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Heftige Vorwürfe gegen VdK:Großkonzern der Menschlichkeit

Eigentlich soll der VdK Menschen helfen. Doch nun erheben Mitglieder heftige Vorwürfe gegen den Sozialverband: Er soll als Türöffner und Datenlieferant für eine Versicherungsgruppe fungieren. Manche sprechen sogar von ähnlichen Methoden wie bei einer Drücker-Kolonne.

Es trägt Züge eines Rituals, wie die VdK-Führungsriege Jahr für Jahr in München vor die Mikrophone tritt, wie sich Landesgeschäftsführer Albrecht Engel dann voller Ernst sein Manuskript zurechtrückt und verkündet: "Das Mitgliederwachstum im Sozialverband VdK Bayern ist absolut ungebrochen." Stets folgt dann ein Stakkato an Zahlen, das bei aller nach außen hin zur Schau gestellten Bescheidenheit vor allem eines zum Ausdruck bringt: Wir sind gut - sogar sehr, sehr gut.

Der VdK bietet zahlreiche Versicherungen, aber auch Reisen an.

Der Laden floriert, mittlerweile sind es mehr als 600.000 Mitglieder allein in Bayern. Willi Hofmann, Mann der ersten Stunde, brachte es 2007 bei der 60-Jahr-Feier des VdK auf die Formel, der Verband ähnele "schon fast einem Konzern".

Genau das bereitet kritischen Mitgliedern Sorge - vor allem die Verflechtungen mit der Versicherungswirtschaft. Die Jagd nach Mitgliederrekorden und Gewinnen - so warnen sie - verrate letztlich die Ideale, die der Verband wie eine Monstranz vor sich hertrage. Reinhard Lerner, vor kurzem noch VdK-Ortsvorsitzender im oberbayerischen Markt Schwaben, hat dem Verband den Rücken gekehrt.

"Möge es gelingen, dass der VdK den Weg von fragwürdiger Geschäftstätigkeit zurück zu seinen eigentlichen Zielen findet, der Fürsorge für Kriegsopfer, Alte, Gebrechliche, Behinderte und sozial Benachteiligte", schrieb er den VdK-Oberen. Dann trat er vom Amt als Ortsvorsitzender zurück und kündigte gleich auch noch die Mitgliedschaft. Er lehne es ab, zum Helfershelfer für "ungebetene Vertreterbesuche" zu werden - "mit dem Ziel, Alten und Gebrechlichen umstrittene Versicherungen anzudienen".

Der VdK "als Türöffner, Datenlieferant und Werbeträger" für die Ergo Versicherungsgruppe - nicht mit Lerner. Ein böser Verdacht kam in ihm auf: Datenhandel auf Kosten der VdK-Mitglieder - womöglich gegen eine Spende? Ein Werbebrief für ein Angebot der Ergo-Gruppe, unterzeichnet von Engel, hatte Lerners Zweifel geweckt. Darin heißt es: "Erkundigen Sie sich einmal, was heute ein Begräbnis kostet. Sie werden staunen, was da zusammenkommt. Unaufschiebbare Kosten, die man nicht gern seinen Angehörigen hinterlässt. Es lohnt sich deshalb Vorsorge zu treffen. Und unsere Sterbegeldversicherung bietet Ihnen eine günstige Gelegenheit dazu."

Sterbegeld-Deal seit den 1960er-Jahren

Geschäftsführer Engel kontert: "Der VdK-Landesverband Bayern verkauft keine Adressen seiner Mitglieder an Ergo oder andere." Es gebe auch keine Provisionen dafür. Ganz leer geht der VdK allerdings nicht aus: Die Vertreter von Ergo legen den Senioren bei Abschluss einer Sterbegeldversicherung stets auch eine sogenannte Zuwendungserklärung zugunsten des VdK vor. Darin heißt es: "Bis auf meinen jederzeit möglichen Widerruf spende ich der Vereinigung laufend Beträge in Höhe des jeweils anfallenden Grundüberschussanteiles."

Damit werden Projekte finanziert, die wir vielleicht sonst nicht machen könnten, etwa Feriencamps für jährlich rund 230 bedürftige Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung", rechtfertigt Verbandssprecher Michael Pausder diese Praxis. Alles sei rechtlich korrekt und vom bayerischen Datenschutzbeauftragten überprüft. Viele andere Vereine böten ihren Mitgliedern auch Gruppenversicherungsverträge mit günstigeren Konditionen an.

Der Sterbegeld-Deal zwischen dem VdK Bayern und Ergo - vormals Hamburg-Mannheimer - besteht seit Ende der 1960er Jahre, und wie Engel betont, sehr zum Vorteil der Mitglieder. Sprich: Für sie gilt ein höheres Eintrittsalter, auch entfalle die sonst nötige Gesundheitsprüfung. Aber: Als Gegenleistung bekamen die Ergo-Außendienstmitarbeiter grünes Licht für unangemeldete Hausbesuche bei VdK-Mitgliedern.

"Die Versicherungsvertreter sagen, sie kommen im Auftrag des VdK - und damit sind sie drin", sagt der frühere Ortsvorsitzende Lerner. Bis Ende 2010 durften die Vertreter den ersten Monatsbeitrag sofort einkassieren. "Dies wird auch in dem Ausweis, den jeder beauftragte Außendienstmitarbeiter vorweisen kann, vom VdK-Landesverband bestätigt", heißt es in einem Schreiben aus dem Jahr 2009, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

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