Unter Bayern:Meister Eders Chefin

Lesezeit: 2 min

Niemand verkörperte den Typus der resoluten Haushälterin so gut wie die Münchner Volksschauspielerin Erni Singerl. Am Sonntag wäre sie 100 Jahre alt geworden

Glosse von Hans Kratzer

Als der Grantlhuber Karl Valentin einmal die junge Erni Singerl traf, hatte er kaum ein gutes Wort für sie übrig. Sie schaute ihn groß an, sagte aber nichts, obwohl sie durchaus die Fähigkeit zur deutlichen Aussprache besaß. Der Journalist Karl Stankiewitz erlebte die Singerl einmal bei einem Couplet zur Maibockprobe im Hofbräuhaus. Damals benahmen sich die geladenen Staatsbeamten daneben und lärmten so laut, dass die Sängerin mit den Worten "Leckts mi doch am Oasch" die vom Bierdunst benebelte Bühne verließ. Doch zurück zu Karl Valentin. "So, Schauspielerin magst werden. Na ja", sagte er zu ihr, "schee bist grad ned. Aber komisch kanntst wern." Und so kam es auch, die Singerl wurde ein Bühnen- und Fernsehstar, der Valentin später gewiss gratulieren hätte müssen, wenn er mögen hätte wollen. Schon deshalb, weil sie die Rolle des Firmlings ähnlich gekonnt ausfüllte wie vor ihr die unnachahmliche Liesl Karlstadt.

An diesem Sonntag dürfte Erni Singerl ihren 100. Geburtstag feiern. Die dumme Ausrede, solche Leute kenne doch niemand mehr, zieht nicht, da ja Serien wie der "Monaco Franze" ständig wiederholt werden. Erni Singerl spielt dort die Haushälterin Irmgard, die dem Franze saftig die Leviten liest. Unvergessen auch ihre Aufritte als Meister Eders Putzfrau in der Pumuckl-Serie. In derlei Rollen bündelt sich bei ihr die Schauspielkunst der nach wie vor beeindruckenden Generation um Gustl Bayrhammer, Walter Sedlmayr und Karl Obermayr, die noch karge Zeiten erlebt hatte, vom Granteln wie vom Humor geprägt war und ebenso verschwunden ist wie jene Hinterhöfe und Boazn, in denen sie aufgeblüht ist.

Singerls Aufstieg begann im Münchner Platzl, aber bald reüssierte die nur 1,54 Meter große Person, deren souveräne Resolutheit umgekehrt proportional zu ihrem Körpermaß war, auch im Rundfunk und im Film. Intendant Kurt Wilhelm monierte zwar, sie habe zu viel Humor, aber das verhinderte nicht, dass sie Gefühle jeder Art ausdrücken konnte. All die Ehrungen, die ihr diese Kunst bescherte, nahm sie ohne eitles Tamtam hin. Nach ihrem Tod im Jahr 2005 wurde sie im kleinen Kreis in aller Stille beerdigt. Den Applaus hatte sie zu Lebzeiten kassiert, mehr brauchte es nicht. So verfügte es die große Erni Singerl.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB