bedeckt München 22°
vgwortpixel

Fall Peggy:Löst der Knochenfund das Rätsel um Peggys Mörder?

Skelettteile entdeckt - Suche

Nach dem Fund einer Leiche in einem Waldstück in Thüringen prüfen die Ermittler Verbindungen zum Fall der vor mehr als 15 Jahren verschwundenen Peggy aus Oberfranken.

(Foto: dpa)

Nach 15 Jahre ist die Leiche des Mädchens wohl gefunden. Die Mutter kann ihr Kind beerdigen. Die Soko hofft jetzt auf neue Spuren.

Es ist eine beliebte Gegend zum Pilzesammeln, das Waldstück an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Steinpilze soll es geben und Pfifferlinge. Die Vögel zwitschern, die Sonne sucht sich ihren Weg durch die dunklen Fichten, als am Montagmorgen ein Polizeibus nach dem anderen vorfährt. Am Samstag hat ein Pilzsammler Skelettreste gefunden, die eines Kindes wohl, wahrscheinlich die Überreste von Peggy.

Das Mädchen aus dem oberfränkischen Lichtenberg ist seit 15 Jahren verschwunden, die damals Neunjährige kam nach der Schule nicht nach Hause. Es ist einer der spektakulärsten Vermisstenfälle der deutschen Justizgeschichte, mit all ihren Auswüchsen, Verdächtigungen, Verschwörungstheorien. Einen Täter gibt es nicht, nicht mehr, und lange gab es auch keine Leiche.

Fall Peggy Nach Knochenfund: Soko intensiviert Suche nach Peggys Mörder
Polizei

Nach Knochenfund: Soko intensiviert Suche nach Peggys Mörder

Die Leiche, die in einem Wald in Thüringen gefunden wurde, war zumindest zum Teil vergraben. Die Polizei glaubt nicht, dass der Fundort auch der Tatort ist.   Von Katja Auer und Olaf Przybilla

Nun könnte die Ungewissheit ihr Ende in diesem letzten Ausläufer des Frankenwaldes gefunden haben, im ehemaligen Grenzstreifen, zwischen Nordhalben in Oberfranken und Rodacherbrunn in Thüringen. Gar nicht weit weg von Peggys Heimatort Lichtenberg. Das endgültige Ergebnis der Rechtsmedizin steht zwar noch aus. Die Ermittler gehen trotzdem davon aus, dass sie Peggy gefunden haben.

Eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei rückt an, in festen Stiefeln und mit Stöcken in der Hand. Leichensuchhunde sind im Einsatz, sie bellen in der Ferne. Rot-weißes Flatterband, von Baum zu Baum gespannt, sperrt das Waldstück von der Straße ab. Holzlaster fahren vorbei, auf dem Weg zum Sägewerk. Seit Samstag ist die Polizei auf der Suche, die Skelettreste wurden geborgen und werden rechtsmedizinisch untersucht.

Am Sonntag musste die Aktion unterbrochen werden, das Wetter war zu schlecht. Eine Dame auf der thüringischen Seite sieht schon den ganzen Vormittag die Polizeiautos vorbeifahren, sie hat gehört, was los ist. Sie gehe da selber gerne Pilze sammeln, sagt sie, aber an so was habe ja niemand gedacht. Die Geschichte von Peggy kennt sie natürlich, Lichtenberg ist ja nur etwa 15 Kilometer entfernt.

Gegenstände gefunden, die auf Peggy deuten

Noch näher ist das leere Grab des Mädchens, das seine Mutter in einem Ortsteil von Nordhalben hat anlegen lassen. Ausgerechnet. Dahin war sie nach dem Verschwinden des Kindes umgezogen. Das Grab ist inzwischen verwildert, der Löwenzahn sprießt und der Buxbaum wurde lange nicht mehr geschnitten. Vom Grabstein lächelt das Mädchen, als Todestag ist der 7. Mai 2001 angegeben, der Tag seines Verschwindens. "Wer nicht an Engel glaubt, ist dir nie begegnet", steht auf dem Stein geschrieben, aber die Schrift verschwindet langsam hinter dem wuchernden Grün.

Es ist ein turbulenter Tag, und die Ermittler tragen einen Teil dazu bei: Der Oberstaatsanwalt in Gera, Thomas Villwock, dementiert noch am Mittag Spekulationen, wonach es sich bei dem Skelett wahrscheinlich um Überreste von Peggy handeln könnte. Auch von Informationen, es seien Gegenstände in der Nähe des Fundorts entdeckt worden, die auf Peggy deuten, will er nichts wissen. "Davon ist mir nichts bekannt", sagt der Staatsanwalt.

Fall Peggy Eine Stadt und ihr Stigma
Wiederaufnahme im Fall Peggy

Eine Stadt und ihr Stigma

Lichtenberg ist nicht mehr die Stadt mit der Ritterburg, sondern nur noch der Ort, an dem Peggy vor zwölf Jahren verschwand.   Von Katja Auer

Erst am Dienstag wolle er über Details sprechen, wenn alles klar ist. Fragt man kurz darauf bei Ermittlern in Bayreuth nach, klingt das ganz anders. "Wir gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass es sich um Peggy handelt", sagt einer. Immerhin seien Gegenstände, die auf Peggy deuten, in der Nähe entdeckt worden.

Keine Tatzeugen, keine Spuren, kein Tatort und keine Leiche

Stunden später will der Leitende Oberstaatsanwalt in Bayreuth, Herbert Potzel, zwar nicht konkret sagen, welche Gegenstände im Wald gefunden wurden, ob es sich um Kleidungsstücke handelt oder womöglich um Peggys Schulranzen. Dass es sich bei den Überresten aber "höchstwahrscheinlich" um das Mädchen handele, lasse sich sowohl aus ersten Ergebnissen der rechtsmedizinischen Untersuchung wie auch aus den gefundenen Gegenständen schließen.

Die Leiche war wohl vergraben, auch wenn der Pilzsammler einige Knochen auf dem Waldboden gefunden hat. Potzel sagt, er gehe nicht davon aus, dass der Fundort auch der Tatort war.

Für Gudrun Rödel, die ehrenamtliche Betreuerin von Ulvi K., ist es ein schwieriger Tag. Sie hat gekämpft dafür, dass der heute 38-Jährige die Psychiatrie verlassen konnte. Ulvi war 2004 nach einem Geständnis wegen Mordes an Peggy verurteilt worden. Aber Rödel sammelte so viele Indizien, sie kämpfte so lange, bis endlich ein Wiederaufnahmeverfahren eingeleitet wurde. An dessen Ende stand: Es gibt keinen Tatzeugen, es gibt keine Spuren, auch keinen Tatort und keine Leiche. Letzteres könnte sich jetzt geändert haben. Ulvi K. wurde vor zwei Jahren freigesprochen.