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Tod in der Silvesternacht:Schüsse aus Wut

Festnahme nach Todesschuss auf Elfjährige

Trauer um das Opfer: Ein 11-jähriges Mädchen wurde von einem Mann erschossen.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Ein 53-Jähriger soll an Silvester über den Krach so erbost gewesen sein, dass er zur Waffe griff, in die Menge feuerte und eine Elfjährige tötete. Gegen ihn wurde Haftbefehl wegen Mordes erlassen. Der Ort ist geschockt und erleichtert.

Von Katja Auer und Olaf Przybilla, Unterschleichach/Bamberg

Geradezu erleichtert soll der Mann gewesen sein. Erleichtert, dass sie ihn jetzt erwischt haben, dass der Druck vorbei ist. Knapp zwei Wochen, nachdem er in der Silvesternacht im unterfränkischen Unterschleichach ein elfjähriges Mädchen erschossen haben soll. Am Dienstag nahm die Polizei den 53-Jährigen fest, am Mittwoch erließ die Ermittlungsrichterin Haftbefehl wegen Mordes. Der Mann ist ein Nachbar, er wohnt nur ein paar Meter entfernt von der Stelle, an der das Mädchen aus Burgebrach eine Stunde nach Neujahrsbeginn zusammenbrach. Mitten in einer fröhlichen Silvesterfeier, die erste, die die Elfjährige ohne ihre Eltern bei einer Freundin verbrachte. Getroffen von einem Projektil, das in ihrem Kopf stecken blieb. Sie starb wenige Stunden später im Krankenhaus in Schweinfurt.

Von seinem Garten aus soll der Mann drei- bis viermal auf die Menschen auf der Straße geschossen haben. Weil sie feierten und weil Böller krachten. "Aus Wut und Ärger über diese Störung und Ärger über seine persönliche Situation", wie der Leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager am Mittwoch in Bamberg sagt. Der Mann lebt alleine in Unterschleichach, seit etlichen Jahren getrennt von seiner Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Kind. Das hat er offenbar nicht verkraftet, er soll psychisch auffällig und deswegen auch in Behandlung gewesen sein. Die Schüsse hat der 53-Jährige, der als Kraftfahrer in der Justizvollzugsanstalt Ebrach angestellt ist, zugegeben. Allerdings habe er ziellos geschossen und niemanden töten wollen. Das bezweifelt die Staatsanwaltschaft.

Der Mann soll am Silvesterabend zunächst auf der Couch eingeschlafen und gegen Mitternacht von dem Krach auf der Straße geweckt worden sein. Das habe ihn derart erbost, dass er seine Waffe aus dem Keller holte. Die durfte er legal besitzen, ebenso wie drei weitere Waffen, denn er war früher Mitglied im Schützenverein. Beruflich hatte er nichts mit Waffen zu tun.

Thomas Sechser, der Bürgermeister von Oberaurach, ist sich seiner Gefühle nicht ganz sicher an diesem Tag. Irgendwas zwischen Schock und Erleichterung empfinde er, sagt er. Einerseits der Schock, dass nun offenbar das eingetreten ist, was seit Neujahr viele befürchtet hatten: Der Schütze kam wohl mitten aus Unterschleichach, einem Dorf mit etwa 400 Einwohnern im Landkreis Haßberge. Andererseits auch Erleichterung, weil viele in der Ortschaft schon gar nicht mehr zu hoffen gewagt hätten, dass in dem Fall überhaupt ein Verdächtiger festgenommen werden würde. Von Tag zu Tag schwand die Hoffnung, immerhin war ein Waffenbesitzer nach dem anderen überprüft worden. Am Ende aber, sagt Sechser, "überwiegt heute die Erleichterung".

Was die kursierenden Gerüchte auf Dauer aus Unterschleichach gemacht hätten, der Bürgermeister will es sich gar nicht ausmalen. Schon jetzt hätten persönliche Beziehungen gedroht, in die Brüche zu gehen. Weil, was ja menschlich sei, sich natürlich alle Gedanken gemacht hätten, wer es gewesen sein könnte. Und weil plötzlich manche verdächtig wurden, wenn sie kein Alibi hatten. Dass der eine oder andere einen Verdacht ausspreche, könne einem in so einem Fall keiner verübeln. Schließlich werde man auch gefragt von Kriminalbeamten. "Wenn ich überlege, was allein die Fragen der Kripo in meinem Kopf angerichtet haben", sagt die Gemeinderätin Sabine Weinbeer, die in Unterschleichach zu Hause ist. Da seien plötzlich "ganz alte Geschichte wieder hochgekommen".

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SZ-Karte: Mainka

Der mutmaßliche Schütze war - wie so viele - schon am Neujahrstag von der Polizei gebeten worden, seine Waffen überprüfen zu lassen. Er gab sie ab, auch die mögliche Tatwaffe. Mehr als 60 Waffen mussten kontrolliert werden, sagt Polizeisprecherin Kathrin Thamm. In den Fokus geriet der Mann schließlich, weil seine Aussagen zum Silvesterabend nicht stimmten. Am Dienstag dann durchsuchten die Ermittler sein Haus, kurz darauf wurde er am Arbeitsplatz in Ebrach festgenommen. "Er stand unter starkem psychischen Druck", sagt Oberstaatsanwalt Christopher Rosenbusch, und habe die Schüsse schnell eingeräumt. Und sein Geständnis bei der Ermittlungsrichterin wiederholt. Seither sitzt er in Untersuchungshaft.

Menschen aus Unterschleichach schildern den 53-Jährigen als einen, der "in letzter Zeit unzufrieden" zu sein schien "mit sich und der Welt". Offenbar hätten ihm diverse Krankheiten zu schaffen gemacht, sagt jemand aus dem Dorf. Dass er es sein könnte, dem die Tatwaffe gehört, habe man sich aber nicht ausmalen können.

Gut 500 Spuren hat die Polizei verfolgt und mehr als 100 Bild- und Videodaten ausgewertet

"Ich ringe mit den Worten", sagt eine Frau, die mit ihm aufgewachsen ist, "ich kann mir das gar nicht vorstellen". Zumal sich inzwischen viele im Ort gedacht hätten: "Wenn es wirklich einer aus dem Dorf ist, dann stellt er sich doch der Polizei." Immerhin habe ja jeder wissen müssen und sehen können, dass die Waffenbesitzer der Gemeinde überprüft werden. Der JVA-Angestellte war von Reportern am Tag nach der Tat auf der Straße befragt worden, er äußerte sich betroffen und ungehalten.

Mehr als 500 Spuren habe die Polizei verfolgt, sagt Sprecherin Thamm, mehr als 100 Bild- und Videodaten ausgewertet. Gleich nach der Tat war eine Sonderkommission eingerichtet worden, die Ermittler hätten "bis an die Erschöpfungsgrenze gearbeitet", sagt Ohlenschlager. Es wurden nahezu alle Bewohner von Unterschleichach befragt. Als der Mann nun festgenommen wurde, "ist uns ein Stein vom Herzen gefallen", sagt Armin Kühnert, der Chef der Schweinfurter Kriminalpolizei.

© SZ vom 14.01.2016

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