Altmühltaler Mineralbrunnen Treuchtlingens Stadtrat will das Grundwasser verkaufen

Das Trinkwasser für die Treuchtlinger Bürger wird über das Fernwassernetz herangepumpt, weil die Kommune ihr eigenes Wasser an die Firma Altmühltaler Mineralbrunnen verkauft.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)
  • Eine Treuchtlinger Mineralwasserfirma will ihre Fördermenge mehr als verdoppeln.
  • Nun kommen Vorgänge ans Licht, die die Einwohner gegenüber den Behörden, der Firma aber auch dem Treuchtlinger Stadtrat misstrauisch machen.
  • Für das Grundwasser in der Region wären die Folgen ungewiss.
Von Uwe Ritzer, Treuchtlingen

War es nur ein Versehen? Oder ein Trick, um die wahren Zusammenhänge zu verschleiern? Als die Stadtwerke Treuchtlingen 2018 beantragten, jährlich 300 000 Kubikmeter Tiefengrundwasser zusätzlich fördern zu dürfen, wurde dies zunächst mit der Trinkwasserversorgung der mittelfränkischen 13 000-Einwohner- Kommune begründet. Dabei agierten die Stadtwerke gewissermaßen nur als Strohmann. Denn die Wassermenge war nie für die öffentliche Versorgung bestimmt, sondern ausschließlich für die Firma Altmühltaler Mineralbrunnen, die es als Mineralwasser in Plastikflaschen abfüllen und verkaufen will. Erst auf Betreiben des Wasserwirtschaftsamtes wurde der "Fehler" in den Antragsunterlagen korrigiert.

Es sind Vorgänge wie diese, die nach und nach an die Öffentlichkeit geraten und großes Misstrauen in der Bevölkerung im südlichen Mittelfranken ausgelöst haben. Misstrauen gegenüber den Behörden, der Firma aber auch dem Treuchtlinger Stadtrat. Ohne die Öffentlichkeit über die Dimension zu informieren, treiben sie seit Monaten den Plan voran, dem Unternehmen über einen städtischen Brunnen künftig mehr als doppelt so viel Grundwasser zukommen zu lassen wie bisher, 550 000 statt 250 000 Kubikmeter jährlich. Im Gegenzug lockt die Firma Altmühltaler, die zum Mineralwasserkonzern der Familie Schäff gehört (und ihren Sitz ungeachtet ihres Namens vor Jahren schon von Treuchtlingen im Altmühltal nach Baruth in Brandenburg verlagert hat), mit der Auslagerung ihrer Produktion aus der Treuchtlinger Stadtmitte an den Stadtrand. Damit fiele der lästige Lkw-Verkehr in der Innenstadt weg.

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Die Pläne werfen die Grundsatzfrage auf, ob eine Kommune 10 000 Jahre altes Tiefengrundwasser an eine Privatfirma verschleudern darf, die es anschließend vorwiegend als Billigst-Mineralwasser für Discounter abfüllt und damit ordentlich Gewinn macht. Ganze 0,01 Cent pro Liter wollen die Treuchtlinger von Altmühltaler haben, so hat es der Stadtrat nichtöffentlich beschlossen. Die Bürger des Städtchens müssen für dieselbe Menge Trinkwasser 24-mal so viel bezahlen. Das wird übrigens über das Fernwassernetz von weit her nach Treuchtlingen gepumpt, weil das eigene Wasser verkauft wird.

Überhaupt ist die Kommune dem Wasserkonzern gegenüber sehr spendabel. So subventionierte sie das Unternehmen indirekt, indem sie mehrere Zehntausend Kubikmeter Erdaushub von einer Altmühltaler-Baustelle kostenlos abnahm. Die Firma sparte so mutmaßlich einige Hunderttausend Euro Entsorgungskosten.

Die aktuellen Wasserpläne sind deswegen brisant, weil Fachleute seit Jahren davor warnen, den betroffenen Tiefengrundwasserstock noch stärker auszubeuten. Allen voran das zuständige Wasserwirtschaftsamt Ansbach trat in der Vergangenheit als Mahner auf. Nun aber hat die Behörde nichts gegen einen siebenjährigen Probebetrieb einzuwenden, bei dem die zusätzliche Entnahme sukzessive auf die geforderten 300 000 Kubikmeter Wasser pro Jahr hochgefahren wird.

Erstaunlich ist dabei auch, dass die Behörde in dem Gutachten, das der SZ vorliegt, selbst darauf hinweist, dass die Grundwasserpegel seit Jahren sinken und sich die Wasserscheide bereits verschoben habe. Es werde schon "mehr Grundwasser entnommen, als im derzeitigen zugehörigen Einzugsgebiet neu gebildet wird". Auch von "anhaltend sinkenden Wasserständen" ist die Rede.

Zuständig für die Genehmigung ist das Landratsamt Weißenburg-Gunzenhausen, das die betroffenen Kommunen und Wasserversorger bis 31. Mai zu Stellungnahmen aufgefordert hat. Besonders großer Widerstand kommt aus Weißenburg, wo die Stadt eigene Brunnen im fraglichen Reservoir für die Trinkwasserversorgung betreibt. Das Thema dominiert die kommunalpolitischen Debatten und die Leserbriefspalten in den Lokalzeitungen, oft verbunden mit der Frage, welcher Politiker wann von den Plänen gewusst und die Öffentlichkeit nicht informiert habe. Außerparlamentarisch macht der Bund Naturschutz mobil, Infostände werden aufgebaut, Bürger sammeln Unterschriften und über ein Bürgerbegehren wird spekuliert.

Dabei spielt ausgerechnet eine amtliche Verlautbarung den Protestlern argumentativ in die Hände. 2016 veröffentlichte die Regierung von Mittelfranken eine 140 Seiten umfassende, mit "Wasserversorgungsbilanz Mittelfranken" überschriebene Expertise. Darin wird große Vorsicht verlangt. "Beim überdeckten Sandsteinkeuper im Süden Mittelfrankens zeigen sich fallende Druckspiegel, die möglicherweise auf eine Übernutzung hindeuten", warnt das amtliche Dossier. Es bestehe "grundsätzlich ein besonderes Risiko von irreversiblen nachteiligen Veränderungen". Tiefengrundwasser solle "aufgrund seiner sehr geringen Grundwasserneubildung und seiner Reinheit in seiner natürlichen Beschaffenheit grundsätzlich erhalten bleiben und kann nur sehr eingeschränkt nachhaltig genutzt werden".

Die Expertise trägt einen angesichts der aktuellen Debatte passenden Untertitel: "Heute schon an morgen denken."

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