Die besten Geschichten stehen in der Zeitung. Als die Schriftstellerin Vea Kaiser während der Pandemie von einer Frau las, die als Buchhalterin im Wiener Nobelhotel Sacher jahrelang Geld abgezweigt hatte, insgesamt mehr als vier Millionen Euro, da wurde sie neugierig. Die Frau wurde im Sommer 2021 wegen Untreue verurteilt, ihr Motiv: die grenzenlose Liebe zu ihrem Sohn. Kaiser war zu jenem Zeitpunkt hochschwanger mit ihrem ersten Kind. In gewisser Hinsicht konnte sie die Frau und ihr falsches Handeln verstehen.
Die besten Geschichten stehen in Romanen. Kürzlich ist Kaisers neues Buch erschienen, „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ (Kiepenheuer & Witsch). Es geht darin um eine Frau aus einfachen Verhältnissen, die als Buchhalterin in einem Wiener Nobelhotel jahrelang Geld abzweigt, um ihrem Sohn ein gutes Leben zu ermöglichen. Bis ihr die Zahlen um die Ohren fliegen.
Nach „Blasmusikpop“ (2012), „Makarionissi“ (2015) und „Rückwärtswalzer“ (2019) ist „Fabula Rasa“ der vierte Roman der mehrfach ausgezeichneten Bestsellerautorin aus Österreich. Ein Schelminnenroman und ihr vielleicht bestes Buch, auf jeden Fall ein höchst vergnügliches. Und bei aller Freude über die sprudelnde Fabulierkunst, die satte Wien-Färbung und das charakterstarke Ensemble ist der Roman auch ein politischer, dazu später mehr.
Zunächst sollte man wissen, dass Kaiser, 36, nicht den Weg der literarischen Chronistin eingeschlagen hat. Die Hintergründe der Hochstaplerin interessierten die Schriftstellerin nicht. „Ich habe mir selber meine Interpretation zusammengeschustert“, sagt sie im SZ-Gespräch. Kontakt habe sie weder zu Sacher noch zur ehemaligen Buchhalterin im Gefängnis aufgenommen. „Ich hatte Angst, dass sie mir wirklich gute Sachen erzählt, mir dann aber sagt, dass ich es nicht schreiben darf.“ Also bog die Wortkünstlerin in Richtung Fiktion ab – und malte sich aus, was die verurteilte Mutter für ein Leben gehabt haben könnte.
Wenn sie cool ist, dann ist sie stolz darauf.Vea Kaiser über die Frau, die sie zum Roman inspiriert hat
Kaisers erfundene Hauptfigur heißt Angelika Moser, Hauptschauplatz ist das fiktive Grand Hotel Frohner, die Summe der Veruntreuung stimmt ebenfalls nicht mit der Realität überein. Moser, anfangs ein forscher Feger im Wiener Nachtleben der Achtzigerjahre, wird am Ende ihrer Reise auf einen Sohn und zahlreiche Männergeschichten zurückblicken, auf mehrere Luftwatschen und verspeiste Fledermäuse (einfach googeln oder das Buch lesen) sowie Dutzende manipulierte Rechnungen. Als Alleinerziehende, die sich auch um ihre demente Mutter kümmert, kämpft Angelika für Ordnung im Chaos namens Leben. Eine Ordnung, die ihr der penibel gepflegte Filofax nicht ermöglichen kann.
Mit der Doppelbödigkeit der Biofiktion spielt Vea Kaiser auch in Prolog, Epilog und den Einschüben dazwischen. Hier rückt sich eine Ich-Erzählerin in die ansonsten in der dritten Person ausformulierte Geschichte. Die Ich-Erzählerin ist die Autorin der Handlung. Eine Autorin, die Vea Kaiser sehr ähnelt. Sie besucht Angelika Moser mehrmals in der Justizanstalt Wien-Josefstadt, um mit ihr über ihr Leben zu sprechen. Kaiser erfindet hier furios, wie Begegnungen mit der realen Person hätten sein können. „Eine diebische Freude“ habe ihr diese Metaebene bereitet, sagt die ehemalige Jurorin des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preises.

Literatur:Frau Doktor kommt das Kotzen
400 Lesungen, drei Erfolgsromane, mehrere Studienabschlüsse - und Vea Kaiser wird noch immer als Jungtalent bezeichnet. Was die 30-jährige Wienerin sonst noch aufregt in der Buchbranche, erzählt sie vor ihrem Auftritt in München.
Ob sie kein schlechtes Gewissen habe, die Protagonistin eines spektakulären und einzigartigen Justizfalls für ihre Fiktion zu nutzen? Kaiser zögert keine Sekunde: „Die Frau hat 4,1 Millionen Euro von ihrem Arbeitgeber gestohlen und wurde rechtskräftig in einem öffentlichen Prozess verurteilt. Da muss ich ehrlich sagen: Das muss sie aushalten. Und wenn sie cool ist, dann ist sie stolz darauf.“
Kaiser kann die Frau verstehen, ohne sie zur Heldin zu stilisieren. „Natürlich hat sie etwas Unrechtes getan.“ Die Schriftstellerin hält es für wichtig, die Geschichte zu erzählen, weil in dem Einzelfall ein relevantes Thema steckt. Sie sagt: „Eine alleinerziehende Mutter, die nichts geerbt hat, hat in unserer Gesellschaft auf legale Weise quasi keine Möglichkeit, Vermögen anzuhäufen.“ Kaiser, die zwischen ihrem dritten und vierten Roman zwei Kinder bekommen hat, redet sich in Rage: „Wir hören die Geschichten über Hoeneß, Benko, Hochegger und Cum-Ex. Aber ist es nicht interessant? Es gibt keine weibliche Form für das Wort Kavaliersdelikt.“
Gerade weil ihr Roman die Ungleichheiten des Lebens thematisiert, ist „Fabula Rasa“ auch ein politischer Roman.
Eine weitere Stärke ist der süffige Wiener Ton, vor allem in den Dialogen. Da geht’s um das Fluchtachterl und die Funsn, das Pudern und die Lauserei, das Spatzi und den Wappler. „Wörter, auf die man achten muss“, sagt Kaiser, „die gehen sonst verloren.“ Recht hat sie, die rot-weiß-rote Königin des Fabulierens. Die schönsten Wörter stehen in Romanen. Und in der Zeitung.
Vea Kaiser: Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels, Lesungen in Bayern, u.a. Weißenburg (18. November), Donauwörth (19. November), Schwabmünchen (9. Dezember), Augsburg (27. Januar)

