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Verfassungsschutz:"Wir sind sicher nicht patriotischer als andere"

Das halten sie hier für ausgeschlossen: Torun sagt: "Täglich bekommt man fundierte Informationen über die dunklen Seiten dieser extremistischen Gruppen mit, sodass man gegen Radikalisierung geimpft ist."

Er kann auch nicht verstehen, warum manchmal der Vorwurf ertönt, der Verfassungsschutz gehe mit der rechten Seite des politischen Spektrums lascher um. Torun widerspricht: "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es hier kein politisches Lagerdenken gibt. Wir sind hier eher Mitte." Und muss man besonders patriotisch sein, um als Verfassungsschützer zu arbeiten? "Ich stehe zu 100 Prozent hinter den Werten unserer freiheitlichen Demokratie, aber ich wurde noch nicht dazu gezwungen, die Bayernhymne zu singen", sagt Torun, der aus dem Rheinland stammt.

Sein Kollege Sturm, der eigentlich anders heißt, lacht und fügt hinzu: "Wir sind sicher nicht patriotischer als andere. Einen Patriotismus in Bezug auf Nation würde ich verneinen, aber mit dem Begriff Verfassungspatriotismus kann ich mich anfreunden."

Orkan Torun gehört auch zu den vielen Quereinsteigern. Erst vor einem Monat ist er ins Team der Öffentlichkeitsabteilung aufgenommen worden. Der 37-Jährige studierte zunächst Politikwissenschaft, Osteuropäische Geschichte und Staatsrecht in Bonn. Anschließend arbeitete er in der Politikberatung und am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik. "Nach und nach im Laufe des Berufslebens kam der Wunsch, einen unmittelbaren Beitrag für das gesellschaftliche Wohl zu leisten", erinnert er sich. In seinem Umfeld aber nahm Torun eine kritische Haltung gegenüber den Nachrichtendiensten und ihren Methoden wahr.

Personalleiter Bär zeigt Verständnis: "Alles, was man nicht kennt, macht einem zunächst Angst." Immerhin arbeite man notwendigerweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wenn auch in einem "engen rechtlichen Korsett".

Sturm wollte zunächst Polizist werden, auch der Beruf eines Agenten habe ihn gereizt. "Als Schüler denkt man dabei an ein Leben wie James Bond", sagt er. Pressesprecher Schäfert entgegnet ironisch: "Immerhin haben wir Agentennummern à la 007." Mit Abenteuer hat der Job an der Knorrstraße aber wenig zu tun, hart ist er manchmal trotzdem: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 musste Bär 70 bis 80 Stunden in der Woche arbeiten.

Wenn der Beruf das Private belastet

Auch nach dem Lkw-Attentat auf den Weihnachtsmarkt in Berlin mussten die Verfassungsschützer Überstunden schieben, es ging darum, mögliche Bezüge nach Bayern schnellstmöglich zu analysieren beziehungsweise auszuschließen. "An Heiligabend kam es noch zu telefonischen Absprachen, die glücklicherweise keine neuen Ansatzpunkte für weitere Anschläge ergaben", sagt Schäfert.

Nicht nur die ständige Bereitschaft wirkt sich belastend auf das Private aus: Bär weist auf das strenge Siegel der Verschwiegenheit hin. Es gehe immerhin um den Schutz staatlicher Verschlusssachen - sie preiszugeben könnte unter Umständen staatsgefährdend sein. "Die Partnerinnen und Partner kennen meist das Haus, aber nicht den genauen Einsatzbereich", sagt Bär. Freunden und Verwandten müsse man die Tätigkeit besonders langweilig beschreiben.

Sturm hält die Frage, was man der Familie erzählt, für nicht ganz einfach. "Ich lasse sie bis heute im Glauben, es sei ein normaler Bürojob", sagt er. Natürlich sei der Job manchmal auch belastend und gefährlich. "Ich agiere aber immer im Team hoch professionell unter kontrollierten und gesicherten Bedingungen. Ich denke, ein Streifenpolizist lebt da viel gefährlicher als ich", sagt Sturm.

Nach mehr als einer Stunde ist die Audienz in der Zentrale an der Münchner Knorrstraße wieder beendet. Der Besucher darf sein Handy aus dem Spind holen, dann ist er wieder draußen.

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