Mastbetrieb im UnterallgäuVerdreckt, krank, teilweise tot:  Schweinezüchter lassen ihre Tiere verkommen

Lesezeit: 4 Min.

Ein Schwein lahmt an den Hinterbeinen und kann sich nicht aufrichten.
Ein Schwein lahmt an den Hinterbeinen und kann sich nicht aufrichten. Soko Tierschutz/Hörmann

Es ist eine der größten Zuchtanlagen Bayerns. Die Betreiber sollen ihre Schweine dort unhygienisch gehalten haben. Auch medizinische Versorgung bekamen die Tiere offenbar nicht. Nachdem Tierschützer die Zustände im Stall dokumentieren, gibt es nun eine Strafanzeige gegen die Betriebsleiter.

Von Florian Fuchs und Christian Sebald

Das Schwein möchte sich aufrichten, es strengt sich zusehends an, aber es kommt nicht hoch. Stattdessen robbt es immer weiter rückwärts auf dem Spaltenboden des Stalls, offensichtlich lahmen die Hinterbeine. Andere Tiere sind augenscheinlich krank, haben blutunterlaufene Augen – teils stehen sie im Schmutzwasser und im Dreck. Manche Schweine sind bereits tot, die Kadaver blau angelaufen.

Die Aufnahmen der Tierrechtsorganisation Soko Tierschutz und eines lokalen Tierrechtlers stammen aus einem Stall im Landkreis Unterallgäu. Mit 2500 Schweinen und knapp 3000 genehmigten Mastschweineplätzen gehört die Anlage zu den größten ihrer Art in Bayern. Die Soko Tierschutz und ihr Vorsitzender Friedrich Mülln prangern „furchtbare Zustände“ an, was Tierschutz und Hygiene anbelangt, und berichten von schwer verletzten und kranken Tieren sowie von verwesenden Kadavern im Stall. Auch die Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV) hat den Betrieb inzwischen kontrolliert, Anordnungen gegen die Betriebsleiter erlassen und eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Memmingen gestellt. Der Betrieb will die Vorwürfe auf Nachfrage nicht kommentieren.

SZ Bayern auf Whatsapp
:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnieren

Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.

In der Landwirtschaft in Bayern, im Allgäu zumal, spielt die Schweinemast eine vergleichsweise kleine Rolle. Zudem ist die Zahl der Betriebe seit Jahren rückläufig. Und gemessen an den Mastanlagen in den ostdeutschen Bundesländern sind die hiesigen Anlagen eher klein. Der bayerische Anteil an der Schweinehaltung in Deutschland beträgt zwölf Prozent. Bei der Rinderhaltung ist der Freistaat dagegen mit einem Anteil von knapp 26 Prozent der Tiere klar das Rinderland Nummer eins, wie es im Agrarbericht 2024 von Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) heißt.

Die aktuellsten Zahlen zur Schweinehaltung im Freistaat stammen vom Statistischen Landesamt. Danach gab es zum Stichtag am 3. November 2024 bayernweit 2800 Schweinemastbetriebe. Sie hielten zusammen 1,14 Millionen Tiere ab einem Gewicht von 50 Kilogramm. Die Mastbetriebe selbst halten in ihrer großen Mehrheit weniger als 1000 Mastschweine. Laut Kanibers aktuellem Agrarbericht, dessen Zahlen aus dem Jahr 2023 stammen, fielen 2700 der damals noch 2900 Betriebe in diese Kategorie. In den anderen etwa 200 Anlagen gab es demnach Mastplätze für 1000 bis 1999 Mastschweine.

Die Zahl der Mastbetriebe ab 2000 Schweinen war einem Sprecher von Kaniber zufolge so klein, dass sie aus Datenschutzgründen nicht in den Agrarbericht aufgenommen wurde. Die Möglichkeit, die jeweiligen Betriebe zu identifizieren, wäre zu groß gewesen. Die Mastanlage im Unterallgäu fällt in diese Spitzenklasse.

Ein Schwein mit Nabelbruch.
Ein Schwein mit Nabelbruch. Soko Tierschutz/Hörmann
Tierschützer kritisieren die hygienischen Zustände in den Stallungen.
Tierschützer kritisieren die hygienischen Zustände in den Stallungen. Soko Tierschutz/Hörmann
Selbst die Elektrik im Stall ist teils schwer verdreckt, beschädigt und augenscheinlich in bedenklichem Zustand, auch was den Brandschutz anbelangt, sagt die Soko Tierschutz.
Selbst die Elektrik im Stall ist teils schwer verdreckt, beschädigt und augenscheinlich in bedenklichem Zustand, auch was den Brandschutz anbelangt, sagt die Soko Tierschutz. Soko Tierschutz/Hörmann

Die Liste der Vorwürfe der Soko Tierschutz und eines lokalen Tierrechtlers gegen den Betrieb ist sehr umfangreich und in zwei Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Memmingen dokumentiert. Sie beruhen nach den Worten von Soko-Tierschutz-Chef Mülln auf „neun heimlichen Stallbesuchen“ in der Zeit von Mai bis Juni dieses Jahres. Auf den Bildern, die dabei entstanden sind, ist nicht nur das Mastschwein mit dem lahmen Hinterteil zu sehen. Sondern außerdem immer wieder Tiere mit zum Teil großen Nabelbrüchen, also Vorwölbungen am Nabel. Darunter ist auch ein Schwein mit einer offenen Wunde, die, so formuliert es Mülln, „unweigerlich mit dem verschmutzten Boden in Berührung kommt“. Dadurch seien Infektionen „unausweichlich“. Solche Tiere müssten von den anderen getrennt und behandelt werden. Es habe aber keine Hinweise gegeben, dass dies in dem Betrieb passiere.

