V-Mann-Affäre Im LKA-Prozess zitiert der Anwalt plötzlich Shakespeare

Zum Gesicht des Prozesses wurde ein Spitzenbeamter des LKA (links). Anwalt Andreas von Máriássy (Erster von rechts) hält ihn für unschuldig.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
  • Sechs Beamte des bayerischen Landeskriminalamts stehen wegen Diebstahls in mittelbarer Täterschaft, Strafvereitelung im Amt, versuchter Freiheitsberaubung und Falschaussagen in Nürnberg vor Gericht.
  • Die Staatsanwalt hat in einem mehrstündigen Plädoyer Haft- und Geldstrafen verlangt.
  • Der Anwalt des prominentesten Angeklagten hat jetzt versucht, die Vorwürfe gegen seinen Mandanten mit Hamlet-Passagen zu entkräften.
Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Es ist Verhandlungstag 35 im Prozess gegen sechs Beamte des Landeskriminalamts (LKA), der Tag, an dem der Anwalt des prominentesten Angeklagten das Wort hat. Andreas von Máriássy vertritt nicht den Hauptangeklagten, sondern dessen früheren Chef Mario H., einen hochrangigen LKA-Mann, von dem er beobachtet hat, dass der "zum Gesicht dieses Prozesses geworden ist". Máriássy verkneift sich sämtliche Lesarten, warum ausgerechnet sein Mandant das Gesicht dieser Verhandlung ist. Er stellt es einfach fest und hat damit gewiss nicht Unrecht.

H. leitete beim LKA die Dienststelle zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität und galt als Ermittler, der niemals Probleme hatte, selbst in der Öffentlichkeit zu stehen. Seit November nun muss sich der derzeit freigestellte Spitzenbeamte aus München wegen Diebstahls in mittelbarer Täterschaft sowie uneidlicher Falschaussage am Landgericht Nürnberg verantworten. Üblicherweise legen Anwälte zunächst ihre Argumente dar, ehe sie eine angemessene Strafzumessung fordern. Máriássy geht den anderen Weg: "Ich beantrage, meinen Mandanten freizusprechen", beginnt er sein Plädoyer.

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Fünf Stunden lang hat die Staatsanwaltschaft einige Sitzungen zuvor plädiert. Für den Hauptangeklagten forderte sie eine Haftstrafe, für vier weitere Angeklagte, darunter auch Mario H., hohe Bewährungsstrafen. Würde das Gericht den Forderungen der Staatsanwaltschaft folgen, so hätte das drastische Folgen für fünf der sechs LKA-Männer: Sie würden ihren Beamtenstatus verlieren. Ab einer Strafe von zwölf Monaten - auch mit Bewährung - folgt das automatisch. Für den Spitzenbeamten geht es in diesem Prozess also um nicht weniger als seine berufliche Existenz.

Fünf Stunden braucht Máriássy nicht für sein Plädoyer, sondern kaum 45 Minuten. Hatte die Staatsanwaltschaft Tatsache an Tatsache gereiht, so konzentriert er sich auf Beobachtungen und Einordnungen. Das würde den wohl verwundern, der an diesem Tag zum ersten Mal diesen Prozess besucht. Mag aber nachvollziehbar sein, wenn man weiß, dass es der Angeklagte H. im Lauf der 35 Verhandlungstage offenbar als eine Frage der Ehre empfunden hat, sich in der Sache selbst zu verteidigen.

Während Máriássy in seinem Plädoyer elegant mäandert, Passagen aus dem einschlägigen Hamlet-Monolog zitiert ("Ob's edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden?") und sich persönliche Anmerkungen erlaubt, hatte sein Mandant das bei seiner Einlassung vor acht Monaten ganz anders gehalten. Da gab es kein feuilletonistisches Umkreisen, da wurde ohne Umschweife in eigener Sache geredet.

In der kommenden Woche wird das Urteil erwartet

Es gibt Sätze aus dieser Einlassung des angeklagten Ermittlers, die kann man Monate danach noch auswendig aufschreiben: "Ich darf sagen, mir den Ruf eines Spitzenbeamten verdient und erworben zu haben", erklärte Mario H. und führte aus, dass er mit öffentlichkeitswirksamen Verfahren auch dann noch in der Münchner LKA-Zentrale betraut war, als er bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg längst als Beschuldigter geführt wurde.

Das Gesicht dieses Prozesses wurde Mario H. spätestens mit diesem Auftritt. Aber auch zuvor schon war seine Geschichte die pikanteste: Immerhin leitete H. federführend die Ermittlungen in der Causa Hypo Alpe Adria, er kümmerte sich an vorderster Front um die Korruptionsvorwürfe gegen Bernie Ecclestone und ihm wurde auch die Leitung der Sonderkommission übertragen, als der Generalbundesanwalt 2014 anordnete, die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat wieder aufzunehmen.

Und nun soll er laut Anklage nicht verhindert haben, dass ein Spitzel im Dienst des LKA für die Rockergruppe Bandidos an einem Diebstahl von Baggern in Dänemark mitwirkte. Und er soll in einem späteren Strafverfahren gegen den Spitzel falsche Angaben vor Gericht gemacht haben, um das eigene Handeln zu vertuschen. Insgesamt 160 Mitarbeitern, sagt Anwalt Máriássy, stand sein Mandant zu jener Zeit vor, als der Spitzel unterwegs war. Wenn da Mails in Kopie auch auf seinem Computer landeten, so heiße das noch lang nicht, dass er damit tatsächlich befasst war. Auch habe sich H. im Urlaub befunden, als der Spitzel zum Baggerdiebstahl nach Dänemark aufbrach - sein Mandant habe davon nichts gewusst.

Zudem seien die Aussagen des V-Manns, die auch H. schwer belasteten, inkonsistent gewesen, damals schon als Spitzel fürs LKA und so auch später als Zeuge vor Gericht: Bei ihm passten "Fakten nicht zu Einschätzungen und Einschätzungen nicht zu Fakten". Und so sei es zuletzt auch kein Wunder, dass sein Mandant sich im Lauf des Verfahrens gerade nicht als hamletartiger Erdulder erwiesen, sondern sich entschieden habe, sich gegen diese Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Mit Shakespeare zu sprechen: sich zu waffnen gegen eine See von Plagen.

Von Staatsanwalt Philip Engl war H. einmal, während der Aussage des V-Manns, scharf gerüffelt worden: Er solle gefälligst aufhören zu lachen, fuhr Engl den Angeklagten an. Seinen Mandanten, erklärt Máriássy, habe es da eben "zerrissen". Man müsse doch realisieren, wie schlimm es für einen wie H. sein müsse, sich 35 Verhandlungstage lang solchen Vorwürfen ausgesetzt zu sehen. Zwei weitere Tage wird er noch zu überstehen haben. In der kommenden Woche wird das Urteil erwartet.

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