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Umwelt:Hier lernen sogar Kaffeebauern aus Kolumbien die Holzernte

Früher war das Baumfällen extrem anstrengende und gefährliche Handarbeit. Und eigentlich ist es das auch heute noch.

(Foto: Holzknechtmuseum)

In den Chiemgauer Alpen lehren die Bayerischen Staatsforsten, wie man nachhaltig Holz fällt. Trotz moderner Hilfsmittel sind die Forstberufe immer noch riskant.

Hundert Dezibel, ohne Gehörschutz geht hier nichts. Der Lärm ist ohrenbetäubend, als Eric Bleichrodt, 26, seine Motorsäge ansetzt. Jeder Schritt muss sitzen, damit der Baum auch in die richtige Richtung fällt. Zuvor hat Bleichrodt die Stelle gesichtet, den Fluchtweg bestimmt, die Kollegen gewarnt und eine Fallkerbe in den Stamm geschnitten. Mit einem Rauschen stürzt die Fichte um.

Sophie Walter steht weiter hinten in sicherem Abstand und beobachtet das Werk ihres Kollegen. "Man hat nicht viel Zeit", sagt sie, "innerhalb von Sekunden muss man den Schnitt ganz genau machen, sonst fällt der Baum nicht so wie geplant." Walter ist eine von 15 angehenden Forstwirten aus Südbayern, die kurz vor der Abschlussprüfung stehen. Am Ende ihrer dreijährigen Ausbildung sind sie noch einmal zum Lehrgang in das forstliche Bildungszentrum Laubau bei Ruhpolding gekommen. Dieses Jahr sind auch zwei Frauen dabei. Frauen sind immer noch eine Minderheit in forstlichen Berufen.

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Warum sich Sophie Walter für den Job entschieden hat, dafür hat sie eine einfache Antwort: "Draußen sein, zu allen Jahreszeiten. Und mit Holz arbeiten." Ihr Vater ist Schreiner, auch daher kommt ihre Leidenschaft für den Naturrohstoff. Vor allem im Chiemgau wollen viele den traditionellen Beruf des Holzknechts erlernen, der umgangssprachlich immer noch so heißt und die Region seit Jahrhunderten prägt. Zwar leben Waldarbeiter nicht mehr ganz so gefährlich wie damals, aber auch heute birgt der Beruf viele Risiken. Das schreckt die hochgewachsene Frau nicht ab. Sie sagt: "Klar schwingt die Angst mit, aber wenn man darüber die ganze Zeit nachdenken würde, kann man es gleich sein lassen." Wenn sie die Sicherheitsstandards und Regeln befolge, dann passiere ihr auch nichts.

Die Holzernte ist nach wie vor das Kerngeschäft der bayerischen Staatsforsten. Knapp 2700 Beschäftigte bewirtschaften insgesamt 808 000 Hektar Staatswald und haben im Geschäftsjahr 2016 immerhin 71 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet. Mit dem technischen Fortschritt haben immer mehr Maschinen die Knochenarbeit der Forstwirte ersetzt. Ganz ohne Muskelkraft geht es aber nicht. Das gilt vor allem für die Berghänge im Alpenvorland. Deshalb brauchen die staatlichen Forstbetriebe im Süden dringend Nachwuchs. "Bis September 2019 bilden wir 60 Forstwirte aus, also etwa doppelt so viele wie momentan", sagt Sebastian Paar, der Leiter der Laubau. Das Zentrum bei Ruhpolding und ein weiteres in Nürnberg sind für die Aus-, Fort-, und Weiterbildung der eigenen Forstmitarbeiter zuständig.

