Transfergesellschaften galten lange als ein Relikt vergangener Industriekrisen. Denn in Zeiten des Fachkräftemangels fanden viele Beschäftigte nach einer Kündigung schnell einen neuen Arbeitsplatz. „Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir in den vergangenen acht Jahren bei größeren Stellenabbauprogrammen kaum noch Transfergesellschaften mitverhandelt“, sagt Rico Irmischer von der IG Metall Regensburg. Doch das ändere sich gerade wieder.
Nun erleben Transfergesellschaften in Bayern eine Renaissance.„Viele Beschäftigte haben Sorge, nach einer Entlassung nicht unmittelbar einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Deshalb gewinnen Transfergesellschaften derzeit wieder deutlich an Bedeutung“, so Irmischer.
Die Zahlen stützen diesen Eindruck. Laut Daten der Bundesagentur für Arbeit in Bayern befanden sich im September 2025 insgesamt 2156 Menschen im Freistaat in Transferkurzarbeit. Ein Jahr zuvor waren es noch 1228, zwei Jahre zuvor lediglich 680. Zum Vergleich: Während der Corona-Pandemie lag die Zahl im September 2022 mit rund 2800 noch einmal höher. Die Bundesagentur weist zugleich darauf hin, dass sie lediglich Personen erfasst, für die Transferkurzarbeitergeld beantragt wurde. Die tatsächliche Zahl der Beschäftigten in Transfergesellschaften kann daher höher liegen.
Was sperrig klingt, spielt bei Werksschließungen und größeren Personalabbaumaßnahmen häufig eine entscheidende Rolle. Transfergesellschaften sind eigenständige Gesellschaften, in die Beschäftigte nach ihrem Ausscheiden aus dem bisherigen Unternehmen freiwillig wechseln können. Organisiert werden sie meist von spezialisierten Bildungs- und Personaldienstleistern, die die Beschäftigten beraten, weiterqualifizieren und bei der Jobsuche unterstützen.
Finanziert wird die Grundabsicherung über das Transferkurzarbeitergeld der Bundesagentur für Arbeit. Dieses entspricht je nach Familienstand 60 beziehungsweise 67 Prozent des von der Agentur für den entsprechenden Job pauschal festgelegten Nettogehalts und wird häufig von den Arbeitgebern aufgestockt.
Die konkrete Ausgestaltung wird meist zwischen Unternehmen, Betriebsrat und Gewerkschaft ausgehandelt. Beschäftigte können maximal zwölf Monate in einer Transfergesellschaft verbleiben. Die Zeit soll genutzt werden, um Bewerbungen zu schreiben, sich weiterzubilden und möglichst nahtlos in eine neue Beschäftigung zu wechseln.
Das klingt erst mal vielversprechend und trotzdem wird das Instrument gerne als „umstritten“ bezeichnet - warum aber? Beispiel: die aktuelle Situation beim Auto-Zulieferer Mahle. Nach der angekündigten Schließung des Werks in Neustadt an der Donau und einem viertägigen Erzwingungsstreik einigten sich Unternehmen und IG Metall auf einen Sozialtarifvertrag. Neben hohen Abfindungen und einem Härtefallfonds wurde auch eine Transfergesellschaft vereinbart. Nach Schätzung der Gewerkschaft dürften rund 250 der etwa 350 Beschäftigten dorthin wechseln.
Von einer sozialverträglichen Lösung kann aus unserer Sicht keine Rede sein.Rico Irmischer von der IG Metall Regensburg
Mahle bezeichnet Transfergesellschaften als „sinnvolles und bewährtes Instrument im Rahmen von Restrukturierungen“, das Beschäftigte durch Qualifizierungsmaßnahmen und Beratung beim Übergang in neue Arbeitsverhältnisse unterstütze.
Für die IG Metall gestaltet sich die Sache wie folgt: „Von einer sozialverträglichen Lösung kann aus unserer Sicht keine Rede sein“, sagt Irmischer. „Damit sollte sich kein Arbeitgeber rühmen.“ Und wieso nicht? Weil rund 60 Prozent des Einkommens in der Transfergesellschaft über das Transferkurzarbeitergeld vom Sozialstaat finanziert werde. „Die Transfergesellschaft ist ein Schutzschirm des Sozialstaats – eines Sozialstaats, der derzeit oft unter Beschuss steht, an dieser Stelle aber sehr gut funktioniert.“
Die grundlegende Diskussion verläuft so: Kritiker bemängeln, Transfergesellschaften verschöben Arbeitslosigkeit lediglich um einige Monate und machten Werksschließungen politisch leichter vermittelbar. Zudem verweisen sie auf einen wachsenden Markt spezialisierter Transferträger, die im Auftrag von Unternehmen Beratung, Qualifizierung und Vermittlung übernehmen und dafür vergütet werden. Befürworter halten dagegen, die Alternative sei häufig nicht eine direkte Vermittlung in einen neuen Job, sondern der unmittelbare Bezug von Arbeitslosengeld – ohne gezielte Qualifizierung und ohne strukturierte Begleitung.
