Unterfranken Bestatter soll Leichen zum Üben bereitgestellt haben

Das Ausbildungszentrum für Bestatter im unterfränkischen Münnerstadt, aufgenommen vor einigen Jahren, gilt europaweit als einzigartig.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
  • Gegen den Chef des bayerischen Bestatterverbands wird wegen Verdachts der Störung der Totenruhe ermittelt.
  • Ralf Michal wird verdächtigt, mindestens sieben Verstorbene dem Bundesausbildungszentrum für Bestatter zur Verfügung gestellt zu haben - ohne Wissen der Angehörigen.
  • Michal selbst möchte sich während des laufenden Verfahrens nicht äußern.
Von Olaf Przybilla, Schweinfurt

In der Welt der Bestatter ist Ralf Michal ein exponierter Mann. Vor sechs Jahren wurde der Schweinfurter zum Vizepräsidenten des Bundesverbandes Deutscher Bestatter gewählt, 2014 wurde er Vorsitzender seines Landesverbands. Wer seither etwas wissen will über das Bestatterwesen in Bayern, der wendet sich an Michal, sozusagen den ranghöchsten bayerischen Bestatter. Mehrmals wurde Michal ausgezeichnet, weil er sich um die Bestattungskultur verdient gemacht hat. Das Kuratorium Deutsche Bestattungskultur verlieh ihm die Goldene Verdienstnadel, der Bundesverband deutscher Bestatter belobigte ihn ebenso. Nun aber könnte der Bestattungsunternehmer ein Problem bekommen. Die Staatsanwaltschaft Schweinfurt hat ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet, ausgerechnet wegen des Verdachts der Störung der Totenruhe.

Wie die Leitende Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung bestätigt, geht die Anklagebehörde einer Anzeige eines ehemaligen Mitarbeiters nach, der zufolge in Michals Bestattungsunternehmen in der Vergangenheit mindestens sieben Verstorbene ohne Wissen der Angehörigen oder vorheriges Einverständnis des Verstorbenen dem Bundesausbildungszentrum für Bestatter im unterfränkischen Münnerstadt zur Verfügung gestellt worden sein sollen. Kamen dort Kurse zustande, in denen die hygienische Versorgung an Verstorbenen eingeübt werden sollte, so habe sich das Ausbildungszentrum angeblich kurzfristig ans nahe Bestattungsunternehmen Michals gewandt. In solchen Kursen lernen bis zu 15 Teilnehmer die Techniken der Totenversorgung. Nach Angaben des Ex-Mitarbeiters sollen Angehörige aber davon ausgegangen sein, dass die Versorgung der Verstorbenen jedenfalls nicht in der Gegenwart einer Vielzahl von Schülern geschieht.

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Nach SZ-Informationen hatte die Staatsanwaltschaft ein erstes Ermittlungsverfahren zunächst eingestellt. Es gebe keinen hinreichenden Tatverdacht auf eine Störung der Totenruhe. Immerhin habe Michal als der beauftragte Bestatter berechtigterweise den Gewahrsam an den Körpern der Verstorbenen. Zudem seien in Münnerstadt - nach Angaben des Bestatterzentrums - ausschließlich solche Versorgungen durchgeführt worden, die auch von Bestattern erbracht werden. Für einen "beschimpfenden Unfug" am Verstorbenen, wie es der betreffende Paragraf im Strafgesetzbuch fordert, sei da kein Raum.

Inzwischen aber gibt es weitere Zeugen, auch sie waren in Michals Unternehmen tätig. Sie wollen ebenfalls wahrgenommen haben, dass Angehörige mutmaßlich nicht explizit darauf hingewiesen wurden, dass Verstorbene zu Übungszwecken nach Münnerstadt gebracht wurden. "Das Problem ist: Kaum ein Angehöriger würde, wüsste er davon, dem auch zustimmen", sagt einer der Zeugen der SZ. Sie geben zudem an, sie hätten angeblich gesehen, wie im Ausbildungszentrum Münnerstadt eben nicht nur die üblichen Versorgungen durchgeführt wurden. "Es sind bis zu 15 Kursteilnehmer im Raum, da wollen viele üben", sagt ein anderer Zeuge. Er habe angeblich gesehen, wie eine Mund-Ligatur, der Verschluss des Mundes, mehrfach an Verstorbenen durchgeführt worden sei. Die Zeugen wollen, unabhängig voneinander, auch wahrgenommen haben, dass Verstorbenen an Gliedmaßen Wunden zugefügt wurden, um Nahttechniken einzuüben.

Staatsanwältin Haderlein bestätigt, dass auch im Ausbildungszentrum, das in der Bestatterszene als einzigartig in Europa gilt, ermittelt wurde. Derzeit gebe es aber kein Verfahren gegen Mitarbeiter des Zentrums. Auch der Generalsekretär des Bestatterverbands, Stephan Neuser, bestätigt das. Neuser ist Vorstandsmitglied der Theo-Remmertz-Akademie, dem Trägerverein des Zentrums. Man gehe davon aus, dass Verstorbene "immer im Einverständnis der Angehörigen" von Bestattern nach Münnerstadt überführt würden und alles "innerhalb des Auftrags klar geregelt" sei. Auch hätten sich die Ausbilder streng an einen "vorgeschriebenen Rahmenlehrplan" zu halten. Über Details der Vorwürfe sei ihm nichts bekannt, darüber zu spekulieren habe derzeit keinen Sinn. Einer der Ausbilder sagt, dass in der Akademie "Wunden zugefügt" würden, stimme gewiss nicht.

Ralf Michal will sich während des laufenden Verfahrens nicht äußern. Er sehe aber "dem Ganzen sehr gelassen entgegen", sagt er. Im Februar war Michal erstmals von der SZ mit den Vorwürfen konfrontiert worden, zu der Zeit gab es kein Verfahren. Michal bestritt dabei, in den vergangenen Jahren überhaupt Verstorbene nach Münnerstadt überführt zu haben. "Und wenn es so wäre, wenn ich Verstorbene, rein hypothetisch, nach Münnerstadt gebracht hätte, hätte ich mich keines Vergehens schuldig gemacht." Behauptungen, in Münnerstadt geschehe etwas anderes als eine normale Versorgung, seien "Quatsch".

Auch lasse er sich bei jedem Auftrag von Angehörigen das Totenfürsorgerecht abtreten. Damit könne er "die Aufgaben erfüllen, die notwendig sind". Sein Handeln sei stets geprägt "vom Gesichtspunkt des ethisch Einwandfreien". Wegen seiner Verdienste um die Bestattungskultur sei er mehrfach ausgezeichnet worden, seine Familie leite das Unternehmen in fünfter Generation: "Da mache ich mir doch nicht meinen Ruf kaputt."

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