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Unwetter in Oberstdorf:Der Schlamm kam durch den ersten Stock

Der Bach am Ortsrand von Oberstdorf ist so klein, dass er nicht einmal einen Namen hat. Doch nach einem Wolkenbruch wälzt er sich plötzlich durch mehrere Häuser. Ein Ortsbesuch nach der Schlammlawine.

Margot Reuther glaubte erst an Klingelputzer. Doch als es zum zweiten Mal läutete, ging sie zur Tür. Davor stand ein Feuerwehrmann. "Raus oder ihr sauft ab", rief der ihr entgegen. Die 74-Jährige und ihr Mann Karlheinz wohnen seit acht Jahren direkt neben dem Faltenbach in Oberstdorf. Nie ist in dieser Zeit etwas passiert.

Aber am Sonntagabend fürchtete die Feuerwehr, dass der Wildbach den Ort überschwemmen könnte. Das Unheil hatte sich am Nachmittag aufgebaut über den Gipfeln der Allgäuer Alpen. Schwarze Wolken türmten sich über dem Nebelhorn. Gegen 16 Uhr begann es zu schütten.

60 Liter Regen pro Quadratmeter - in einer Dreiviertelstunde

Nichts Ungewöhnliches hier, in den Tagen zuvor hatte es schon schwere Gewitter gegeben. Diesmal aber prasselten binnen einer Dreiviertelstunde 60 Liter Regen auf den Quadratmeter herunter und lokal womöglich noch mehr, wie Karl Schindele, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes des Landkreises Oberallgäu, am Tag danach berichtet.

Die Einsatzkräfte hatten von der Nebelhorn-Bahn und vom Hubschrauber aus gesehen, wie die brauen Wassermassen zu Tal tosten. Sie mussten fürchten, dass Bäume und Geröll sich verkeilen und den Bach in seinem Tobel aufstauen würden. Eine Flutwelle drohte durch den Ort zu walzen. Mehr als 200 Menschen mussten binnen weniger Minuten ihre Wohnungen und Feriendomizile verlassen.

Die Tourismus-Chefin organisierte eine Brotzeit

"Wir haben nicht einmal Geld mitgenommen", sagt Karlheinz Reuther, 72. Dass er nur Badelatschen anhatte, bemerkte er erst später im Oberstdorf-Haus, wo die Menschen provisorisch untergebracht wurden. Dort wurden die 200 Personen von einer Ärztin betreut. Tourismus-Chefin Heidi Thaumiller organisierte sogar eine Brotzeit.

Vier Hubschrauber waren am Sonntag im Einsatz, um neuralgische Stellen abzufliegen. Denn unmittelbar nach dem Unwetter musste es sehr schnell gehen: Besteht Lebensgefahr oder nicht? Um diese Frage baldmöglichst zu klären, waren 350 Rettungskräfte von Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Bergwacht im Einsatz.

Der Faltenbach "war immer schon unser Sorgenkind", sagt Bürgermeister Laurent O. Mies (parteilos). Es ist bekannt, dass der Wildbach Oberstdorf gefährlich werden kann, er ist mit Rückhalteeinrichtungen verbaut. Aber die Tragödie spielte sich wenige Hundert Meter weiter ab, im Dummelsmoos, einer Straße am Ortsrand, an einem Wiesenhang gelegen. "Da kamen Meldungen über vollgelaufene Keller und massive Wassereinbrüche", berichtet der Einsatzleiter der Feuerwehr, Joachim Freudig.

Auf der Rückseite der Häuser verläuft ein Graben, keinen Meter breit. So klein ist das Rinnsal, dass es nicht einmal einem Namen hat, wie einer der Feuerwehrmänner dort sagt. Doch am Sonntag brachte es Schlamm, Geröll und Unrat mit. Von einem "massiven Murenabgang" spricht Landrat Anton Klotz (CSU), "damit hat niemand rechnen können". Seit mehr als 30 Jahren gibt es die Siedlung dort schon.