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Tunnel unter dem Augsburger Bahnhof:"Hier wurde ein Riesenmist gebaut"

Bauzeit bis 2022, Kosten von mehr als 200 Millionen Euro: Die Untertunnelung des Augsburger Hauptbahnhofs entwickelt sich zur Dauerbaustelle. Die Kosten explodieren und der Umbau verzögert sich abermals. Nun wird der Widerstand gegen das Projekt immer lauter.

Die Baustelle zerteilt den Vorplatz des Augsburger Hauptbahnhofs in zwei unförmige Hälften. In der Mitte, wo einst ein drei Meter hoher Brunnen plätscherte, klafft jetzt ein zehn Meter tiefes Loch. Die lang gezogene Grube wirkt wie eine hässliche Wunde, der Bretterzaun wie ein Fremdkörper vor der klassizistischen Fassade des Empfangsgebäudes. Nun mehren sich die kritischen Stimmen, die das Loch lieber heute als morgen zuschütten und das Jahrhundertprojekt gleich mitbegraben würden.

Grund der Ablehnung: Der Umbau des Bahnhofs mitsamt Untertunnelung verteuert und verzögert sich nochmals massiv. Mindestens 143 Millionen Euro soll das Projekt inzwischen kosten, der Tramtunnel wird frühestens im Jahr 2022 in Betrieb gehen. Die Gegner rechnen die Gesamtkosten inzwischen schon auf mehr als 200 Millionen Euro hoch. Sie kritisieren, dass die Stadt das Geld viel besser ausgeben könnte und dass die Stadtwerke unter der Schulden-Last einbrechen könnten. Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU) wird gleich von mehreren Seiten bedrängt, das Projekt auf Eis zu legen - auch aus der eigenen Partei. Doch trotz einiger offener Fragen zeigt er sich entschlossen, die Großbaustelle zu Ende zu bringen.

Die Kosten explodieren

Eine der viel diskutierten Fragen: Wer ist verantwortlich für die Kostenexplosion und die Bauzeitverlängerung um drei Jahre? OB Gribl und Stadtwerke-Chef Walter Casazza schoben die Schuld zunächst auf das Planungsbüro, von dem sie sich im Sommer getrennt hatten. Doch die renommierte Münchner Gesellschaft Obermeyer weist die Vorwürfe strikt zurück.

Ausbau des Hauptbahnhofs

Unterirdische Planung in Augsburg

Teure Planungsmängel: Der Umbau des Augsburger Hauptbahnhofs dauert mindestens drei Jahre länger als bislang geplant - und kostet deutlich mehr als die veranschlagten 117 Millionen Euro. OB Gribl muss Fehler eingestehen.   Von Stefan Mayr

Noch vor acht Jahren waren die Kosten auf 75 Millionen Euro beziffert worden - heute sprechen die Stadtoberen von 143 Millionen plus 40 Millionen Nebenkosten. Hierbei ist allerdings die Teuerungsrate noch gar nicht eingerechnet. Ein Faktor, der bei einer - voraussichtlichen - Bauzeit bis 2022 nicht zu unterschätzen ist.

Stadtwerke-Chef Casazza schließt auf Anfrage tatsächlich nicht aus, dass das Projekt am Ende mehr als 200 Millionen kosten könnte. Er zitiert den Spruch der Bergleute ("Vor der Schaufel ist es dunkel") und sagt: "Bei einem derart großen Langläufer-Projekt ist man gut beraten, die Progose nicht zu konkret zu machen." Um die aufsteigende Skepsis in der Stadt zu bremsen, schaltete Casazza am Wochenende eine ganzseitige, bunte Anzeige in der Lokalzeitung, in der er "die großen Vorteile" des Bahnhof-Umbaus aufzählte.

Baustopp oder nicht?

Doch die Rufe nach einem Baustopp werden nicht leiser. Sie ertönen über das gesamte politische Spektrum hinweg - von den Linken über die AfD bis hin zur Regierungspartei CSU. "Hier wurde ein Riesenmist gebaut", wettert CSU-Stadtrat Rolf von Hohenhau, der auch Präsident des Bundes der Steuerzahler ist. Freilich war Hohenhau schon früher als Chefkritiker des Bahnhoftunnels aufgetreten. Bereits 2010 hatte er das Projekt in das Schwarzbuch der Steuergeldverschwendungen aufgenommen und prophezeit, der Umbau werde mindestens 150 Millionen kosten. Diese Zahl wurde damals von den Stadtoberen nur müde belächelt. Doch nun stellte sich Hohenhaus Prognose als richtig heraus - seitdem schießt er wieder aus vollen Rohren. Er kritisiert den ehemaligen Stadtwerke-Chef ("Er muss zur Rechenschaft gezogen werden") und die Regierung von Schwaben ("spielt eine mehr als fragwürdige Rolle") und fordert einen vorübergehenden Baustopp. Bei der jüngsten Stadtratssitzung legte er allen Räten ein 68-seitiges Konvolut seiner Argumente vor. "Damit keiner mehr sagen kann, er habe nicht Bescheid gewusst."

Doch das neue schwarz-rot-grüne Bündnis scheint stabil hinter dem Projekt zu stehen. OB Gribl kann froh sein, dass er im Frühling sowohl SPD als auch Grüne ins Regierungsboot gehievt hat. Andernfalls würde ihm der Bahnhofstunnel jetzt wohl um die Ohren fliegen.