Studieren auf dem Land Das Hochschuldorf in der mittelfränkischen Provinz

Hier muss jeder studierte Bauer einmal durch: das Gebäude der Hochschule Triesdorf, Deutschlands kleinster Hochschulstandort.

(Foto: Hochschule Weihenstephan-Triesdorf)

In Triesdorf gibt es 69 Einwohner - und mehr als 2000 Studenten aus aller Welt. Die schwören auf niedrige Mieten, gute Betreuung und selbst organisierte Partys.

Von Dominik Kalus, Triesdorf

Manche Menschen legen sich zuerst auf einen Studienort fest und überlegen danach, was sie eigentlich studieren wollen. Sie wählen Berlin für das Nachtleben, Innsbruck für die Berge. Aber Triesdorf? Am Ort kann es nicht liegen. Triesdorf selbst hat nur 69 Einwohner, die angrenzende Marktgemeinde Weidenbach knapp 3100. Es gibt dort zwei Kirchtürme, eine Sparkasse, Bäcker, Metzger und einen Dönerladen, das war's. Und trotzdem studieren in Triesdorf 2000 Menschen. Sie ziehen aus ganz Deutschland und fernen Ländern wie Armenien, Australien und Usbekistan her, um Landwirtschaft oder Umwelt zu studieren.

"Wenn man nicht selber hier wohnt, ist es schwierig zu verstehen", sagt Theresa, Landwirtschaftsstudentin im dritten Semester. Sie sitzt mit ihren Kommilitoninnen Mara und Anna-Maria auf grünen Kunststoffstühlen in der "Mensateria". Gerade hat sich ihr Professor vom Tisch verabschiedet mit dem Hinweis, ihn bei weiteren Fragen einfach anzurufen. Die Handynummer seines Dozenten zu haben, sei hier nicht unüblich, klärt Anna-Maria auf. Alle drei schwärmen von ihrem Hochschulleben, von kurzen Wegen und der familiären Atmosphäre. "In einer Großstadt würde ich untergehen", erzählt Mara, die aus einem 110-Einwohner-Dorf kommt. Theresa hat es zuvor in Bayreuth probiert, sich aber nicht wohl gefühlt. Sie schätzt es, dass man sich in Triesdorf kennt. Es gebe aber auch Großstädter hier, die sich wohlfühlten. "Für Triesdorf entscheidet man sich bewusst."

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Spaziergang auf dem Campus. Auf dem weitläufigen Gelände stehen Gebäude aus Holz und Glas neben historischen Barockbauten. Eine eingezäunte asphaltierte Fläche beherbergt Mähdrescher und Landwirtschaftsgeräte. Daneben: die campuseigene Lehrmolkerei nebst Käseladen. "Praxisnähe" ist in Triesdorf nicht nur ein Schlagwort. Die Hochschule betreibt eigene Lehrställe und hat Versuchsfelder direkt vor der Haustür. "Wir gehen aus dem Hörsaal und stehen auf dem Feld", sagt Mara. Was den dreien wichtig ist: "Dörflich heißt nicht langweilig. Wir haben hier ein klassisches Studentenleben." Ein Kino oder ein Fitnessstudio gebe es im 15 Kilometer entfernten Ansbach. Und was größere Städte an Partys oder Clubs böten, spiele sich in Triesdorf auf privaten Feiern ab.

Denn einen unbestreitbaren Vorteil hat das Studieren auf dem Land: Es gibt Platz und günstigen Wohnraum. Die WG-Zimmer beginnen bei 150 Euro, alles über 250 Euro gilt als teuer. In Triesdorf selbst stehen hauptsächlich Lehrgebäude, die Studenten wohnen in Weidenbach oder umliegenden Dörfern. Deren Bewohner haben sich auf temporäre Mitbürger eingestellt, vermieten leer stehende Räume und planen bei Bauvorhaben zusätzlichen Wohnraum für Untermieter ein.

Triesdorf war früher Sommerresidenz der Markgrafen von Ansbach, aus deren Ackerbauschule erwuchs ein Bildungszentrum für Landwirtschaft und Ernährung. Neben der zu Weihenstephan gehörenden FH gibt es eine Berufs- und eine Fachoberschule sowie zahlreiche Aus- und Weiterbildungseinrichtungen. Somit gesellen sich zu den 2000 Studenten noch einmal 900 Schüler. "Es heißt, jeder bayerische Landwirt nördlich der Donau kommt irgendwann im Laufe seines Lebens nach Triesdorf", sagt Martin Döring, der hier Zoologie und Ökologie lehrt.

