Verschärfte Regeln wegen Gehälteraffäre:Opposition sieht Parlament vor Scherbenhaufen

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Die anderen Fraktionschefs beknien ihn, die neue CSU-Fraktionsvorsitzende Christa Stewens erklärt ihm, dass er genau durch seine Einwände wieder Jobs für Cousins zulassen würde: Vetternwirtschaft also. Auch von den eigenen Leuten bekommt Aiwanger erkennbar Druck. Noch während er in Interviews sich kompromisslos gibt, sendet sein Geschäftsführer Michael Piazolo schon andere Signale aus. Man sei kompromissbereit und wolle sich nicht als einzige Fraktion quer stellen. Später kommt es vor dem Plenarsaal zu einer improvisierten Mini-Fraktionssitzung. Ein Schwung Freier-Wähler-Abgeordnete redet auf Aiwanger ein.

Im Plenum folgt dann eine emotionale Debatte. Stewens gesteht unumwunden ein: "Es war ein Fehler, das sage ich klipp und klar", sagt sie, "wir stellen Fehler ab." "Das Parlament klaubt heute einen Scherbenhaufen zusammen", kontert SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher. Er fordert von Seehofer: "Machen Sie reinen Tisch." Mehr als 1,4 Millionen Euro hätten alleine die Frauen der Kabinettsmitglieder bislang auf Staatskosten bekommen. "Ich finde, Sie eignen sich nicht besonders als Moralapostel, Herr Seehofer", sagt auch Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause.

Ihr FDP-Kompagnon Thomas Hacker spricht von einem tief erschütterten Vertrauen der Bürger ins Parlament. Deren Empörung und Fassungslosigkeit sei verständlich, sagt Hacker. Und Aiwanger stänkert: "Das CSU-Establishment hat uns eine Suppe eingebrockt, an der wir alle jetzt zu würgen haben."

Seehofer lässt sich von "Losern" nichts sagen

Seehofer hat das wahre Ausmaß der Krise längst erkannt. Das macht ihn gerade auch etwas dünnhäutig. Am Montag soll er im Parteivorstand auf Kollegen der CDU in Baden-Württemberg losgegangen sein. Deren Chef Thomas Strobl hatte sich erlaubt, Seehofer und seiner CSU Ratschläge bei der Aufarbeitung der Verwandtenaffäre zu machen. Von "Losern" lasse er sich nichts sagen, soll Seehofer Spiegel Online zufolge gesagt haben, was in Parteikreisen bestätigt wird. Seehofer sagt nur: "Vorstand ist Vorstand", über Internes rede er nicht.

Loser. Auch Seehofer treibt die Sorge um, bei der Landtagswahl im Herbst zu den Verlierern zu gehören. Sie waren sich in der CSU eigentlich sicher, dass ihnen wohl niemand mehr die Rückkehr zur Alleinregierung wird nehmen können. Und nun diese Krise, die sich für die CSU wie ein Flächenbrand über Bayern gelegt hat, weil fast in jeder Region ein Familienbeschäftiger in Erklärungsnot geraten ist. Mal hier zwei Prozent weniger bei der Wahl im Herbst, dort mal drei - wer weiß, wo am Ende die CSU landet. Wieder bei 43 Prozent wie 2008?

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