Ungleiche Bezahlung:Lehrer an katholischer Schule will Rente in Höhe einer Beamtenpension

Ungleiche Bezahlung: 32 Jahre lang unterrichtete Helmut Zimmermann Chemie und Biologie am Gymnasium Seligenthal. Er will der Schule nichts Böses, sagt er. Er geht immer noch gerne hin.

32 Jahre lang unterrichtete Helmut Zimmermann Chemie und Biologie am Gymnasium Seligenthal. Er will der Schule nichts Böses, sagt er. Er geht immer noch gerne hin.

(Foto: Marco Einfeldt)
  • Helmut Zimmermann streitet vor Gericht darum, von der katholischen Kirche eine Rente in Höhe einer Beamtenpension für Lehrer zu erhalten.
  • Seiner Ansicht nach war diese bei seiner Anwerbung Teil von Versprechungen.
  • In seinem Fall beläuft sich der Unterschied auf 1600 Euro im Monat. Insgesamt sind etwa 2500 Lehrer katholischer oder evangelischer Schulen betroffen.

Von Anna Günther, Landshut

Seit 15 Jahren streitet Helmut Zimmermann um seine Rente. Er prozessiert durch die Instanzen, lässt nicht locker. 13 Lehrer des Landshuter Gymnasiums Seligenthal kämpften sich als Solidargemeinschaft bis zum Bundesarbeitsgericht. Übrig geblieben ist nur Zimmermann. Sein Vorwurf: Die bayerischen Diözesen und Träger der katholischen Schulen bezahlten den Lehrern weniger Rente, als sie vor Jahrzehnten versprochen hatten - und stehlen sich aus der Verantwortung.

15 Ordner mit Verträgen, Urteilen und Gutachten stehen im Arbeitszimmer. Längst kann er jede Seite frei zitieren. Zimmermann, 69, ist Naturwissenschaftler, Fakten liegen ihm. Das ist ein Segen, denn die Sache ist kompliziert. Es geht um Vertrauen, Versprechungen und fehlende Kontrolle. Am Ende waren Schulträger und Lehrer überrascht. Jahrzehntelang nahm Zimmermann an, er würde im Alter so viel Geld bekommen wie ein Beamter im Staatsdienst. Die Differenz ist von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich. Bei Helmut Zimmermann sind es etwa 1600 Euro im Monat.

Geld, das für ihn ein Kriterium war, in den Siebzigerjahren an die Privatschule und nicht in den Staatsdienst zu gehen. Damals fehlten in Bayern Lehrer. Um mithalten zu können, warben Privatschulen mit Arbeitsbedingungen wie beim Staat. Die angestellten Lehrer sollten über eine zusätzliche Altersversorgung mehr Rente bekommen, als ihnen gesetzlich zustünde, und besser versorgt sein. Damit die Schulträger Teile der Personalkosten vom Freistaat zurückbekommen, mussten sie diese Versorgung nach "beamtenrechtlichen Grundsätzen" in die Verträge schreiben.

Jahrzehnte später müssen sich nun die Gerichte damit auseinandersetzen, was mit diesen "beamtenrechtlichen Grundsätzen" genau gemeint war.

Betroffen sind etwa 2200 Lehrer an katholischen und 300 an evangelischen Schulen. Die Prozesse aber richten sich gegen katholische Schulträger, gegen die Schulstiftung Seligenthal und das Schulwerk Augsburg. Bis 2005 war der Passus Bestandteil der Lehrerverträge an katholischen Schulen. Die evangelischen Schulträger wählten eine andere Formulierung, die kaum Missverständnisse zulässt. 180 Lehrer meldeten sich bei Zimmermann, fragten nach und spendeten. Damit finanzierte er insgesamt 240 000 Euro Prozesskosten. So intensiv wie der Landshuter beschäftigt sich niemand damit.

Seine Frau fragt sich schon lange, wieso er nicht einfach seinen Ruhestand genießt. "Mei, ich bin halt sehr gerechtigkeitsbewusst", sagt Zimmermann. Ums Geld gehe es ihm nicht so sehr, sagt er, es gehe ums Prinzip. Wie ein Wutbürger wirkt Zimmermann wahrlich nicht. "Das Schlimmste ist der Vertrauensbruch", sagt er. Jahrzehntelang habe die Kirche Loyalität gefordert, sie schreibt Lehrern bis heute einen gewissen Lebensstil vor. "Aber Loyalität ist keine Einbahnstraße", sagt Zimmermann. Die Bistümer hätten zusammenlegen können, dann hätte niemand klagen müssen.

Zimmermann beharrt auf einer Versorgung wie bei Staatsbeamten. "Das war aber nie so gedacht und steht auch nicht in den Verträgen", sagt Schwester Hanna Sattler, die juristische Referentin des Katholischen Schulwerks in Bayern, dem Dachverband von 170 katholischen Privatschulen. Wer schuld ist am Dilemma, ist kaum zu klären: Was Schulleiter einst im Bewerbungsgespräch erzählten oder nicht, könne niemand mehr nachweisen. Die Schulträger zahlten in die Zusatzversorgungskasse ein und sahen damit ihren Teil der Abmachung als erfüllt an. Diese Annahme hatte 2007 auch das Bundesarbeitsgericht (BAG) in Erfurt festgestellt.

"Wir wurden immer wie Beamte behandelt, bekamen keine Gehaltserhöhung, mussten mehr arbeiten und jetzt gilt das nicht mehr?", entgegnet Zimmermann. Er kam 1977 nach Seligenthal, unterrichtete 32 Jahre lang am Gymnasium der Zisterzienserinnen Chemie und Biologie und engagierte sich 16 Jahre lang in der Mitarbeitervertretung. Spricht er von Seligenthal, sagt Zimmermann "unsere Schule" und "wir". Vor zehn Jahren ging er in Rente, Konzerte und Feste besucht er bis heute.

Dass er im Alter weniger Geld bekommen würde als angenommen, bemerkte Zimmermann 2002 zufällig: Ein Vertreter der Zusatzversorgungskasse kam nach Seligenthal und informierte darüber, dass die Rentenberechnung umgestellt wurde und wie sich das auswirkt: Die Lehrer bekommen weniger. Von den Versprechungen der Schulträger hatte der Mann noch nie gehört. Was er zu bieten hatte, war weit weniger als eine Beamtenpension.

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