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Verfassungsschutz:Traumjob Agent

Bayerisches Landesamt für Verfassungsschutz in München, 2012

Die Zentrale der Verschwiegenheit: Alle politischen Diskussionen über die Geheimdienste haben zumindest dem Ruf des Landesamtes für Verfassungsschutz als Arbeitgeber nicht geschadet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wie wird man Mitarbeiter beim Landesamt für Verfassungsschutz? Und wie gehen die Verfassungsschützer vor, etwa wenn sie 4000 Islamisten im Blick haben wollen? Ein Besuch.

Der Mann stellt sich als "David Sturm" vor. Ein Deckname, in Wirklichkeit heißt er anders. Seine Figur wirkt stämmig, die Schultern sind breit. Der Blick wirkt cool, um nicht zu sagen: gleichgültig. Sein Gesicht ziert ein mächtiger schwarzer Bart, da könnten auch jene neidisch werden, mit denen er sich täglich beschäftigt. Was er genau macht? Woran er konkret arbeitet? Geheim. Nur so viel offenbart Sprecher Markus Schäfert: Sturm analysiert mithilfe von Computerspezialisten, Übersetzern und Vertrauenspersonen die Aktivitäten der islamistischen Szene in Bayern.

4340 Personen rechnet das Landesamt für Verfassungsschutz den islamistischen Vereinigungen in Bayern zu. Die Milli-Görüs-Bewegung und die Salafisten gehören zu den mitgliederstärksten Gruppen im Freistaat. Etwa 130 der hier lebenden Salafisten werden dem gewaltbereiten Spektrum zugeordnet. Vor allem auf sie haben es die Verfassungsschützer abgesehen. Doch was die 450 Mitarbeiter wie Sturm genau machen, wie sie vorgehen - davon dringt nur wenig nach draußen.

Deutsche Geheimdienste hatten ein Imageproblem

Ihren Sitz hat die Behörde im Münchner Norden an der Knorrstraße. Das Gebäude ist ebenso schmucklos wie die Umgebung. Eine Art Festung mit wuchtigen Mauern, Kameras und grimmig dreinblickenden Pförtnern. Wer hier rein will, muss erst einmal sein Handy abgeben.

Die Behörde will sich ausnahmsweise transparent zeigen und bittet zum Hintergrundgespräch. Die Teilnehmer: Sprecher Markus Schäfert, Verwaltungsleiter Oliver Bär und ein neuer Mitarbeiter der Öffentlichkeitsabteilung, Orkan Torun. Und David Sturm. Die deutschen Geheimdienste hatten in den vergangenen Jahren ein Imageproblem, es gab zu viele Pannen und Skandale. Die Mordserie der rechtsextremen NSU-Terroristen wurde von den Verfassungsschützern jahrelang fehlgedeutet. Enthüllungen von Whistleblower Edward Snowden schürten eine generelle Skepsis gegenüber den deutschen Geheimdiensten, weil sie allem Anschein nach Beihilfe zur Spionage des US-Geheimdiensts NSA leisteten. Und doch glaubt Sprecher Schäfert: Unterm Strich hätten die Skandale ihrer Behörde eher gut getan. Diese hätten nur noch mehr bewiesen, dass sich etwas in der öffentlichen Darstellung ändern müsse.

Zumindest als Arbeitgeber sind die Verfassungsschützer nach wie vor äußerst beliebt: Die Anzahl der Bewerbungen bewege sich in einem "mittleren dreistelligen Bereich", sagt Verwaltungsleiter Bär. Nicht wenige kämen mit dem Motiv, im Verborgenen für die gute Sache zu arbeiten. "Es gibt viele Bewerber, die angesichts der Herausforderungen nicht nur auf das Geld schauen, sondern etwas Sinnvolles tun wollen", sagt Bär.

Das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz ist kein Ausbildungsbetrieb, sondern ein großes Expertenteam von Quereinsteigern. Deshalb können die erforderlichen Bildungsprofile der Bewerber sehr unterschiedlich sein. Im Mitarbeiterstab trifft man etwa den Verwaltungsfachangestellten neben dem Pädagogen und Juristen über den Informatiker, Elektrotechniker bis hin zum Politikwissenschaftler und Islamwissenschaftler an. "Ein großer Teil unserer Mitarbeiter hat zuvor bei der Polizei gearbeitet. So kann gewährleistet werden, dass die Neueinsteiger in Sicherheitsfragen schon gut ausgebildet sind", sagt Bär.

Dass die Einstellungsmethode mitunter auch Risiken birgt, zeigt ein Vorfall, der erst vor einigen Wochen bekannt wurde: Einem 51-jährigen Islamisten war es gelungen, das Bundesamt für Verfassungsschutz zu infiltrieren, um einen Sprengstoffanschlag auf den Hauptsitz der Behörde zu planen. In einem Chat soll er sich einem vermeintlichen Gleichgesinnten zu erkennen gegeben und ihn über seine Pläne informiert haben. Was ihm zum Verhängnis wurde: Er wusste nicht, dass sein Chatpartner selbst ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes war.

