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Tourismus:Mit den Flusskreuzfahrten kam der Touristifizierungsgegner

Auch Walter Landshuter, 72, hat sein Angebot den Touristen angepasst. Ein bisschen jedenfalls. Er ist Mitbegründer des Scharfrichterhauses, der bekannten Passauer Kabarettbühne. Die Geschäftsführung hat er abgegeben, geht aber immer noch ein und aus, auch im Restaurant des Scharfrichterhauses. Am Eingang hängt die Speisekarte, die wegen der Touristen zweisprachig ist. Wer wissen will, was Pfannkuchensuppe auf Englisch heißt, erfährt es auf der Karte am Eingang: "Beefsoup with pancake-stripes".

Landshuter sperrt die Tür zum Scharfrichterhaus auf. Vor fünf Jahren hat das Hochwasser hier drin alles zerstört. Inzwischen ist das Haus saniert, jetzt müsse die Stadt einen anderen "Quell in den Griff kriegen, sonst überfluten uns die Touristen", sagt Landshuter. Natürlich sei der Tourismus wichtig für Passau, auch für das Scharfrichterhaus, er gibt das zu. Aber es darf nicht sein, dass "der Passauer in Passau überhaupt nicht mehr vorkommt". Wenn der OB sagt, dass kaum jemand über die Touristen klage, habe er dafür nur eine Erklärung, sagt Landshuter: "Es beschweren sich immer weniger Passauer, weil immer mehr Passauer wegziehen." All die Schiffe, die vollen Gassen, die Souvenirläden - "was willst du da als Passauer noch in der Altstadt?"

Wenn man so will, ist Landshuter ein Touristifizierungsgegner. Den Begriff Touristifizierung gibt es wirklich, nur konnte man die Gegner dieses Phänomens lange Zeit nur in Berlin beobachten, in Venedig, in Barcelona. Mit der Zahl der Flusskreuzfahrten ist der Zorn nun auch in bayerischen Städten gewachsen. In Passau, Bamberg, Regensburg, überall lästern die Leute. Tourismus müsse Mehrwert sein, keine Belastung, hat Passaus OB Jürgen Dupper gesagt. Die Frage ist nur, welchen Mehrwert der Tourismus den Einheimischen wirklich bringt?

Der einzelne, sagt OB Dupper, profitiere "durch den Beitrag des Tourismus zum Bruttoinlandsprodukt". Viele Passauer sehen das anders. Sie argumentieren, dass Kreuzfahrer gar keine Zeit haben, ihr Geld in Passau auszugeben. Oft bleiben sie nur wenige Stunden, "trampeln bis zum Dom, kaufen auf dem Rückweg einen Oktoberfesthut und auf Wiederschauen", sagt Egon Greipl. In Bamberg etwa, sagt eine Studie, lassen Kreuzfahrer im Schnitt nur 28 Euro in der Stadt. Es muss ja weitergehen, auch in Passau, weiter donauabwärts, nach Wien, Bratislava, Budapest.

"Verträumte Winkeln" und "authentische Läden"

Aber, mal ehrlich: Ist es nicht kleingeistig und menschenfeindlich, sich derart gegen Touristen zu sperren? "Ich habe keine Aversion gegen Touristen", sagt Landshuter, "ich mag nur keine Touristen, die keine Zeit haben." Ums Geld gehe es da weniger, sagt Landshuter. Und Egon Greipl sagt: Wenn Stadtführer die Kreuzfahrer im Eiltempo durch die Gassen "schleusen", bleibe keine Zeit, sich wirklich mit der Stadt zu befassen. Die meisten Führungen seien "ein Event, das mit der Passauer Geschichte wenig zu tun hat". Man dürfe den Reichtum Passaus "nicht auf die größte Kirche und die größte Orgel reduzieren". OB Dupper sagt, er wolle die Stadtführer bitten, ihre Touren vielfältiger zu machen. Geschieht das nicht, werde die Stadt "vollends zum Klischee und ihr Geist wird zerstört", sagt Greipl.

Wirklich atmen könne er diesen Geist nur jetzt, im Januar und Februar, wenn die alte Urlaubssaison vorbei ist und die neue nicht begonnen hat. "Aufschnaufpause", nennt Greipl diese Zeit. Während er aufschnauft, wirbt die Stadt bereits um neue Urlauber. In ihrer Urlaubsbroschüre ist von "verträumten Winkeln" die Rede und von "authentischen Läden".

Für die Texter der Broschüre ist Passau eine Stadt, "die Ihren Aufenthalt angenehm entspannt und Ihren Urlaub zu den schönsten Tagen des Jahres" macht. Für Egon Greipl dagegen gehen die schönsten Tage des Jahres bald zu Ende. Noch ein paar Wochen, dann brummt und rattert es wieder in Passau.

© SZ vom 20.01.2018/khe/ebri
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