Süddeutsche Zeitung

Unter Bayern :Heiliger Blasius, oder sonstwer, hilf!

In Krisenzeiten werden manche Leute fromm. Und andere abergläubisch. Zwar dürfen gerade keine Gottesdienste gefeiert werden, dafür legen die einen Gelübde ab und die anderen zünden Kerzen an. Hauptsache, sie lassen die Finger vom Weihwasser!

Die Dame neulich war sich ganz sicher. "Glauben Sie mir", sagte sie der Verkäuferin am Bauernmarkt, die ihr gerade einen frischen Saibling herübergereicht hatte, "das kommt von oben." Das Coronavirus meinte sie und dass es sich um einen göttlichen Fingerzeig handeln müsse. "Weil die Leute ja gar nicht mehr wissen . . ."

Es gibt Menschen, die nicht glauben können, dass ein zufällig mutiertes Virus gerade unser Leben durcheinanderbringt, sie vermuten eine Verschwörung von dunklen Mächten oder wenigstens eine Strafe Gottes. Eine solche sei Corona nicht, das haben inzwischen mehrere Bischöfe betont. Göttlicher Beistand wird dennoch oder gerade deswegen vielerorts erfleht, dumm nur, dass dieses Virus auch das gemeinsame Beten verbietet. Und welch Zynismus, dass sie in Oberammergau die Passion verschieben mussten, die doch einst eingeführt wurde, um von einer Seuche verschont zu bleiben.

Der Pfarrer von Chammünster hält ein Gelübde offenbar immer noch für wirkungsvoll. Sollte die Pfarrgemeinde vom Coronavirus verschont bleiben, wolle man jedes Jahr "das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit und den Gedenktag der selig unbefleckt empfangenen Jungfrau von der Wundertätigen Medaille festlich mit den heiligen Sakramenten begehen", empfiehlt er im Pfarrbrief. Erste Theologen befürchten kirchliche Rückschritte, wenn nun wieder Gelübde abgelegt werden und der Passauer Bischof seine Diözese wegen der Krise dem Herz der Gottesmutter weiht. Die Mitarbeiter des Hofladens im Kloster Plankstetten erhalten jeden Tag einen Blasiussegen, der "vor allen Halskrankheiten und allem Bösen" schützen soll. Der heilige Blasius zählt zu den 14 Nothelfern, weil er einem Buben eine Fischgräte aus dem Hals gebetet haben soll. Als er 316 n. Chr. grausig zu Tode gemartert wurde - von eisernen Kämmen zerfleischt -, war das Coronavirus noch kein Thema, aber da wird er schon ein bisschen flexibel sein.

Wem das zu abergläubisch klingt, der kann ja um 18 Uhr eine Kerze ins Fenster stellen, wozu die einen aufrufen. Oder mit den anderen um 19 Uhr das Vaterunser beten. Wenn das auch nichts hilft? Dann wird es zumindest nichts schaden. Aber lassen Sie die Finger in nächster Zeit vom Weihwasser. Wegen der Viren.

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Quelle:
SZ vom 28.03.2020
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