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Unter Bayern:Rasend langsam

Zwischen Turbotag und Langweile: Dem eigenen Gefühl für Zeit kann man in der Corona-Krise nicht allzu sehr vertrauen

Kolumne von Nadeschda Scharfenberg

Ach, du blödes Virus, was hast du nur mit dem Zeitgefühl gemacht. Das pandemische Paradoxon, es geht so: Die Tage ziehen rasend langsam vorüber, dicht gedrängt und doch fürchterlich zäh, als wäre die Zeit ein tropfender Wasserhahn, der gleichzeitig Plloopp... plloopp... plloopp und Ploppploppploppploppplopp macht.

Es ist ein Gehetze durch immer gleiche Abläufe, Videocall hier, Videocall da, hundert Mails und tausend Slack-Nachrichten, dazwischen "Pettersson und Findus" vorlesen und den ständig verschwundenen Teddy suchen, dann Mathe, Französisch, Sachkunde, Bildschirmzeitdiskussionsorgien und die Skype-Klarinettenstunde. Krümel auffegen, alte Schachteln von der letzten Online-Bestellung zum Container tragen, Nudeln mit Irgendwassoße kochen, Abendspaziergang links herum und morgen rechts herum. Ermattet vor dem Fernseher einpennen, während der Talkshow-Söder im Traum immer weiterredet. Bayern ist erster, Bayern ist bester, Rhabarberrhabarber. Schnarch.

Das Absurde: Kaum ist ein Turbotag geschafft, gerinnt er zu einer Masse aus Kaugummizeit. Noch nie haben zwei Monate so unendlich lange gedauert. Weil die Erlebnisse fehlen, die wie Inseln herausragen aus dem Fluss der Zeit.

Manchmal ploppen auf dem Handy Termine aus einer anderen Welt auf. Nicht gelöscht in einer Vergangenheit, als es noch Hoffnung auf eine bald wieder normale Zukunft gab. Konzertbesuch, erste Orchesterprobe mit dem neuen Programm, Muttertagsständchen in der Kita. Bei jedem dieser Nicht-Ereignisse fühlt sich die Gegenwart seltsam unvollendet an.

Manche dieser Was-wäre-gewesen-wenn-Termine lösen besondere Wehmut aus, da hilft alles Schlechtreden nicht. Kommunionkerze basteln? Ach, wenigstens kein Kampf mit den Wachsplatten. Singprobe? Ach, der Organist spielt eh immer an derselben Stelle falsch. Festgottesdienst? Ach, immerhin kein Stress mit einer widerspenstigen Lockenmähne, die sich nicht in einen französischen Zopf zwingen lassen will. Dankandacht? Nichts zu danken auch!

Und es kommen mehr Termine dieser Art. Taufe der Nichte. Konzert der italienischen Lieblingssängerin. Wochenendtrip nach London. Steht alles noch im Kalender. Löschen? Nein! Lieber weiter hoffen.

© SZ vom 09.05.2020
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