Umwelt Auf der Suche nach Hut und Stiel

Ein schlechtes Schwammerljahr war das heuer, beklagen Experten und Liebhaber. Es war einfach zu heiß und zu trocken für Pilze. Doch jetzt, mitten im Oktober, sprießen sie plötzlich. Problematisch ist allerdings, dass der Eifer der Waldbesucher oft konträr zu deren mykologischen Kenntnissen ist

Von Hans Kratzer

Zurzeit läutet das Telefon des Pilzberaters Alfred Hussong in Niederaichbach (Landkreis Landshut) nahezu ununterbrochen. "Fast lauter Giftnotrufe", sagt er, und seine Begründung leuchtet durchaus ein. Seit einigen Tagen wachsen in den Wäldern nämlich wieder Schwammerl, und leider auch die giftigen, die so manchen Magen verderben und bisweilen noch weitaus schlimmere Beschwerden verursachen. Diese Entwicklung kommt für Laien einigermaßen überraschend, denn die Schwammerlsaison schien bereits beendet zu sein. "Es war ein sehr schlechtes Schwammerljahr", sagt Hussong, kaum besser als die vergangene Saison, die auch schon extrem dürftig ausgefallen ist. Insgesamt war es für die Pilze wieder einmal viel zu heiß und zu trocken. Nur im Juli wuchsen in einem kurzen Zeitfenster von 14 Tagen in größerer Zahl Steinpilze, Hexenröhrlinge und Pfifferlinge (Reherl). "Dann war es aber schon wieder vorbei mit der Schwammerlherrlichkeit", bestätigt Bernhard Mrosek vom Verein für Pilzkunde in München. Etwas besser schaute es nur auf den Höhen des Bayerischen Waldes und der Voralpenberge aus. Aber selbst in den besten Lagen wurde die übliche Ausbeute bei weitem nicht erreicht.

Durch die anhaltende Feuchtigkeit haben sich mittlerweile die Myzelien in der Erde, aus denen sich die Pilze entwickeln, etwas erholt. Schwammerl können nur bei entsprechender Nässe gut gedeihen, und das tun sie gerade, auch wenn es etwas zu kalt ist. Die Schwammerlexperten Mussong und Mrosek sind zuversichtlich, dass in den kommenden Wochen noch mehr Pilze aus dem Boden sprießen, obwohl bereits der November naht.

Voraussetzung: Es darf keinen Frost geben, denn dann ist die Saison endgültig vorbei. Die Lust am Schwammerlsuchen ist indessen ungebrochen. Problematisch ist nur, dass die Sammelleidenschaft der Waldbesucher oft konträr zu ihren mykologischen Kenntnissen steht. Zwar gibt es in den hiesigen Wäldern bis zu 8000 Pilzarten mit Hut und Stiel, aber nur etwa 200 sind gefahrlos essbar und nur 30 Arten schmecken richtig gut. Mindestens zehn Pilzarten gelten für den Menschen als tödlich giftig. Der giftigste von allen ist der Knollenblätterpilz, der für 90 Prozent aller tödlichen Pilzvergiftungen verantwortlich ist. Er wächst von August bis Oktober in hiesigen Laub- und Mischwäldern und wird häufig mit dem schmackhaften Waldchampignon verwechselt. Die Pilzberater empfehlen deshalb dringend, nur solche Schwammerl zu verspeisen, die man hundertprozentig kennt. Wer nach dem Verzehr eines Pilzgerichts Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Schweißausbrüche zeigt, sollte sofort den Notarzt rufen oder den Giftnotruf in München kontaktieren (Tel. 089/192 40).

Den Speisepilz des Jahres 2016, den Maronenröhrling, erkennen dagegen die meisten Schwammerlsucher. Aber schon ein kleiner Steinpilz könne leicht verwechselt werden mit einem giftigen Schleierling, sagt Mrosek, der mit seinen Kollegen vom Verein für Pilzkunde die Pilzberatungsstelle der Stadt München betreut (bis 17. Oktober montags von 10 bis 13 Uhr und von 16.30 bis 18 Uhr in der Stadtinformation im Rathaus am Marienplatz). Dabei muss er durchaus so manchen Schwammerlsucher enttäuschen, der ihm hoffnungsvoll einen vermeintlichen Steinpilz vorlegt. Oft sind es nur Bitterlinge (Gallenröhrlinge), die gerne mit dem Steinpilz verwechselt werden. Ein einziger solcher Schwammerl macht jedes Pilzgericht ungenießbar.

Überhaupt rät Pilzberater Mrosek, man solle Schwammerl wegen der radioaktiven Belastung nur in Maßen verzehren, höchstens einmal pro Woche etwa 200 Gramm. Der am stärksten strahlende Schwammerl ist laut Mrosek der Semmelstoppelpilz, der Ähnlichkeit mit einem Reherl besitzt. Sein Cäsiumgehalt ist mindestens fünfmal so hoch wie der in der Europäischen Union geltende Grenzwert. Auch Maronenröhrlingen weisen häufig einen erhöhten Strahlenwert auf.