Süddeutsche Zeitung

Niederbayern:Ein Kreisverkehr, um Touristen zu locken

Ein Kreisel als Wahrzeichen einer Gemeinde? Um die Durchschnittlichkeit des Ortes zu betonen? Kein Witz. Realität im niederbayerischen Frontenhausen.

Wenn ein Ort seinen Kreisverkehr zum Wahrzeichen erklärt, dann ist das jetzt nicht direkt eine Einladung zum Sightseeing. Eher eine Aufforderung, den Ort an der nächsten Kreiselausfahrt zu verlassen, noch bevor man ihn befahren hat. So bescheuert kann ja kein Ort sein, oder?

Nun, in Niederbayern ist das Realität. Inoffiziell gilt der Kreisel in Frontenhausen schon länger als Wahrzeichen. In dieser Woche hat ihn die Gemeinde auch offiziell zur Attraktion ernannt. Nein, nicht um Fremde abzuschrecken. Im Gegenteil. Der Kreisel soll den Fremdenverkehr nach Frontenhausen locken. Kein Witz.

Was nach Irrsinn klingt, ist einfach zu erklären. Frontenhausen kennt nicht jeder, aber fast jeder kennt das zweite Ich der Gemeinde: Niederkaltenkirchen. So heißt das fiktive Dorf, in dem die Krimis um den Polizisten Franz Eberhofer spielen. Niederkaltenkirchen "ist erfunden und trotzdem tausendfach vorhanden", sagt Rita Falk. Kreisel, Kirche, Marktplatz, Neubau- und Gewerbegebiet - mehr niederbayerischer Durchschnitt geht nicht, findet die Autorin der Eberhofer-Krimis.

Falk sagt: "Frontenhausen kommt meinem Niederkaltenkirchen am nächsten." Fünf ihrer Bücher wurden deshalb bereits in Frontenhausen verfilmt. Eine halbe Million Menschen haben jeden einzelnen Eberhofer-Film im Kino gesehen. Für Frontenhausen ist das eine riesige Zielgruppe, um sich als Filmkulisse zu vermarkten und Touristen in den Ort zu locken. Theoretisch. Denn praktisch weiß ja kaum jemand, dass hinter dem fiktiven Niederkaltenkirchen das echte Frontenhausen steckt.

Um das zu ändern, hat die Gemeinde nun den Kreisverkehr, der in jedem Film auftaucht, "Franz-Eberhofer-Kreisel" getauft und mit einer Tafel versehen, auf der die Filmschauspieler abgebildet sind. Sozusagen als Wink an die Autofahrer: Hier lang geht's in die durchschnittlichste aller durchschnittlichen Gemeinden! Treten Sie näher, kommen Sie ran an einen Ort, der ist, wie jeder andere! Ein cleverer PR-Schachzug. Ja, eine PR-Revolution! Denn bisher gehörte zum Erfolgsrezept der Werbung, das Besondere eines Ortes zu betonen, nicht das Durchschnittliche. Geht die PR-Strategie in Frontenhausen auf, es wäre, nun ja: die Quadratur des Kreisels.

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Quelle:
SZ vom 10.08.2018/haeg, cck
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