Urteil im Peggy-Prozess "Ein Freispruch für Lichtenberg"

Der Marktplatz der oberfränkischen Kleinstadt Lichtenberg. Hier wurde Peggy vor 13 Jahren zum letzten Mal gesehen.

(Foto: David Ebener/dpa)

In Lichtenberg verschwand vor 13 Jahren die kleine Peggy. Ulvi K. wurde erst als ihr Mörder verurteilt, nun ist er freigesprochen worden. Rudolf von Waldenfels ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit in der oberfränkischen Stadt. Er erklärt, warum der Fall dort für schlaflose Nächte sorgte und Familien entzweite.

Von Olaf Przybilla

Der geistig Behinderte Ulvi K. ist im zweiten Mordprozess um die seit 13 Jahren verschwundene Peggy freigesprochen worden. Das Landgericht Bayreuth hob am Mittwoch die frühere Verurteilung des 36-Jährigen wegen Mordes an dem Mädchen auf. Rudolf von Waldenfels, 49, ist Stadtrat und Referent für Öffentlichkeitsarbeit in Lichtenberg, wo Peggy vor 13 Jahren verschwand. Ein Gespräch über die Auswirkungen des Falls in dem oberfränkischen Städtchen.

SZ: Ein Referent für Öffentlichkeitsarbeit in einem Städtchen mit 1100 Einwohnern ist ungewöhnlich.

Rudolf von Waldenfels: Durch den Fall Peggy ist diese Stadt immer wieder ins Rampenlicht geraten und zwar äußerst negativ. Lichtenberg ist ein Touristenstädtchen, malerisch, viele Künstler kommen hier her, wir haben einen bedeutenden Geigenwettbewerb. Auf der anderen Seite haben wir dieses verschwundene Mädchen und wir haben eine Reihe von Bürgern, die gesagt haben: Der Ulvi, der kann es nicht gewesen sein. Das Gericht sieht das nun genauso, nach 13 Jahren. Aber davor hieß es immer wieder, vor allem in Boulevardmedien, die Lichtenberger hätten "eine Mauer des Schweigens errichtet", eine "Kultur des Wegschauens" entwickelt. Dabei war es exakt andersrum.

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"Ein Tatnachweis ist nicht möglich": Das Landgericht Bayreuth hat Ulvi K. im Fall Peggy freigesprochen. Doch wird er auch aus der psychiatrischen Klinik entlassen? Ein Gutachter soll jetzt prüfen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass der geistig Behinderte erneut Straftaten begeht.

Was meinen Sie?

Hier haben doch Bürger eine Kultur des Hinschauens entwickelt! Die Lichtenberger kennen sich untereinander. Und da gab es welche, die gesagt haben: Wir haben die Peggy noch gesehen, der angebliche Mordzeitpunkt kann ja gar nicht stimmen. Und es gab Leute, die gesagt haben: Warum sollten die lügen? Und so hat sich diese Bewegung für einen Behinderten gebildet. Nicht aber mit der Folge, dass über Zivilcourage berichtet wurde, über Leute, die sich für jemanden einsetzen. Sondern erst recht über "düstere Gassen über dem Höllental", mit notorisch uneinsichtigen Bürgern.

Uneinsichtig waren sie ja tatsächlich.

Ja, aber doch als leuchtendes Beispiel! Was sich hier abgespielt hat, ist etwas völlig anders. Hier haben sich einfache Bürger für einen Schwachen der Stadtgesellschaft eingesetzt: einen geistig Behinderten aus einer Familie mit zum Teil türkischen Wurzeln, Soziologen würden vermutlich von einem "niedrigem sozialen Renommee" sprechen. Die K.'s sind keine Honoratioren. Und eingesetzt für diesen Menschen haben sich rechtschaffene Bürger, die normalerweise kein schlechtes Wort über die Obrigkeit finden. Und die haben gesagt: Mit diesem Urteil kann ich nicht leben. Was aber passiert?

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2001 verschwand die kleine Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule spurlos. Seitdem laufen die Ermittlungen - mit immer neuen Hinweisen. Eine Chronologie.

Sagen Sie es.

Am 4. November 2003 sagt eine Bundesministerin, damals noch bei Kerner: Die Lichtenberger haben eine Mauer des Schweigens aufgebaut und weggesehen. Und sie sagt das offenbar nur deswegen, weil hier viele darauf bestanden haben, dass es Ulvi K. nicht gewesen sein konnte. Dieses Statement einer Ministerin hatte verheerende Folgen für diese Kleinstadt. Weil sich Journalisten natürlich dranhängen an so eine Geschichte. Eine Katastrophe. Und da rede ich nicht nur von den wellenartig immer wieder wegbrechenden Einnahmen im Fremdenverkehr. Da rede ich auch von der Binnenstruktur in dieser Stadt.

Inwiefern?

Ich kenne ja die Leute hier: Da gab es schlaflose Nächte, Risse durch Familien, Ehefrauen, die gesagt haben: Das kannst du doch nicht machen, dich gegen ein rechtskräftiges Urteil aufzulehnen, da bekommen wir doch Riesenärger. Und trotzdem, wertkonservative Menschen mit schön gepflegtem Vorgarten sagen plötzlich: Ich kann das so nicht auf sich beruhen lassen. Mit dieser Gewissensnot will ich nicht leben.

Was bedeutet dieser Tag für die Stadt?

Es soll bitte nicht pathetisch klingen, aber: Für uns bedeutet das heute auch einen Freispruch für Lichtenberg.