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Toter Landrat von Regen:"Ein angeblich todsicheres System"

Viele wussten, dass Wölfl gerne spielte. Bei jeder Gelegenheit. "Wenn er einen Vorteil hatte, etwa Biermarken bekam, freute er sich wie ein kleines Kind", sagt Josefa Schmid. Sie ist Bürgermeisterin in dem schmucken Örtchen Kollnburg und kannte Wölfl seit ihrer Jugend. Vor vier Jahren ist er mit einem befreundeten SPD-Landrat bei der ARD-Show "Das Quiz" angetreten - die beiden räumten 30.000 Euro ab. Wölfl spielte Schafkopf und soll gern die scharfe Variante gewählt haben, bei der man an einem Abend Hunderte Euro verlieren kann.

"Wir wussten von seiner Neigung, auch von Casino-Besuchen, aber ich habe das als Hobby gesehen", sagt Alexander Muthmann, der als Freier Wähler bis 2008 den Nachbarlandkreis leitete. Aber es war viel mehr.

Von Aktienspekulationen und Internet-Poker-Partien schreibt ein Freund von Wölfl, der Redakteur der Passauer Neuen Presse Helmuth Rücker, in seinem Blatt. Und berichtet dabei von einem Besuch eines Berliner Casinos im kleinen Freundeskreis: "Er kannte ein angeblich todsicheres System: Wenn an einem Spieltisch eine Zahlen-Kombination eine bestimmte Zeit nicht auftauchte, muss auf diese Zahlen gesetzt werden."

Einen Stapel Briefe hat Rücker nach Wölfls Tod abgeschickt, als Freundschaftsdienst, den Wölfl Anfang August angestoßen hatte. Es waren Briefe an Gläubiger, denn die Zockerei stürzte ihn in Schulden. Ein Teil der Adressaten, 35 an der Zahl, meldete sich bei Rücker, dem informellen Insolvenzverwalter, der mittlerweile seinen Job an einen amtlichen abgegeben hat.

10.000 oder 20.000 Euro hatte sich Wölfl geliehen, immer mit Darlehensvertrag, immer unter dem Siegel der Verschwiegenheit, sagt Rücker. Als er die Kredite nicht tilgen konnte, habe Wölfl jeden potentiellen Geldgeber angesprochen: "Kreisräte, Ärzte, Unternehmen", berichtet Rücker. Mit dem Geld der neuen Kreditgeber versuchte Wölfl, die alten zu befriedigen. Bis er im August erkannte, dass er das System nicht mehr am Laufen halten konnte. Am 16. August fuhr er gegen einen Baum.

Kann es wirklich sein, dass Parteifreunde nichts wussten?

"Es ist schockierend, dass so ein hoch geachteter Mensch so krank war", sagt Thomas Müller, Bürgermeister von Bayerisch Eisenstein, "und es ist schockierend, dass es wohl so viele Leute so lange wussten." Offiziell streiten das alle ab, gerade in Wölfls Partei. Aber es bleibt die Frage: Kann es wirklich sein, dass Freunde, Parteifreunde aus seinem Kreis, nichts wussten, wenn es doch mindestens 35, vielleicht sogar 50 oder 60 Gläubiger gab?

Nur Christian Bernreiter, CSU-Landrat aus dem benachbarten Deggendorf, berichtet, dass er einige Wochen vor Wölfls Tod zu seinem politischen Ziehvater gefahren sei, ihn auf das Gerede angesprochen und eine Suchtbehandlung vorgeschlagen habe.

Ob Wölfl nicht nur sein eigenes Leben nicht mehr in den Griff bekam, sondern tatsächlich politische Entscheidungen verkauft hat, ob der Visionär unter dem Druck der Sucht kriminell wurde - das prüft nicht nur die Staatsanwaltschaft, sondern auch der Bayerische Kommunale Prüfungsverband. Bei der letzten turnusgemäßen Prüfung im Jahr 2006 sei nichts aufgefallen, sagt Direktor Helmut Stanglmayr. In den kommenden Monaten wäre wieder die Routinekontrolle des Landratsamtes Regen angestanden. "Das ziehen wir jetzt vor", sagt Stanglmayr. "Und wenn etwas im Finanzgebaren unstimmig war, dann finden wir das."

Für Stanglmayr könnte es ein Déjà-vu sein. Vor Jahren hatte ein Kassenverwalter in einem anderen Teil Bayerns vor einer Routineprüfung Selbstmord begangen. Die Kontrolle ergab dann: Der Mann hatte Geld unterschlagen.

© SZ vom 22.09.2011/afis
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