Umfrage-Affäre: GMS-Institut:Der Haus- und Hof-Demoskop der CSU

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Wenn die CSU eine Umfrage braucht, dann steht GMS bereit. Doch warum fertigt das Institut ungefragt politische Analysen? Die Frage führt ins Innenleben - und ins Selbstverständnis - der CSU.

Mike Szymanski

Wer wissen will, wie der Bayer so tickt, der findet in Helmut Jung vom Hamburger Meinungsforschungsinstitut GMS einen Kenner. Jung, 64, und von Beruf Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, kann alles herausfinden, wenn sich seine Fragensteller ans Telefon hängen.

Umfrage-Affäre: GMS-Institut: Delegierte vor einem CSU-Logo: Wenn die Partei wissen wollte, wie der Bayer tickt, hatte sie einen guten Ansprechpartner: das Meinungsforschungsinstitut GMS.

Delegierte vor einem CSU-Logo: Wenn die Partei wissen wollte, wie der Bayer tickt, hatte sie einen guten Ansprechpartner: das Meinungsforschungsinstitut GMS.

(Foto: AP)

Jung hat etwa herausgefunden, dass der Bayer seinen FC Bayern mag und dass ihm die Heimat am Herzen liegt. Tempolimits schätzt er allerdings genauso wenig wie zu viel Autoverkehr: "Bei uns fährt jedes Rindvieh durch", sagte einmal ein Befragter. So unterhaltsam und harmlos kommen die Studien aus dem Hause Jung aber nicht immer daher.

In der Affäre um CSU-orientierte Meinungsumfragen der bayerischen Staatskanzlei, für die der Steuerzahler aufkommt, nimmt Jungs Meinungsforschungsinstitut eine Schlüsselrolle ein. Bei GMS sind jene umstrittenen 108.000 Euro teuren Studien in Auftrag gegeben worden, die Anleitungen enthalten, wie die CSU den politischen Gegner kleinhalten kann. Im Umgang mit dem Koalitionspartner FDP rät die Studie aus dem Jahr 2008 sogar dazu, den Konflikt zu suchen.

Regierungs- und Parteichef Horst Seehofer findet daran nichts Verwerfliches. Jungs Institut habe ungefragt die kritischen Empfehlungen in die Studie aufgenommen, verteidigt er sich und seinen Staatskanzleichef Siegfried Schneider. Die Frage, ob es sein könne, dass ein Meinungsforscher ohne Auftrag politische Analysen liefert, führt tief ins Innenleben von Partei- und Regierungsarbeit - und schließlich zu der Erkenntnis, dass die CSU das lange Zeit sowieso als Einheit betrachtet hat. Und Jung hat davon in besonderer Weise profitiert.

Regelmäßige Expertisen

Sowohl die CSU, die parteinahe Hanns-Seidel-Stiftung als auch die Staatskanzlei haben nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung über viele Jahre hinweg regelmäßig bei Jung Expertisen in Auftrag gegeben. In der Partei gilt er als "Haus- und Hof-Demoskop der CSU", berichtet einer aus der Führungsspitze, der ihn vor etwa 20 Jahren kennengelernt hat. Ein Sprecher der Staatskanzlei gibt an, dass die Regierungszentrale seit 1997 mit dem Meinungsforscher zusammenarbeitet.

Jung, gebürtiger Kölner, leitete zwischen 1972 und 1979 die Abteilung Wahlforschung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Danach stieg er zu einem der führenden Meinungsforscher für die Union auf. 1998 hat er sich mit der Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung (GMS) in Hamburg selbständig gemacht.

"Da tröpfelt nichts durch"

Wer sich in der CSU umhört, bekommt viel Lob für Jung mitgeteilt, sogar Bewunderung schwingt mit. "Er ist exzellent", schwärmt einer. Auch der Fernsehsender Sat1 greift gerne mal auf Jung zurück, wenn er über Befindlichkeiten in Bayern berichten will. Mindestens genauso wichtig ist, dass Jungs kleines Institut mit neun Mitarbeitern als sehr verschwiegen gilt. "Da tröpfelt nichts durch", sagt einer, der in der CSU mitzureden hatte, wenn es darum ging, Studien in Auftrag zu geben. Warum sonst sollte man sich ein Institut im fernen Hamburg suchen, merkt er noch an.

In Zeiten der Alleinregierung sah man - so berichten es übereinstimmend Insider aus Parteizentrale und Staatskanzlei - lediglich die Notwendigkeit, sauber zu trennen, wer Auftraggeber der Studie ist und damit die Rechnung bezahlt. Die wesentlichen Erkenntnisse der Studien wurden dann informell zwischen Staatskanzlei und Partei-Hauptquartier ausgetauscht. "Zwei bis drei Leute konnten immer sicherstellen, dass die wichtigen Informationen weitergereicht wurden", erzählt einer.

Bis heute freut sich manch ein Verantwortlicher über Synergieeffekte: Mal fragte Jung im Auftrag der Partei, mal im Auftrag der Stiftung, mal im Auftrag der Staatskanzlei. "Informell sind die Studien schon aufeinander abgestimmt worden", berichten zwei Funktionäre übereinstimmend über die früher gängige Praxis. Und Jung hatte den Vorteil, dass er seine Computer ständig mit frischen Daten füttern konnte.

Auftrag von Stoibers Schattenmann

Auf Jung greift die CSU auch gerne zurück, wenn Umfragen anderer Institute mal zu unerwünschten Ergebnissen kommen. Kurz vor der Kommunalwahl 2008 hatte sich der damalige CSU-Bezirkschef Günther Beckstein über eine Umfrage geärgert, die SPD-Oberbürgermeister Ulrich Maly und seine SPD in Nürnberg weit vor der CSU und deren Kandidaten sah. "Die Daten liegen abenteuerlich neben dem, was wir an Stimmung erleben", sagte Beckstein damals und beauftragte Jung. Dessen Ergebnisse fielen dann so gut aus, dass Beckstein seine Partei schon auf der "Überholspur" sah. Am Wahltag fuhr die SPD freilich einen fulminanten Sieg ein - Jung lag falsch.

In der CSU-Spitze gehen die Meinungen auseinander, wie die kritischen Stellen ins Gutachten gelangen konnten. Für die einen klingt es plausibel, dass Jung von sich aus die Analysen geliefert hat. "Gewohnheitsrechtliche Vorgabe", nennt das einer süffisant.

Andere wundern sich nicht, wenn sie lesen, wer die Studie in Auftrag gegeben hatte: Michael Höhenberger, einer von Edmund Stoibers mächtigen Schattenmännern, der zwischenzeitlich auch mal das CSU-Hauptquartier geleitet hat. Höhenberger war für Stoiber vor allem ein Scharnier zwischen Regierung und Partei - es wäre nicht das erste Mal, dass unter seiner Funktion beides verschmilzt. Heute arbeitet er als hoher Beamter im Umweltministerium.

Meinungsforscher Jung könnte natürlich selbst am besten beantworten, wie die Passagen in die Studie kamen. Er lehnt aber trotz mehrmaliger Anfrage der SZ eine Stellungnahme zu den Vorgängen ab.

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