CSU:Obergrenze der Empfindsamkeit

CSU-Vorsitzender Horst Seehofer

Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer ist nicht bei allen Themen empfindsam.

(Foto: dpa)

In Selbstmitleid ist die CSU ganz gut, siehe die Diskussionen um die Nockherberg-Fastenpredigt. Aber Mitleid mit anderen? Ist nur was für Schwache.

Kolumne von Franz Kotteder

Man mag es kaum glauben, aber die Bayern sind ein ungemein sensibles Volk, und am sensibelsten sind die Bayern von der CSU. Gerade haben Landtagspräsidentin Barbara Stamm und Sozialministerin Emilia Müller erklärt, dass sie wegen Luise Kinsehers Nockherbergrede, in der sie ein wenig Spott ausgesetzt waren, dem Spektakel nächstes Jahr fernbleiben wollen.

Ja, eingeschnappt ist man leicht einmal, wenn man sich Kritik anhören muss. Aber jede Empfindlichkeit hat auch Grenzen. In Bayern fallen die oft mit den Landesgrenzen zusammen. Ministerpräsident Horst Seehofer ist zum Beispiel ziemlich empfindlich, wenn es um die bayerischen Grenzübergänge geht. Dort will er eine Obergrenze, die möglichst niedrig sein soll.

Jenseits dieser Landesgrenzen wird er aber erstaunlich schmerzfrei; da ist er lustig mit Leuten wie Putin und Orbán zugange, mit denen andere aus guten Gründen ihre Schwierigkeiten haben. Nicht sehr zu berühren scheinen ihn auch Schicksale, die weiter entfernt sind von Bayerns Grenzen, etwa die in griechischen Flüchtlingslagern oder gar in Syrien. Denn sonst würde man von ihm ja auch einmal etwas dazu hören, was mit diesen Menschen eigentlich geschehen soll, seiner Meinung nach. Außer, dass er sie nicht hierhaben will. Aber da kommt nichts.

Wahrscheinlich aus Selbstschutz: Mitgefühl kann ja in Verzweiflung umschlagen, wenn man zu sensibel ist. Und wer mag sich schon gerne Krieg, Folter und Terrorherrschaft plastisch ausmalen, oder auch nur eine Flucht im Schlauchboot übers Meer? Dafür braucht man ein gewisses Vorstellungsvermögen. Das reicht gemeinhin leider nur bis zum Geldbeutel, und auch dort nicht einmal bis zu dem Gedanken, für wie viel Geld man selbst freiwillig die eigene Heimat verlassen würde, um sich etwa - wie zum Beispiel in Clausnitz - einem Haufen feindseliger Unsympathen auszusetzen.

Stattdessen redet man unentwegt pauschal von "Wirtschaftsflüchtlingen" und ist auch noch beleidigt, wenn einem die eigene Fantasielosigkeit um die Ohren gehauen wird. "Unter Kabarett verstehe ich etwas anderes", hat Emilia Müller im Rundfunk gesagt. Wie man die einfühlsame Sozialministerin kennt, gibt es in ihrer Art von Kabarett wohl wenig zu lachen.

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