Vermächtnis von Albert Speer Ein Hang zum Größenwahn

Im Hirschbachtal ließ Hitlers Architekt Albert Speer mitten im Wald ein Modell für ein gigantisches Stadion errichten.

Von Olaf Przybilla

Natürlich war die Tribüne abgeriegelt. Georg Taubmann aber war ein junger Bursche damals. Und natürlich fanden sich Mittel und Wege, den Zaun zu überwinden, die Treppen zu erklimmen und einen erhabenen Blick zu genießen - nein, nicht auf das Deutsche Stadion des Führers. Sondern auf ein Dutzend Höfe im Hirschbachtal, zwölf Kilometer östlich von Hersbruck.

Im Jahr 1937 hat Hitlers Architekt Albert Speer im Hirschbachtal ein gigantisches Stadionmodell in den Hang bauen lassen.

(Foto: Foto: SZ/Museen der Stadt Nürnberg)

Albert Speer, der Architekt von Adolf Hitler, hatte dort seit 1937 ein Modell in den Hang bauen lassen für das möglicherweise größenwahnsinnigste aller größenwahnsinnigen NS-Bauwerke. Auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg sollte er ein Stadion bauen für 405.000 Besucher. Ob es vom Oberrang eines solchen Stadions möglich sein würde zu ahnen, um welche Sportart es sich unten handeln könnte, dürfte auch Speer nicht klar gewesen sein. Er suchte einen günstigen Steilhang in der Nähe von Nürnberg. Und er fand ihn im Hirschbachtal.

Georg Taubmann war drei Jahre alt, als Hitler im Frühjahr 1938 die Holztribüne erklommen hat. Es soll damals darum gegangen sein, ob man von dort oben den Darbietungen der Arbeitsdienstgruppen aus der näheren Umgebung mit bloßem Auge folgen kann. Hitler soll an der Seite von Speer zum Ergebnis gekommen sein: Man kann das. Taubmann kam später, wenn er durch die Löcher im Bauzaun schlüpfte, zu einem gänzlich anderen Ergebnis. "Vielleicht hatten die Herrschaften Adleraugen", sagt Taubmann.

Der Besuch der Tribüne im Tal jedenfalls hielt Speer nicht davon ab, eine gigantische Baugrube auf dem Nürnberger Parteitagsgelände ausheben zu lassen. Noch während des Krieges füllte sie sich mit Grundwasser. Nach 1945 wurde dort der Kriegsschutt aus dem zerstörten Nürnberg abgelagert. Der Gase wegen, die aus dem Schutt nach oben blubbern, gilt das Baden dort heute als lebensgefährlich. Wenn das Wetter stürmisch ist, dann stinkt es am Silbersee "wie in einer Chemiefabrik", sagt der Historiker Alexander Schmidt, der im benachbarten Dokumentationszentrum arbeitet.

Die Reste des Deutschen Stadions

Das also ist übrig geblieben vom Deutschen Stadion. Für das Modell im Hirschbachtal dagegen fand sich nach dem Krieg sogar Verwendung, wenn auch eine traurige. Georg Taubmann war dabei, als die Hirschbachtaler das Modell abgetragen - und mit dem Holz das zerstörte Nachbardorf Achtel wieder aufgebaut haben. "Das Holz war richtig gut", sagt Taubmann, nicht so schwach wie die Kiefern im Tal. Für die Tribüne hatte Speer eigens Langhölzer aus dem Bayerischen Wald anliefern lassen. 400 Zimmerleute aus der Umgebung arbeiteten 18 Monate lang Schicht im Steilhang. Seit 1939 konnten dann 42.000Zuschauer auf einer Tribüne mitten im Wald sitzen. Theoretisch jedenfalls, sagt Taubmann.

Der Hang in der Hersbrucker Schweiz blieb nach dem Krieg nicht lange kahl. Als sich Alexander Schmidt, der Historiker aus Nürnberg, in den achtziger Jahren auf die Suche nach den Überresten des Modells machte, fuhr er mehrmals an der Stelle beim Weiler Oberklausen vorbei. Fragte man im Ort, bekam man eine pampige Antwort. Die Fundamente fand der Student schließlich siebzig Meter über den Dächern des Dorfes, völlig überwuchert. Seit 2002 stehen die Betonquader unter Denkmalschutz. Überwuchert waren sie noch bis vor drei Jahren.

Bernd Taubmann, er ist der Sohn von Georg und stellvertretender Bürgermeister von Hirschbach, kann sich noch gut an die Einwände erinnern. Würde man den Hang roden und die NS-Fundamente freilegen, dann drohe der Hohe Berg - den die Hirschbachtaler ihren "Stadionberg" nennen - zum Wallfahrtsort für Jung- und Altnazis zu mutieren. Aber das Dorf hat sich durchgesetzt, auch gegen die Bedenken des Landratsamtes. Heute führt Georg Taubmann regelmäßig Wandergruppen auf den gerodeten Hang. In den Tourismusführern wird die abgründige Geschichte aus dem Hirschbachtal erzählt. Und Naturschützer freuen sich über die seltenen Orchideen, die sich im Südhang hoch über Oberklausen besonders wohl zu fühlen scheinen. Auch der Deutsche Enzian gedeiht dort gut.

Schilder weisen zum "größten Stadion der Welt"

Wer heute vom Städtchen Hersbruck aus das schmale Tal ansteuert, der läuft nicht mehr Gefahr, Speers Fundamente zu verpassen. Am Fuß des Hanges weisen zwei Schilder auf die Geschichte des nie gebauten "größten Stadions der Welt" - sowie auf die neuen Bewohner am Berg, die Silberdistel und den kurzblättrigen Stendelwurz. Hinauf führt ein steiler Trampelpfad, der vom Wanderer Trittsicherheit abverlangt. Achtzig Meter oberhalb der Straße kann man dann Menschen, die offenbar an der Haltestelle auf den Bus in Richtung Hersbruck warten, nur noch vermuten. Im Deutschen Stadion, lernt man dort oben, hätten Besucher die von Hitler geplanten "nationalsozialistischen Kampfspiele" allenfalls mit einem Fernglas verfolgen können.

Hitler im Hirschbachtal scheint das nicht gestört zu haben. Nach dem Besuch der Tribüne im Wald notierte Joseph Goebbels in sein Tagebuch: "Das Modell zum Deutschen Stadion ist wunderbar. Vom Geld will der Führer nicht reden. Bauen, bauen! Es wird schon bezahlt."