgung daheim:Studie: Corona erschwert Pflege

Sozialverband VdK kritisiert fehlende Hilfen für Angehörige

Von Clara Lipkowski, Nürnberg

Ein Ehemann, 73 Jahre alt, pflegt seine Frau, 61, daheim in Bamberg. Wegen Demenz und Schädeltraumata braucht sie besonders viel Hilfe. Seit zwei Jahren ist der Mann rund um die Uhr an ihrer Seite. Während der Corona-Pandemie steigt der Aufwand, mehr Hygieneanforderungen; hinzukommt, dass den Mann die Sorge belastet, sich oder seine Frau anzustecken. Irgendwann, sagt Ulrike Mascher, habe er dringend Urlaub gebraucht, wollte mal 14 Tage wegfahren - professionelle Hilfe für seine Frau habe er aber partout nicht gefunden. Die Landesvorsitzende des Sozialverbands VdK, Mascher, berichtet davon am Dienstag in einer Pressekonferenz. "Diese Geschichte ist typisch für die Pflegesituation in Bayern", sagt sie. Der Mann werde alleingelassen und so sei es häufig.

Dass die Pandemie die Situation vieler Pflegender und Bedürftiger verschärft hat, zeigt eine Studie von April und Mai dieses Jahres, die der Sozialverband nun vorgestellt hat. Mehr als 40 Prozent der etwa 14 000 Menschen aus Bayern, die im Frühjahr teilgenommen hatten - Pflegebedürftige sowie Pflegende - hätten angegeben, der Anstieg der Belastung sei "sehr stark" gewesen. Vor allem psychisch habe der Druck zugenommen, sagte VdK-Ressortleiterin Yvonne Knobloch. Ein Drittel der Befragten habe zudem auf Leistungen verzichten müssen - unter anderem weil diese, wie die Tagespflege, wegen der Pandemie zeitweise nicht angeboten werden konnten. Für etwa ein Drittel der Angehörigen wurde es schwieriger, Pflege und Beruf zu vereinbaren. Dass der Druck zunehme, zeige auch, dass immer mehr Menschen Beratung beim VdK suchten, sagte Knobloch, etwa 24 000 Beratungen in der Pflegeversicherung rechnete der Verband für 2021 hoch, 2020 seien es noch etwa 22 000 gewesen, 2019 rund 18 000.

In Bayern waren laut VdK zuletzt mehr als 490 000 Menschen pflegebedürftig. 71 Prozent wurden zu Hause gepflegt und davon zwei Drittel von Angehörigen. Und die bräuchten Entlastung, sagte die Landesvorsitzende Mascher. Wegen der kräftezehrenden Arbeit, aber auch wegen steigender Kosten und weil ambulante Dienste die Nöte nicht auffingen. Die Pflegereform des Bundesgesundheitsministeriums in diesem Sommer kritisierte sie als unzureichend. Sie helfe Menschen in stationären Einrichtungen, Bedürftige in ambulanter oder der heimischen Pflege aber hätten das Nachsehen. Der VdK strebt daher eine Klage an und will zur Not bis vor das Bundesverfassungsgericht gehen.

Neben besseren Hilfen wie mehr Pflegeanlaufstellen will der Verband erreichen, dass die Pflege daheim in der Rente besser berücksichtigt und gesetzlich verankert wird, dass Bedürftige Anspruch auf Tages- oder Nachtpflege bekommen. Pflegende sollten demnach außerdem das Recht bekommen, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Der Mann aus Bamberg fragte letztlich Bekannte nach Hilfe. Im Wechsel würden sie ihn wohl entlasten, sagte Mascher. Wohl sei ihm damit aber nicht.

© SZ vom 08.09.2021
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