Weitere Vorwürfe sind, dass die Tränken und Tröge in den Boxen der Mastschweine sehr verschmutzt sind. Generell seien die Verhältnisse in der Anlage sehr unhygienisch. Auch die Liegeboxen der eigentlich sehr reinlichen Tiere seien von Gülle verdreckt. Die Aufnahmen zeigen auch Tiere, die selbst voller Kot und Gülle sind. Außerdem spricht Mülln von „teilweise defekten Lüftungen“. Dies sei eine „Zumutung für die Tiere wie für die Menschen“ im Umfeld der Stallungen. Auch seien überall „sichtbar beschädigte und angefressenen Kabel“ und ähnliche technische Defekte feststellbar. Das stelle einen „erheblichen Risikofaktor für einen Stallbrand“ dar.

Brände in Schweineställen passieren immer wieder. So kamen erst Anfang Juni etwa 900 Tiere bei einem Feuer auf einem landwirtschaftlichen Anwesen in Wulfertshausen im Landkreis Aichach-Friedberg um. Anfang Juli verendeten etwa 580 Schweine, die meisten davon waren Ferkel, beim Brand eines Stalls im niedersächsischen Landkreis Osnabrück. Soko-Tierschutz-Chef Mülln spricht von bundesweit mindestens zehn Stallbränden mit mehr als 10 000 toten Tieren „allein in den vergangenen zehn Tagen“. Der Brandschutz in Tierhaltungsanlagen sei oft „schlecht geregelt und unzureichend kontrolliert – mit fatalen Folgen für die Tiere“.

Mängel aus einer Kontrolle im Februar hat der Betrieb behoben

Die KBLV hat nach Angaben ihres Sprechers Ende Juni von den Vorwürfen gegen die Mastanlage erfahren, als ihr entsprechende Video- und Fotoaufnahmen übergeben worden seien. Bei einer „ausschnittsweisen Sichtung“ hätten sich Hinweise auf Verstöße gegen das Tierschutzrecht ergeben. Darauf habe man die Anlage „anlassbezogen am Folgetag kontrolliert“. Dabei haben sich die Vorwürfe offenkundig bestätigt.

„Unsere Kontrolleure haben vor Ort mündliche Anordnungen zur Sicherung der Einhaltung der Tierschutzvorgaben erlassen“, sagt der KBLV-Sprecher. Diese Anordnungen seien „umgehend mit einem zwangsgeldbewehrten schriftlichen Bescheid bestätigt und ergänzt worden“.  Damit solle beispielsweise sichergestellt werden, dass kranke Schweine von den gesunden getrennt, in separaten Krankenboxen untergebracht und tiermedizinisch behandelt werden. Wegen des Schweins mit dem lahmen Hinterteil hat auch die KBLV Strafanzeige gestellt. „Denn es ist mutmaßlich über einen längeren Zeitraum weder behandelt noch notgetötet worden“, sagt der Sprecher.

Die KBLV ist erst seit Dezember 2024 für die Überwachung der Mastanlage im Unterallgäu zuständig. Davor war es das Landratsamt Unterallgäu. „Der Wechsel erfolgte, da die Betreiber mehrere Ställe zu einer Gesamtanlage zusammengefasst haben“, sagt der KBLV-Sprecher. Davor wurden die Ställe als getrennte Betriebe geführt. Die KBLV ist aber nur für Schweinemastbetriebe ab 2000 Mastplätzen aufwärts zuständig. Für alle Anlagen mit weniger Mastplätzen sind die jeweiligen Landratsämter zuständig. Bei der ersten Kontrolle der Mastanlage durch die KBLV im Februar 2025 sind dem Sprecher zufolge einige bauliche Mängel, Mängel am Kadaverlager und in einem Teil der Anlage Mängel an der Beleuchtung festgestellt worden. Der Betrieb habe alle Mängel in der gesetzten Frist behoben.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Schockierende Aufnahmen aus Milchviehbetrieb
:„Rohe Gewalt gegenüber hilflosen Tieren“

Ein Tierschutzaktivist filmt mit versteckter Kamera, wie Arbeiter Kälbern und Kühen gegen den Kopf treten und sie schlagen, bis der Stock bricht – ausgerechnet auf dem Hof, der bereits 2019 im Fokus des Allgäuer Tierschutzskandals stand. Experten sprechen von „krassen Bildern“.

SZ PlusVon Florian Fuchs und Christian Sebald

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: