US-Soldat im Chiemgau:"I never regretted meine Entscheidung"

Rottau: US-Army Deserteur Andre Shepherd

All American Bayer: André Shepherd aus Cleveland hat es in den tiefsten Chiemgau verschlagen, das Haus, in dem er wohnt, ist traditionally painted.

(Foto: Johannes Simon)

André Shepherd aus Ohio meldet sich freiwillig zur Army, doch ein Irak-Einsatz weckt Zweifel in ihm. Er taucht im Chiemgau unter, stellt als erster US-Soldat einen Asylantrag in Deutschland und kämpft nun vor Gericht dafür, dass er bleiben darf - "bei meinem See und meinen Bergen".

Von Sarah Kanning

Da steht dieses wuchtige Bauernhaus im Chiemgau, mit den auf die Mauern gemalten Heiligen und dem Kuhstall gegenüber. Und da macht André Shepherd die Eingangstür auf, ein Mann wie ein Footballspieler, mit breitem Oberkörper, Sportpulli und dichtem krausem Haar. "Ich liebe diesen Ort, ich bin zu Hause bei meinem See und meinen Bergen", sagt der 36-Jährige. Und fügt in weichem Bayerisch-Amerikanisch an: "I never regretted meine Entscheidung - auch wenn ich nie mehr zurück kann."

Idylle und Schmerz liegen bei André Shepherd seit einigen Jahren nah zusammen. Vor sieben Jahren desertierte er vom US-Militär und stellte einen Asylantrag in Deutschland - als erster amerikanischer Soldat.

Der Schritt eines Enttäuschten: Als André Lawrence Shepherd aus Cleveland, Ohio, sich im Januar 2004 freiwillig zur Armee meldet, liegt seine ganze Hoffnung auf den Streitkräften der Vereinigten Staaten. Es ist die Zeit, als Amerika mit den Folgen der geplatzten Dotcom-Blase ringt. Als Master-Absolventen sich um Jobs beim Burgerbrater reißen, Autos putzen, Parkplätze bewachen.

Shepherd hat überschaubare Ziele: Geld verdienen, um seinen Uniabschluss zu machen, einen Job mit Krankenversicherung, ein Bett statt seines Nachtlagers im Auto. Er glaubt den Worten des Rekrutierers, der ihn, den schwarzen baptistischen Amerikaner, bei der Ehre packt. "Willst du etwas für dein Land tun?" Shepherd wollte. Er wusste, dass ihn sein Einsatz in den Irak führen würde, "aber wir dachten, we are helping the Leute". Dass ihn diese Entscheidung sein Leben lang verfolgen und einige Jahre später den Europäischen Gerichtshof beschäftigen würde, hielt der damals 27-Jährige für undenkbar.

"The media had uns komplett verarscht"

Langsam steigt Shepherd die Stiege zu seiner spärlich möblierten Wohnung hinauf und bietet Filterkaffee mit Milch und Zucker an. "The media had uns komplett verarscht", sagt er über seinen Einsatz im Irak. "Wir waren da und sollten nicht da sein."

Zunächst war er wie Tausende andere US-Soldaten nach Deutschland gekommen, im fränkischen Katterbach machte er eine Ausbildung als technischer Spezialist für Apache-Hubschrauber. Germany gilt seit dem Ende des Kalten Kriegs als lockerer Job - doch von hier ziehen Tausende Soldaten in Auslandseinsätze. Im August 2004 auch André Shepherd.

Im Camp Speicher bei Tikrit, 200 Kilometer nördlich von Bagdad, repariert Shepherd Apache-Hubschrauber, "zwölf Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche". Die Hubschrauber sind ausgerüstet mit Raketen, die Namen tragen wie aus einem Egoshooter-Spiel: Hellfire, "Höllenfeuer", und Hydra, die Schlange mit den nachwachsenden Köpfen. Ihre Maschinenkanonen können zehn Schüsse in der Sekunde abgeben. Shepherd glaubt dennoch, dass sie sogenannte saubere Einsätze fliegen, wie es ihm erzählt wird. Also begrenzte Zerstörung mit klaren Zielen und wenigen Toten.

"Warum sind wir hier - wegen Öl?"

Doch die Feindseligkeit der Iraker, die im Camp arbeiten, macht ihn stutzig. Das ist kein freundlicher Empfang, wie er ihn erwartet hatte. "Ich habe mich gefragt, was ist los da draußen - und dann haben wir langsam die ganzen Geschichten gehört", erzählt Shepherd. Von Folter, von Abu Ghraib und Hunderten getöteten Zivilisten, von zerstörten Städten. Er erfährt, dass es keine Massenvernichtungswaffen im Irak gibt - und zweifelt an der Rechtmäßigkeit des Einsatzes.

"Warum sind wir hier", fragt er sich. "Wegen Öl?" Er liegt nachts wach und grübelt, denkt an seine Familie. 15 Minuten am Tag kann er mit ihr skypen; um wirklich über seine Sorgen zu sprechen, reicht das nicht. Ein unpolitischer Mensch, als den Shepherd sich rückblickend bezeichnet, beginnt an den Grundfesten seines Lebens zu zweifeln: an Richtig und Falsch, an seinen Werten, an Gott.

