50 verdächtige Werke Restaurator soll Renaissance-Bilder gefälscht haben

Fälschung oder Original? Ein Melanchthon-Porträt von Cranach dem Älteren soll gefälscht worden sein.

Jahrzehntelang soll Christian Goller Bilder im Stil von Lucas Cranach dem Älteren imitiert haben. Ihr Verkauf brachte dem Restaurator aus Niederbayern mehr als eine halbe Million Euro - bis ihm ein Kunsthistoriker auf die Spur kam.

Von Sarah Kanning

Es könnte der größte Altmeisterfälschungsskandal seit Beginn des 20. Jahrhunderts sein, wenn sich der Verdacht der bayerischen Ermittler bestätigt: Der Kirchenmaler und Restaurator Christian Goller aus Niederbayern soll seit Jahrzehnten den internationalen Kunstmarkt mit selbstgemalten Bildern speisen, die er über Freunde als Werke "aus der Werkstatt / dem Umfeld von Lucas Cranach dem Älteren" oder seinem Sohn Lucas Cranach dem Jüngeren bei Auktionshäusern einbringen lasse. Die Beamten gehen von mindestens 40 gefälschten Gemälden der deutschen Renaissance aus, der Kunsthistoriker Michael Hofbauer, der die Ermittler informiert hat, spricht von "mehr als 50 Werken, die ich nach bestem Wissen und Gewissen Christian Goller zuordne".

Vor wenigen Wochen haben Polizisten des Landeskriminalamtes mehrmals das Anwesen des Mannes durchsucht, dessen Kunstfertigkeit berühmt, aber auch berüchtigt ist. Sie beschlagnahmten Bilder, aber vor allem Unterlagen, Skizzen und Papiere. Die Staatsanwaltschaft Passau ermittelt wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug gegen Goller und drei weitere Verdächtige, die ihm möglicherweise beim Absetzen der Werke behilflich waren.

Goller fiel schon einmal mit gefälschter Kunst auf

Vor fast 40 Jahren hatte Christian Goller die Kunstszene schon einmal in Aufruhr versetzt, nachdem er die Imitation eines verschwundenen Heiligenbildes von Matthias Grünewald auf eine Ahornplatte malte. Das Werk wurde für ein Original aus dem frühen 16. Jahrhundert gehalten und machte seinen Weg: Ein Sammler kaufte es Goller für ein paar tausend Mark ab und verkaufte es für 50 000 Mark weiter an einen angesehenen Münchener Kunsthändler - als Erbstück einer Tante aus dem Elsass.

Schließlich landete das Gemälde für angeblich eine Million Dollar im Cleveland Museum of Art in Ohio, ein renommiertes Haus für altdeutsche Malerei. Drei Jahre später stand fest, dass es gefälscht ist. Die Ermittlungen gegen Goller wurden jedoch eingestellt - er hatte betont, das Gemälde für wenig Geld als sein eigenes verkauft zu haben. Man könne ihm nicht anlasten, was andere damit anstellten.

Kunsthistoriker kam Goller auf die Spur

Nun ist der Skandal also wieder da. Angestoßen hat den Fall diesmal der Heidelberger Kunsthistoriker Michael Hofbauer, der seit 2006 eine Datenbank zu Lucas Cranach aufbaut, die ein bisschen an Wikipedia erinnert und in ihrer ganzen Tiefe nur Forschern zur Verfügung steht. Auch Hofbauer fiel vor einigen Jahren "auf einen Goller herein", wie er erzählt. Aufmerksam geworden, lernte er, die Handschrift des Fälschers zu entschlüsseln wie ein Forensiker: "Ein Imitator ist bemüht, seine Hand zu verstellen, aber keiner kann das ganz verbergen", sagt Hofbauer.

Bei Goller sei der Pinselstrich teilweise gestrichelt, die Lasuren seien nach anderen Rezepten gefertigt. Besonders verräterisch seien die "falsche Risse" in den Goller-Gemälden, wie Hofbauer es nennt: In alten Bildern verlaufen die Risse, Krakelee genannt, wie Krampfadern durch die Farbe und verdünnen sich. Bei Goller: "gebrochene Krakelee, netzartig, wie durch Reißlacke gerissen oder über die Tischkante gezogen."

Doch auch Hofbauer muss zugeben, dass die Werke extrem gut gearbeitet sind, "Altmeister zu fälschen ist hohe Schule", sagt er. Auf den ersten Blick fällt die Fälschung nicht auf; vor allem da die Werke keine Imitationen bestehender Bilder sind, sondern ergänzende, verschollene oder vermeintlich zerstörte Werke, von denen manchmal nur Aufzeichnungen erhalten sind.