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Umfrage:Die Allgäuer mögen Touristen, aber ...

. . . wollen bei Projekten mehr mitreden. Das zeigt eine Studie der Hochschule in Kempten

670 000 Einwohner leben im Allgäu, sie sehen sich mit einer Vielzahl an Touristen konfrontiert: vier Millionen Gästeankünfte pro Jahr, 13,5 Millionen Übernachtungen - Tagesbesucher sind da gar nicht eingerechnet. Klar, dass sich die Beschwerden häufen. Ist die Grenze also jetzt erreicht? Kippt die Stimmung? Die Hochschule für angewandte Wissenschaften in Kempten hat unter Leitung von Professor Alfred Bauer eine Studie erstellt und die Allgäuer befragt: Demnach fühlen sich die meisten Einheimischen durch den Tourismus nicht gestört - noch nicht, muss man allerdings sagen, blickt man auf weitere Ergebnisse: Die Befragten wollen mehrheitlich nicht weniger, aber auch nicht mehr Tourismus. Und mehr als 90 Prozent aller Allgäuer plädieren für eine sanfte, naturverträgliche Tourismusentwicklung.

1854 Einheimische haben die Wissenschaftler befragt. 80 Prozent davon, das ist Bauer wichtig zu betonen, haben angegeben, in keiner Weise mit dem Tourismus verbandelt zu sein. Umso mehr hat den Dekan der Fakultät Tourismus-Management die seiner Ansicht nach zentrale Aussage der Studie überrascht, wonach 73,7 Prozent der Befragten sagen, sich nicht gestört zu fühlen. "Die Einstellung zum Tourismus ist viel positiver, als ich vorher gedacht hätte", sagt er. Die Allgäuer halten den Tourismus auch für einen wichtigen Wirtschaftsfaktor, der laut knapp 90 Prozent aller Befragten unbedingt gebraucht wird. Die letzte erhobene Zahl aus dem Jahr 2016 weist einen Umsatz von 3,1 Milliarden Euro aus.

Das große "Aber" kommt, wenn man tiefer in die Antworten geht. Natur und Landschaft, Ruhe und Erholung sind nach Ansicht der Befragten die Hauptgründe, warum Gäste überhaupt ins Allgäu reisen. Da verwundert es nicht, dass sich praktisch alle einig sind, wohin die Reise gehen soll: zu einem sanften, naturverträglichen Tourismus, zu mehr Qualität in den Angeboten und auch zu mehr Einbeziehung der Einheimischen, etwa in Strategieworkshops. Über ihren Kopf hinweg wollen die Allgäuer ihre Landschaft nicht mehr gestaltet wissen. Zumal es aus ihrer Sicht einige Dinge zu verbessern gibt. Der Tourismus, darin sind sich auch fast alle einig, belaste den Verkehr und treibe die Immobilienpreise. Das hohe Verkehrsaufkommen und die ständige Parkplatzsuche nerven die Allgäuer am meisten. 58,2 Prozent sagen auch, dass durch das hohe Gästeaufkommen die Umwelt zerstört werde.

Die Oberallgäuer und die Ostallgäuer stehen dem Tourismus vergleichsweise am kritischsten gegenüber, Schloss Neuschwanstein gilt als schwierigster Hotspot. Dort sind einige der 36,5 Millionen Tagesgäste unterwegs, die jährlich ins Allgäu kommen. "Die in den Griff zu bekommen, ist das A und O", sagt Bauer. Der Professor erinnert daran, dass dazu auch viele Allgäuer zählen. "Wir sind Teil des Problems." Als Maßnahmen wünschen sich die Einheimischen Verhaltensregeln, Benimm-Leitfäden und eine bessere Besuchersteuerung. Höhere Eintrittspreise lehnen sie eher ab. "Das würde ja auch an den eigenen Geldbeutel gehen", sagt Bauer. Der Professor arbeit bereits an seinem nächsten Projekt: Für den Mai organisiert er eine Fachtagung. Das Thema: "Erfolgreicher Tourismus ohne Wachstum."

© SZ vom 28.11.2019
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