Amberg "Es gibt zu viele Kirchen für zu wenige Gläubige"

Pfarrer Helm kann sich vorstellen, die Frauenkirche in Amberg aufzugeben. Wenn das neue weltliche Konzept angemessen ist.

(Foto: Sebastian Beck)
  • Es ist in Deutschland keine Seltenheit mehr, dass Kirchen verschwinden. Mehr als 500 wurden seit dem Jahr 2000 aufgegeben.
  • Bislang stemmen sich die bayerischen Pfarreien erfolgreich gegen diesen Trend
  • Die katholische Frauenkirche in Amberg aber verfällt zusehends, sie ist aus Sicherheitsgründen geschlossen.
  • Und der Pfarrer fragt sich immer öfter, was er anfangen soll mit einer Kirche, die eigentlich keiner braucht.
Von Max Ferstl, Amberg

Ein Problem sind die Tauben, ihr kehlig-vibrierender Singsang durchschneidet in der Amberger Frauenkirche die Stille. Pfarrer Thomas Helm legt den Kopf in den Nacken und sucht die Rundbögen ab. Risse ziehen sich wie Adern durch das alte Gemäuer. Aber immerhin: keine Tauben. "Muss von außen kommen", vermutet er. Glück gehabt. Manchmal schaffen es die Vögel nach drinnen. Dann nisten sie im Dachstuhl, vermehren sich und verteilen überall Federn und Kot. Als wollten sie der angeschlagenen Kirche den Rest geben.

Die katholische Frauenkirche in Amberg ist gefangen im Zustand schleichenden Zerfalls, seit Jahrzehnten schon. Der Mesner Thomas Pesold klingt wie ein Sachverständiger, wenn er die Mängel aufzählt. Die Wände: sondern giftigen Salpeter ab. Die Balken: morsch, teilweise weggefault. Das Dach: wäre wohl schon eingestürzt, würde es nicht von großen Metallklammern zusammengepresst. Zurzeit ist die Frauenkirche geschlossen. Aus Sicherheitsgründen. Der letzte Gottesdienst ist lange her. Genutzt wird sie nur am Palmsonntag als Startpunkt für den großen Umzug, und auch dann nur für ein paar Minuten. Vorher muss sie mühsam gesäubert werden. Pfarrer Helm stellt sich daher immer öfter die Frage, ob sich der Aufwand lohnt. Und was er anfangen soll mit einer Kirche, die eigentlich keiner braucht.

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Es ist in Deutschland keine Seltenheit mehr, dass Kirchen verschwinden. Mehr als 500 wurden seit dem Jahr 2000 aufgegeben, die Zahlen hat das Internetportal katholisch.de im vergangenen Jahr veröffentlicht. Mancherorts gab es Massenschließungen, allein im Bistum Essen traf es 105 Kirchen. Die bayerischen Pfarreien haben sich bisher gegen diesen Trend gestemmt. Im Bistum Regensburg ist Pfarrer Helm seit der Säkularisation "kein Fall bekannt", bei dem eine Kirche aufgegeben worden sei. Zwar sinkt auch in Bayern die Zahl der Gläubigen. Aber wenn die Menschen noch in Kirchen gehen, und das nicht nur an Weihnachten, dann am ehesten hier.

Innerhalb des katholischen Bayerns gelten die Oberpfälzer als besonders gläubig. Den Grund dafür vermutet Helm in der Armut, welche die Gegend früher fest gepackt hatte: "Die Menschen hatten nichts, also wandten sie sich an Gott." In Amberg, einer Stadt mit gut 43 000 Einwohnern, gibt es fünf Pfarreien und - allein in der Innenstadt, wenige Gehminuten voneinander entfernt - vier stattliche Kirchen. "Wir haben beinahe römische Verhältnisse", sagt Helm von der Gemeinde St. Martin. Über dem Marktplatz thront die Basilika mit Platz für 650 Gläubige und einem 93 Meter hohem Turm. Größer in der Oberpfalz ist nur der Regensburger Dom. Auf der anderen Seite der Vils befinden sich St. Georg, die älteste Kirche Ambergs, und die Schulkirche. Letztere zieht wegen ihres verschnörkelten Glanz vor allem heiratswillige Paare an. Die Frauenkirche hingegen hat eine unscheinbare, glatte Fassade. Sie ist der Außenseiter des Quartetts.

