Unter Bayern:Niemals gar nie nicht

Lesezeit: 2 min

Die vielfache Verneinung ist ein Privileg der Dialektsprecher und drückt manchesmal eine Stimmungslage viel besser aus als die Hochsprache. Umso schlimmer, dass das Bairische vom Aussterben bedroht ist. Die Auswirkungen reichen bis zum Krippenspiel

Glosse von Hans Kratzer

Eine vom Kinderlärm strapazierte Mama aus der Dingolfinger Gegend hat sich neulich lautstark Luft gemacht: "Ja, is denn bei uns gor nia ned koa Ruah ned!", schimpfte sie. Mithilfe einer vierfachen Verneinung verlieh sie ihrem Tadel energisch Nachdruck, ein Trick, der nur im Dialekt funktioniert. Das weiß auch eine Brauerei aus Markt Schwaben, die ihr Helles vermarktet wie das biblische Manna: "Mia ham no nia ned nix anders ned drunga!"

Zugegeben, das klingt, als habe der Werbetexter an grammatischer Insuffizienz gelitten. Doch folgen diese Sätze exakt einer in Bayern üblichen Sprachlogik. Die mehrmalige Verneinung ist sogar in der hiesigen Literatur populär. "Ich fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will, aber er sagte nein, weil er keine so starken nicht raucht", ist in den Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma zu lesen.

So betrachtet, kann man sich eigentlich keinen Reim nicht darauf machen, dass das Regionalinstitut für Marktforschung soeben herausgefunden hat, 61 Prozent der Bayern sprächen im Alltag Dialekt. Und das, obwohl das Bairische schon seit zwölf Jahren auf der Liste der bedrohten Sprachen steht. Nun sagt die Studie, dass in Niederbayern (87 Prozent) und in der Oberpfalz (84 Prozent) besonders viele Dialektsprecher leben. Vermutlich betrachten sie es in Zeiten des Ausspionierens im Internet als ganz praktisch, eine Geheimsprache zu beherrschen: "Wannst den Bleamestock ned giaßd, na dadirrdada" (Wenn Du den Blumenstock nicht gießt, verdörrt er). Die Zwänge der Existenz drückt der Oberpfälzer so aus: "Da Bou mou dou, wos da Bou dou mou!"

Seit jeher fiel die Weltbetrachtung in diesen Regionen sehr knapp aus: "Ja mei!", "von mir aus!", "kannst nix macha!" Eine Nähe zu anderen Weltsprachen ist aber zu erkennen. Ein indischer Pfarrer, der in Niederbayern praktiziert, erzählte, ein Sünder, der Unwahrheiten verbreitet hatte, habe ihm den Frevel auf Chinesisch gebeichtet: "I hon glong!" Der Dialektexperte Sepp Obermeier erzählte einmal von einem Buben, der beim Krippenspiel mitwirken durfte. Man schärfte ihm ein, er müsse nach der Schrift reden. Weil er den Esel spielte, sah das Textbuch für ihn ein lautes "iaah, iaah, iaah" vor. Der Bub besann sich und rief mit frohem Mute: "Ich auch, ich auch, ich auch!"

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB