Edgar Knobloch klingt ehrlich, wenn er am Telefon sagt, dass er gerade sehr genervt ist. Von wem genau, ob von den Journalisten, die seit vergangener Woche ständig bei ihm anrufen oder von US-Präsident Donald Trump, deutet der Bürgermeister von Grafenwöhr nur an: „Im Unterschied zu Trump jedenfalls ändere ich meine Meinung nicht jeden Tag“, knurrt Knobloch in den Hörer.
Vergangene Woche haben sie in Grafenwöhr noch den Maibaum aufgestellt, zusammen mit rund 20 US-Soldatinnen und Soldaten. Für Bürgermeister Knobloch (CSU) sind gemeinsame Feste wie dieses auch ein Gradmesser dafür, wie gut die Beziehungen zum US-Militär sind. Doch dann kam plötzlich die Meldung, dass der US-Präsident Truppen abziehen möchte. Und zwar 5000 von rund 39 000 in Deutschland stationierten Soldaten.
Eine offizielle Bestätigung darüber, welche Einheit genau verlegt werden soll, gibt es zwar noch nicht. Jedoch gehen Beobachter davon aus, dass es sich um eine Stryker-Brigade handeln könnte, von der es weltweit mehrere gibt. Die möglicherweise betroffene Einheit ist in Vilseck in der Oberpfalz stationiert und als 2nd Cavalry Regiment bekannt. Auf SZ-Anfrage verweist die US-Armee auf das US-Verteidigungsministerium, eine offizielle Bestätigung steht noch aus.
„Das ist schon ein leichtes Déjà-vu“, sagt Knobloch. Bereits am Ende seiner ersten Amtszeit hatte US-Präsident Trump einen Abzug von Truppen angekündigt, auch damals war diese Brigade in der Oberpfalz im Gespräch. Der Plan wurde jedoch nie zur Gänze umgesetzt und später von Ex-Präsident Joe Biden gestoppt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 hatten die USA ihre Truppenpräsenz in Europa erhöht, unter anderem durch sogenannte rotierende Einheiten. Seit Oktober 2025 wird diese Präsenz schrittweise wieder reduziert, etwa durch den Abzug einer Brigade aus Rumänien.
Das 2nd Cavalry Regiment in der Oberpfalz mit fast 5000 Soldaten hat eine lange Geschichte. Die Einheit wurde bereits 1836 gegründet, nach dem Zweiten Weltkrieg war sie für die Sicherung Bayerns und Deutschlands im Kalten Krieg zuständig. Immer wieder war die Brigade auch im Kriegseinsatz, im zweiten Golfkrieg, im Irakkrieg, in Afghanistan. Auch bei Friedenssicherungsmissionen kam sie zum Einsatz, zum Beispiel in Bosnien-Herzegowina. Bei größeren Militärübungen in Grafenwöhr diente die Einheit als Gegner. Laut Stars and Stripes, einem vom US-Verteidigungsministerium finanzierten Nachrichtenmedium der US-Streitkräfte, ist das Regiment die einzige kampfbereite US-Brigade in Deutschland. Ein Abzug könnte sechs bis zwölf Monate dauern.

Was der Abzug für die Sicherheitsarchitektur in Deutschland und Europa tatsächlich bedeuten würde, ist noch nicht ganz klar. Eine generelle Gefahr für den auch für die Nato wichtigen Truppenübungsplatz in Grafenwöhr sieht Bürgermeister Knobloch jedoch nicht. „Wenn man alle Argumente zusammenzählt, dann wird man sehen, dass Grafenwöhr als Standort für die Amerikaner einfach zu wichtig ist, um ihn aufzugeben oder ihn zu gefährden.“ Der Standort sei nicht nur der größte US-Truppenübungsplatz außerhalb der USA, sondern auch der modernste. Für rund 1,3 Milliarden Euro entsteht dort in den kommenden Jahren ein hochmoderner Trainingskomplex für US-Truppen. Dort sollen Soldatinnen und Soldaten gezielt auf Einsätze vorbereitet werden.
Doch auch außerhalb der Oberpfalz unterhält das US-Militär wichtige Standorte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zählte ganz Bayern zur amerikanischen Besatzungszone, die US Army übernahm überall im Land Flugfelder und Kasernen der besiegten deutschen Wehrmacht. Große US-Garnisonen gab es etwa in Würzburg, Bamberg, Augsburg und München, aber auch in kleineren Städten wie Bad Tölz, wo eine ehemalige SS-Schule zur „Flintkaserne“ wurde, benannt nach einem US-Oberst. Die Tölzer Flinthöhe hat diesen Namen behalten, in den Gebäuden ist inzwischen das örtliche Landratsamt untergebracht.