Die Laubau - so versteckt sie auch in den Chiemgauer Bergen liegen mag - ist inzwischen auch international bekannt. Etwa ein Viertel aller Kursteilnehmer kommt aus dem Ausland. Das sind Kaffeebauern aus Kolumbien, die in der Heimat Wälder in Hanglagen bewirtschaften oder Chinesische Forstdelegationen, die sich für die duale Berufsausbildung im Forst interessieren. Hier lernen sie, wie man Holz in Steillagen oder per Seilkran erntet. Aber auch Studenten vom Campus Weihenstephan der TU München, aus der Schweiz und anderen Ländern kommen regelmäßig an die Laubau. "Wir sind hier gut ausgelastet", sagt Paar.

Als Leiter soll er sie alle unter einen Hut bekommen. "Das ist unsere Bibel, ohne die geht hier gar nichts", sagt er sichtlich stolz. Gemeint ist der "Ressourcenplan", eine Excel-Tabelle mit vielen bunten Kästchen, die Erinnerungen an das Computerspiel Tetris wecken. Sebastian Paar ist Forstwissenschaftler und IT-Experte. Auch deshalb gibt es in allen Seminarräumen WLAN, interaktive Tafeln und regelmäßige Skype-Schalten. Interessierte und Motorsägenfans können sich sogar bei Youtube-Tutorials Tipps von den fünf Lehrmeistern der Laubau abholen.

Inzwischen zählt die Motorsäge zur Grundausrüstung der Forstleute.

(Foto: Holzknechtmuseum)

Zurück im realen Klassenzimmer zoomt Lehrmeister Wolfgang Thum die Kette einer Motorsäge auf die moderne Tafel heran und umkringelt die Zacken mit seinem Touchpen. Auf dem Stundenplan steht Motorsägen-Instandsetzung. Fünf Azubis begutachten die Zähne auf der Kette, setzen den Meterstab an, messen die Winkel und feilen drauf los. Sind die Winkel zu spitz, schneidet die Motorsäge zu aggressiv.

Die Motorsäge ist für den Forstwirt das, was für den Soldaten das Gewehr oder für den Maurer das Senklot sind: absolute Grundausstattung. Leider ist die Motorsäge laut, schwer und sie stinkt nach Benzin. Leisere Akku-Motorsägen sind zwar im Kommen, aber für dicke Stämme sind sie noch zu schwach. Für die Jungbestandspflege reicht aber schon der "Spacer". So nennt ihn Wolfgang Thum und führt die kleine Akku-Motorsäge an einem langen Schaft seinen Azubis in einem Waldstück nahe der Laubau vor.

Zur Ausbildung gehört auch das Pflanzen

Bei der Lehreinheit "Jugendpflege" geht es nicht um Teenager, sondern darum, wie man den Wald der Zukunft gestaltet. Auf Anweisung des Revierleiters sollen die Azubis auf etwa 50 Quadratmetern junge Buchen abschneiden. Die jungen Tannen darunter kommen so ans Licht und können besser wachsen. Bis daraus ein Hochwald wird, dauert es Jahrzehnte.

Auch wenn der Wald für Laien urig aussieht, er ist das Ergebnis der Arbeit von Generationen. Der Mischwald um Ruhpolding musste von Grund auf nachwachsen, nachdem ihn Holzknechte über Jahrhunderte hinweg hektarweise für die Salzgewinnung in Salinen abgeholzt hatten. Heute setzen nicht nur die Staatsforste, sondern auch private Waldbesitzer auf möglichst naturnahe Wälder. Ziel ist eine stabile Mischung aus Fichte, Buche und Tanne.

Der Naturschutz gehört inzwischen genauso zur Ausbildung wie die "Pflanzerei", sagt Sophie Walter, also junge Bäume nachzupflanzen - ehemals die Aufgabe der Frauen. Das sei zwar eine angenehme Arbeit, aber nach acht Wochen Pflanzerei habe sie auch wieder Lust auf etwas anderes, sagt Walter. "Das darf man jetzt eigentlich gar nicht sagen, aber die Holzernte macht mir am meisten Spaß." Wenn die Fichte richtig fällt, dann ist sie glücklich.

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