Und ihre Geschichte war stets eng verwoben mit den Außenseitern der städtischen Gesellschaft. Wie an vielen Orten gab es auch im mittelalterlichen Amberg Pogrome. Nachdem die Juden aus der Stadt vertrieben worden waren, errichtete man über der Synagoge die Frauenkirche. 1398 taucht sie zum ersten Mal in Urkunden auf. Später unterhielt eine Frauenkongregation die Kirche, der Pfarrer kam nur für die Gottesdienste vorbei. Zuletzt, bis in die 1950er-Jahre, nutzten in Amberg lebende Ungarn die Kirche für ihre Feiern. Seitdem ist, abgesehen von ein paar Konzerten, "nicht mehr viel los", sagt Helm. Was eigentlich schade ist: Denn Musiker schätzen die Akustik des Gewölbes. Der Klang verbreitet sich gleichmäßig, wie die Wellen eines ins Wasser geworfenen Steins.

Das Gotteshaus verfällt seit Jahren und wird so gut wie nicht mehr genutzt.

(Foto: Maximilian Ferstl)

"In den meisten Dörfern und Städten wäre die Frauenkirche ein Kleinod", glaubt Helm. In einer Stadt mit beinahe römischen Verhältnissen ist sie irgendwie überflüssig: "Es gibt zu viele Kirchen für zu wenige Gläubige." Auch wenn es schmerzt: Für die Pfarrei ist die Frauenkirche eine Belastung. Für das kommende Jahr sind Sicherungsmaßnahmen für das Dach geplant, die Schlimmeres verhindern sollen. Helm rechnet mit mehreren Zehntausend Euro Kosten. Viel Geld für ein Gebäude, in dem er vermutlich nie einen Gottesdienst feiern wird. Aber immer noch bezahlbar verglichen mit den Millionen, die eine Renovierung verschlingen würde.

Helm steckt in einer kniffligen Lage. Vor gut einem Jahr hat er die Pfarrei übernommen, und er will nicht derjenige sein, der nach so kurzer Zeit alles auf den Kopf stellt. Andererseits gibt die Pfarrei gerade ohnehin viel Geld aus. Eben wurde der Turm der Basilika St. Martin, der Hauptkirche der Pfarrei, für mehr als fünf Millionen Euro restauriert. Die nächsten langwierigen Arbeiten an der Fassade stehen bereits an, was kaum billiger werden dürfte. Helm wäre deshalb wohl ganz froh, wenn die Frauenkirche als Kostenfaktor wegfallen würde. Man muss sie ja nicht gleich abreißen. Es geht auch sanfter.

Kirchen können aufgegeben werden. Bei der Profanierung wird der Gebetsraum entweiht und die Reliquien entfernt. Anschließend wird das Gebäude für weltliche Zwecke genutzt, als Café, als Buchhandlung, als Museum. An den Wänden der ehemaligen St. Peter-Kirche in Mönchengladbach klettern sogar Sportler in die Höhe. "Wenn es ein schlüssiges Konzept gäbe, würden wir die Frauenkirche vermutlich aufgeben", sagt Helm. "Solange die Nutzung angemessen ist." Klingt eher nicht nach Kletterkirche. Mit einem Raum für Konzerte könnte sich Helm aber anfreunden. Allerdings: Bisher sei noch jede Idee versandet, bevor sie konkret geworden ist.

So wird die Frauenkirche vermutlich noch eine Weile vor sich hin bröckeln. Pfarrer Helm und Mesner Pesold werden versuchen, das zu verhindern - oder den Verfall wenigstens zu bremsen. Und die tolle Akustik nutzen bis auf weiteres die Tauben, die draußen gurren. Ihre Silhouetten zeichnen sich dunkel hinter den hohen Fenstern ab. Es klingt, als wären sie ganz nah.

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