Nach seiner Rückkehr aus dem Irak findet er Freunde im Chiemgau. Mit den Deutschen kann er Gespräche führen, die von Amerikanern als unpatriotisch empfunden werden. Nächtelang recherchiert er zum Irak-Einsatz. Wenn er behaupten würde, dass er homosexuell wäre oder Drogen nähme, könnte er die Armee verlassen. "Aber das konnte ich meiner Familie nicht antun", sagt er.

Einsatz gegen sein Gewissen

Als 2007 sein nächster Einsatz im Irak bevorsteht, weiß er seiner Meinung nach zu viel, um mit reinem Gewissen in den Flieger zu steigen. Er kennt das Ausmaß der Zerstörung, das die Apache-Hubschrauber anrichten, er weiß von den Schätzungen, dass bis zu eine halbe Million Zivilisten getötet worden sind. Auch wenn er nur ein Rädchen ist - für ihn ist es ein Einsatz gegen sein Gewissen. "Mit welchen Gefühlen zieht man in den Krieg?", fragt Shepherd. "Beim ersten Mal wussten wir ja nichts - aber wenn sie deinen Namen zum zweiten Mal aufrufen, muss jeder eine Entscheidung treffen." Er flieht.

André Shepherd packt seine Sachen, nimmt die X-Box mit und vergisst die Fotos von seinen Kameraden. Er versteckt sich bei einem Freund, zuckt bei jedem Auto zusammen, das vor dem Haus hält. "Aber wir haben alle immer so getan, als würde nichts passieren." Das Versteckspiel ist anstrengend. An manchen Tagen stellt Shepherd sich vor, wie alles wäre, wenn er sich anders entschieden hätte.

Doch er weiß, dass seine Entscheidung unumkehrbar ist. Wer sich als amerikanischer Soldat für eine bestimmte Zeit ohne Erlaubnis von der Armee entfernt, gilt als Deserteur. Wer erwischt wird, kommt meist für längere Zeit ins Gefängnis. Im ersten Jahr des Irakkriegs desertierten nach Angaben des Pentagons 8000 Soldaten. Viele tauchten unter, Hunderte flohen nach Kanada. André Shepherd bleibt in Bayern.

Als hätte es die Nürnberger Prozesse nie gegeben

Nach 19 Monaten tritt er die Flucht nach vorne an, raus aus der Deckung: Es ist Thanksgiving 2008, als Shepherd zusammen mit dem Verein Connection, der sich für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure einsetzt, einen Asylantrag in Deutschland stellt und eine Pressekonferenz gibt. Kaum fertig, greift er zum Telefon und ruft seine Eltern an. "Mum, Dad, ich muss euch was erklären", sagte er. "Oh ja, allerdings", hätten seine Eltern gesagt. "Warum bist du im TV? Was ist los bei euch?" Heute kann Shepherd darüber lachen. "Ich hatte das real-time-reporting nicht berechnet - so war die ganze Großfamilie versammelt, als ich plötzlich auf dem Fernseher erschien."

Shepherd beruft sich in seinem Asylantrag auf sein Gewissen, das ihm verbiete, an einem völkerrechtswidrigen Krieg teilzunehmen, wie er den Irak-Einsatz nennt. Im Ablehnungsbescheid des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge heißt es jedoch, dass Shepherds Aufgaben als Hubschrauber-Spezialist "keine ausreichenden Ansatzpunkte für die Annahme einer möglichen eigenhändigen Verwirklichung (völker-)rechtswidriger Tatbestände" zuließen. Als hätte es die Nürnberger Prozesse und das Rom-Statut nach den Kriegsverbrechen auf dem Balkan nie gegeben.

Auf Drängen von Shepherds Anwalt Reinhard Marx liegt der Fall nun beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Er soll für das Verwaltungsgericht München, das sich mit der Klage gegen die Ablehnung beschäftigt, die Frage klären, ab welchem Grad der Verstrickung in militärische Auseinandersetzungen das Flüchtlingsrecht einem Soldaten eine Desertion zugesteht.

Whiskey im Wirtshaus

Im vergangenen Jahr hat André Shepherd immerhin eine befristete Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland bekommen. Er darf arbeiten, er hat den Führerschein gemacht, die Weiterbildung an der IHK zum Fachinformatiker, die deutsche Steuererklärung.

Rottau: US-Army Deserteur Andre Shepherd

Rottau, Shepherds neues Zuhause, ist ein typisches bayerisches Dorf mit Bauernhäusern.

(Foto: Johannes Simon)

Es ist schwierig geworden, ihn zu treffen, so beschäftigt ist er: Vier Tage in der Woche arbeitet er als Netzwerk-Ingenieur in Süddeutschland und NRW. Doch vom Chiemsee will er nicht weg, er hat hier Freunde, mit denen er sich im Wirtshaus trifft, auch wenn er lieber Whiskey trinkt.

Nur wenn er von seinen Eltern spricht, wird er traurig. "Meine Mum war sehr enttäuscht", sagt er. Schließlich sei er nicht zur Armee gegangen, um Fragen zu stellen, habe sie gesagt. Shepherd sagt: "Das war keine Entscheidung, mit der ich irgendjemandem Schaden zufügen wollte." Nicht seiner Familie, nicht Amerika, nicht Deutschland. "Ich habe das nicht gemacht, um ein Held zu sein", sagt André Shepherd. "Das ist so viel größer als ich."

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