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Oliver Bär, der 1991 beim bayerischen Verfassungsschutz anfing, hat hier "keinen einzigen Fall dieser Art erlebt". Er glaubt, das liege an der ersten schwer zu überwindenden Hürde, der Sicherheitsüberprüfung, die jeder potenzielle Mitarbeiter durchlaufen müsse: Abfrage sämtlicher Dateisysteme, Tests und Befragungen. Auch Torun hat diese Prozedur über sich ergehen lassen müssen: "Meine Freunde und Bekannte wurden befragt. Ich habe selbst erlebt, dass man dafür keinen Aufwand scheut." Aber was ist, wenn sich ein Mitarbeiter erst später radikalisiert?

"Wir sind sicher nicht patriotischer als andere"

Das halten sie hier für ausgeschlossen: Torun sagt: "Täglich bekommt man fundierte Informationen über die dunklen Seiten dieser extremistischen Gruppen mit, sodass man gegen Radikalisierung geimpft ist."

Er kann auch nicht verstehen, warum manchmal der Vorwurf ertönt, der Verfassungsschutz gehe mit der rechten Seite des politischen Spektrums lascher um. Torun widerspricht: "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es hier kein politisches Lagerdenken gibt. Wir sind hier eher Mitte." Und muss man besonders patriotisch sein, um als Verfassungsschützer zu arbeiten? "Ich stehe zu 100 Prozent hinter den Werten unserer freiheitlichen Demokratie, aber ich wurde noch nicht dazu gezwungen, die Bayernhymne zu singen", sagt Torun, der aus dem Rheinland stammt.

Sein Kollege Sturm, der eigentlich anders heißt, lacht und fügt hinzu: "Wir sind sicher nicht patriotischer als andere. Einen Patriotismus in Bezug auf Nation würde ich verneinen, aber mit dem Begriff Verfassungspatriotismus kann ich mich anfreunden."

Orkan Torun gehört auch zu den vielen Quereinsteigern. Erst vor einem Monat ist er ins Team der Öffentlichkeitsabteilung aufgenommen worden. Der 37-Jährige studierte zunächst Politikwissenschaft, Osteuropäische Geschichte und Staatsrecht in Bonn. Anschließend arbeitete er in der Politikberatung und am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik. "Nach und nach im Laufe des Berufslebens kam der Wunsch, einen unmittelbaren Beitrag für das gesellschaftliche Wohl zu leisten", erinnert er sich. In seinem Umfeld aber nahm Torun eine kritische Haltung gegenüber den Nachrichtendiensten und ihren Methoden wahr.

Personalleiter Bär zeigt Verständnis: "Alles, was man nicht kennt, macht einem zunächst Angst." Immerhin arbeite man notwendigerweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wenn auch in einem "engen rechtlichen Korsett".

Sturm wollte zunächst Polizist werden, auch der Beruf eines Agenten habe ihn gereizt. "Als Schüler denkt man dabei an ein Leben wie James Bond", sagt er. Pressesprecher Schäfert entgegnet ironisch: "Immerhin haben wir Agentennummern à la 007." Mit Abenteuer hat der Job an der Knorrstraße aber wenig zu tun, hart ist er manchmal trotzdem: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 musste Bär 70 bis 80 Stunden in der Woche arbeiten.

Wenn der Beruf das Private belastet

Auch nach dem Lkw-Attentat auf den Weihnachtsmarkt in Berlin mussten die Verfassungsschützer Überstunden schieben, es ging darum, mögliche Bezüge nach Bayern schnellstmöglich zu analysieren beziehungsweise auszuschließen. "An Heiligabend kam es noch zu telefonischen Absprachen, die glücklicherweise keine neuen Ansatzpunkte für weitere Anschläge ergaben", sagt Schäfert.

Nicht nur die ständige Bereitschaft wirkt sich belastend auf das Private aus: Bär weist auf das strenge Siegel der Verschwiegenheit hin. Es gehe immerhin um den Schutz staatlicher Verschlusssachen - sie preiszugeben könnte unter Umständen staatsgefährdend sein. "Die Partnerinnen und Partner kennen meist das Haus, aber nicht den genauen Einsatzbereich", sagt Bär. Freunden und Verwandten müsse man die Tätigkeit besonders langweilig beschreiben.

Sturm hält die Frage, was man der Familie erzählt, für nicht ganz einfach. "Ich lasse sie bis heute im Glauben, es sei ein normaler Bürojob", sagt er. Natürlich sei der Job manchmal auch belastend und gefährlich. "Ich agiere aber immer im Team hoch professionell unter kontrollierten und gesicherten Bedingungen. Ich denke, ein Streifenpolizist lebt da viel gefährlicher als ich", sagt Sturm.

Nach mehr als einer Stunde ist die Audienz in der Zentrale an der Münchner Knorrstraße wieder beendet. Der Besucher darf sein Handy aus dem Spind holen, dann ist er wieder draußen.

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