Unter anderem in Berchtesgaden und am Chiemsee richteten die Amerikaner „Recreation Areas“ für urlaubende GIs und ihre Familien ein. Die Recreation Area in Garmisch-Partenkirchen besteht unter dem Namen „Edelweiss Lodge and Resort“ bis heute. Daneben hat in Garmisch-Partenkirchen weiterhin das nach dem Erfinder des Marshallplans zum Wiederaufbau Europas benannte George C. Marshall Center seinen Sitz.
Dieses „Europäische Zentrum für Sicherheitsstudien“ veranstaltet Lehrgänge und Konferenzen für hochrangige Militärs und zivile Experten und wird als eine Art gemeinsamer Thinktank von den Verteidigungsministerien der USA und Deutschlands zusammen getragen. Ebenfalls eine gemeinsame Einrichtung ist die „Nato School“ im nahen Oberammergau, an deren verschiedenen Lehrgängen jedes Jahr mehrere Tausend NATO-Angehörige teilnehmen. Eine wirklich hohe Zahl an Soldaten lässt sich von diesen beiden Standorten im Süden Bayerns allerdings kaum abziehen.
Es gibt auch Menschen, die sich einen Abzug wünschen
Nicht von einem Abzug, sondern sogar von einer Aufstockung des Militärpersonals war zuletzt in Mittelfranken die Rede. Im Februar verkündeten die Streitkräfte, die Zahl der Armeeangehörigen mitsamt Familien in Ansbach um 940 erhöhen zu wollen. Nach Angaben der Stadt handelt es sich bei dem Ansbacher Standort um „die strategische Luftverkehrsdrehscheibe für die US-Landstreitkräfte in Europa“. Die Soldaten sind rund um Ansbach auf neun Kasernen an sechs Orten verteilt, stationiert sind hier unter anderem eine Kampfhubschrauberbrigade und Luftabwehrverbände. Nach Armee-Angaben begann im September 2025 in den Barton Barracks, einem Hauptstandort, ein Modernisierungsprojekt für 330 Millionen US-Dollar. Dazu zählt demnach der Bau einer Grundschule.
Bei manchen Menschen in der Gegend weckte die Ankündigung des Truppenabzugs aus Deutschland vom Wochenende dennoch die Hoffnung, der Ansbacher Standort könnte betroffen sein. Seit vielen Jahren schon kämpft die Bürgerinitiative „Etz langt’s“ gegen den Lärm durch Helikopterflüge, an diesem Montag sprach sich der Vorstand des Vereins in einer Pressemitteilung für eine „zivile Umnutzung der Liegenschaften“ aus. So könnten „Entwicklungspotenziale“ in der Stadtentwicklung und im Tourismus genutzt werden.
In Grafenwöhr jedenfalls hoffen sie nun, dass der mögliche Abzug der 5000 Soldaten nur eine Delle in den Beziehungen zu den US-Amerikanern darstellt. Bürgermeister Knobloch zählt ein paar der Argumente auf, die Grafenwöhr aus seiner Sicht für die Amerikaner so wertvoll macht: die große Rechtssicherheit bei Bauprojekten, die Akzeptanz der US-Streitkräfte in der Bevölkerung. All das sei „sehr wichtig“ für das US-Militär. Diese Punkte könne man ruhig häufiger und selbstbewusster herausstellen, sagt Knobloch.
Doch zur Wahrheit gehört auch, dass Grafenwöhr die US-Amerikaner mindestens genauso benötigt. Die wirtschaftliche Zukunft in der Region ist eng verknüpft mit dem US-Militär. Die US-Streitkräfte sind der größte Arbeitgeber in der Region, rund 3000 zivile deutsche Beschäftigte arbeiten dort. Auch weite Teile der Wirtschaft hängen an den rund 30 000 bis 40 000 US-Amerikanern und ihren Familien, die in der Gegend leben. Etwa die Gastronomie. „Wir haben 30 gastronomische Betriebe, das ist für eine Kleinstadt wie Grafenwöhr schon sehr ungewöhnlich“, sagt Knobloch.
Ein Abzug der US-Soldaten aus Bayern hätte nicht nur wirtschaftliche Folgen. Die Army sei „ein Bestandteil des Ortes“, sagt Christian Graf (Unabhängige Parteifreie Wählergemeinschaft), Bürgermeister des Marktes Hohenfels in der Oberpfalz, wo es ebenfalls einen Truppenübungsplatz gibt. US-Soldaten seien auch Fußballspieler im örtlichen Verein, ihre Kinder würden die Schulen dort besuchen. „Hinter all dem stecken Menschen.“
Auch das bayerische Wirtschaftsministerium beobachtet die Entwicklung genau. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler): „Mit unserer Regionalmanagement‑Förderung können gezielt Regionen unterstützt werden, die vor großen strukturellen Herausforderungen stehen. Um im Falle eines möglichen US‑Truppenabzugs in Bayern negative ökonomische und soziale Folgen abzufedern, steht betroffenen Regionen dabei auch eine spezielle Sonderförderung für Militär‑ und Konversionsstandorte zur Verfügung.“