Mehr Studierende als Einwohner

In Studentenstädten wie Passau beträgt der Anteil der Studenten an der Einwohnerschaft etwa ein Viertel. In Triesdorf studieren und lernen mehr Menschen, als im Ort dauerhaft wohnen. Gibt es da keine Konflikte zwischen Bürgern und Studenten? "Das Verhältnis ist mittlerweile sehr gut", sagt Weidenbachs Bürgermeister Gerhard Siegler. So mancher Untermieter werde wie ein Familienmitglied behandelt. "Man ergänzt und unterstützt sich." Das bestätigt auch Martin Döring, der als einer der 69 Triesdorfer direkt auf dem Campus wohnt. "Wenn es mal Ärger gibt, dann am ehesten, wenn die Studenten es auf einem der Bälle haben krachen lassen."

"Bälle", so heißen die viermal im Semester stattfindenden Partys in der Alten Reithalle, der Aula der Hochschule. 2016 hatte so ein Ball Schlagzeilen gemacht. Die Veranstalter hatten auf Facebook Alkoholmissbrauch und Fehlverhalten unter den Besuchern beanstandet. Diverse Medien griffen den Eintrag auf und dramatisierten ihn zum "Triesdorfer Exzess", was dem Ort ein kurzzeitiges Image als bayerischer Ballermann einbrachte. Doch Partyorgien mit überregionalem Echo bleiben eher eine Seltenheit. "Von den Studenten kriegt man eigentlich nichts mit, außer dass es von Jahr zu Jahr weniger Parkplätze gibt", erzählt ein etwa 100 Meter neben der Hochschule wohnender Weidenbacher.

Wer sich am Campus umhört, der hat schnell die Klischees der Studiengänge raus. Der typische Umweltsicherheitsstudent, "Umsi" genannt, läuft barfuß rum und trägt Dreadlocks, der Landwirtschaftsstudent Karohemden und unauffällige Frisuren. Darauf angesprochen müssen die drei Drittsemesterinnen schmunzeln. "Oft kann man am Aussehen erraten, was einer studiert", sagt Theresa. Döring, der Ökologieprofessor, macht zwei verschiedene Gruppen von Studenten aus: "Von unseren Landwirten hat ungefähr die Hälfte daheim selbst einen Hof. Die fangen bei uns an und haben zehn Jahre Berufserfahrung. Die Umweltstudenten kommen oft mit hehren Ideen, aber null Erfahrung."

Die Furcht vor dem Wochenende

Die unterschiedliche Perspektive sorge oft für Missverständnisse. "Überspitzt gesagt: Die Umweltler verstehen nicht, warum der Bauer so grob mit seinem Boden umgeht, und die Landwirte verstehen nicht, was diese Käferbeinzähler eigentlich wollen." Allerdings arbeite man fächerübergreifend gut zusammen. Unter Studenten komme es aber vor, dass jemand als Antwort auf einen "Arbeitskreis Grüner Essen" einen "Arbeitskreis Spanferkel" ins Leben rufe.

Die meisten Studenten und Schüler pendeln an den Wochenenden in ihre Heimat. Einer von denen, die zurückbleiben, ist Agrarstudent Tomislav. Der Bosnier kann wie die meisten der 133 ausländischen Studenten nicht so einfach zwischendurch nach Hause. Die Euphorie am Campus teilt er nicht, vielmehr beklagt er die Leere an den Wochenenden. "Von Freitag bis Sonntag kannst du spazieren gehen und begegnest niemandem." Er sehne sich seinem Ende hier entgegen, könne aber jemanden vermitteln, der das ganz anders sieht.

Besuch bei Hermann. Der Student der Erneuerbaren Energien ist seit fünf Jahren in Triesdorf, man kennt ihn auf dem Campus. Er sitzt in seinem sauberen Wohnheimzimmer auf dem Schreibtischstuhl. "Ich würde jedem empfehlen, hier zu studieren", sagt er. Es gebe zwar keine Discos, dafür eine große Vertrautheit zwischen den Studenten. Er zückt sein Handy und zeigt Bilder vom grünen Triesdorfer Sommer, von Grillfesten und dem nahen Altmühlsee, von Studentenpartys in alten Bauernhäusern. "Das Leben kocht. Um in Triesdorf auf keiner Party zu landen, muss man schon zu Hause bleiben."

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