Für den Arbeitsmarktforscher Ulrich Walwei ist die Entwicklung vor allem Ausdruck der wirtschaftlichen Situation in Bayern. Angesichts der schwierigen Lage der Industrie überrasche ihn der Anstieg der Transferkurzarbeit nicht. Vor allem in der Automobilindustrie, bei Zulieferern und im Maschinenbau stünden Unternehmen unter erheblichem Druck. Transfergesellschaften könnten in dieser Situation „eine Brücke und Übergangsvariante“ sein und dazu beitragen, den Strukturwandel besser zu bewältigen.
Zugleich verweist Walwei auf die Kosten. Für die Bundesagentur sei das Transferkurzarbeitergeld ein vergleichsweise teures Instrument, weil neben der Lohnersatzleistung häufig auch Qualifizierungs- und Fördermaßnahmen finanziert würden. Entscheidend sei deshalb auch, welchen Beitrag der bisherige Arbeitgeber leiste.
Im Fall des Autozulieferers Mahle weist das Unternehmen den Vorwurf zurück, die Werksschließung in Neustadt an der Donau sei vermeidbar gewesen. Geschäftsführung, Arbeitnehmervertreter und Werkleitung hätten in den vergangenen Jahren intensiv nach Lösungen gesucht, um die rückläufigen Auftragsvolumina zu kompensieren, teilt eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage mit. Auch die Möglichkeit eines Verkaufs und einer Fortführung des Standorts mit Investoren aus anderen Industrien sei geprüft worden – allerdings ohne positives Ergebnis. „Damit ist die Schließung leider unumgänglich.“
Die IG Metall widerspricht dieser Darstellung entschieden. „Je nach Ausstattung der Transfergesellschaft wird das für den Arbeitgeber teuer, das ist richtig“, sagt Rico Irmischer. Das vordringliche Ziel sei aber, Beschäftigte bei der Neuorientierung zu unterstützen, Qualifizierung zu ermöglichen und gegebenenfalls Zeiten bis zur Rente zu überbrücken. Im Fall Mahle habe er deshalb „kein Mitgefühl für Manager, deren selbstgesteckte Budgets überzogen werden“. Der Vorstand schließe „ohne Not ein profitables Werk“ und setze Menschen auf die Straße, „die teils jahrzehntelang hervorragende Arbeit für das Unternehmen geleistet haben“.
Gerade weil Transfergesellschaften also viel Geld kosten, Erwartungen wecken und politisch umstritten sind, stellt sich eine naheliegende Frage: Wie gut funktionieren sie eigentlich? Die Antwort fällt erstaunlich vorsichtig aus. Obwohl es das Instrument seit Jahrzehnten gibt, ist vergleichsweise wenig darüber bekannt, was innerhalb einzelner Transfergesellschaften den Unterschied macht. Walwei spricht von einer „Blackbox“. Zwar lasse sich inzwischen besser untersuchen, was mit Beschäftigten nach dem Wechsel in eine Transfergesellschaft passiert. Schwerer zu beantworten sei aber, was innerhalb der einzelnen Gesellschaften genau den Unterschied mache: Welche Beratung bekommen die Betroffenen? Welche Qualifizierung hilft wirklich? Und wie stark unterscheiden sich die Träger in ihrer Arbeit?
Auch die Studienlage ist schmal - und ambivalent
Die bislang wohl aussagekräftigste Studie dazu stammt von Forschern des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Sie kommt zu einem ambivalenten Ergebnis. Demnach nehmen Beschäftigte, die in eine Transfergesellschaft wechseln, langfristig häufiger wieder eine Arbeit auf als vergleichbare Personen ohne Transfergesellschaft. Einen vergleichbaren Vorteil beim Einkommen konnten die Forscher allerdings nicht nachweisen. Oder anders gesagt: Transfergesellschaften können die Chancen auf neue Beschäftigung erhöhen. Sie garantieren aber weder einen gleichwertigen Arbeitsplatz noch ein vergleichbares Einkommen.
Auch die IG Metall merkt an, dass eine Transfergesellschaft keine Garantie auf einen gleichwertigen neuen Arbeitsplatz bietet. Im Fall Mahle dürfte das auch schwierig werden. „Einen gleichwertigen Arbeitsplatz in der Region zu finden ist aktuell nicht einfach“, sagt Irmischer.
Und doch ist die Transfergesellschaft für die betroffenen Beschäftigten zunächst einmal eine gute Nachricht. „Diskussion hin oder her: Für die Beschäftigten ist es erstmal wichtig, formal nicht in den Status der Arbeitslosigkeit zu rutschen“, sagt Irmischer.
Ob der Anstieg der Transfergesellschaften in Bayern am Ende vor allem als Warnsignal einer tieferen Industriekrise gelesen werden muss – oder als Zeichen dafür, dass Strukturwandel mit den Mitteln des Sozialstaats zumindest abgefedert werden kann –, wird sich erst zeigen. Für die Beschäftigten bei Mahle ist die Antwort auf diese große Frage zunächst sehr konkret: Sie haben nun ein Jahr Zeit, um einen neuen Arbeitsplatz zu finden.



