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Tornado über Schwaben:Bis Sonntag koordiniert ein Infopoint die Aufräumarbeiten

Vor dem Infopoint fährt ein Mann vor. Mercedes-Dienstwagen, Münchner Kennzeichen. "Ich brauche einen Statiker", sagt er, "ich weiß nicht, ob ich noch auf mein Dach darf." Hinter dem Biertisch steht Bernd Burkhart, der Leiter der Hauptverwaltung im Landratsamt Aichach-Friedberg. Er schreibt die Adresse auf und vermittelt per Funkgerät einen Experten. Bis Sonntag wird der Infopoint hier präsent sein. Auf dem Biertisch liegen kopierte Straßenkarten und Listen mit Telefonnummern von Handwerksbetrieben. Und in der Ecke liegen jede Menge Lebensmittel. Sie wurden vorbei gebracht von Freiwilligen. Ein Supermarkt hat zwei Lkw-Ladungen zur Verfügung gestellt, eine Brauerei einen Lieferwagen Getränke.

Am Nachmittag kommt Ilse Aigner als stellvertretende Ministerpräsidentin nach Affing. Im ersten Moment hält sie sich ihre flache Hand vor die Nase. Als sie eine Außenfassade erblickt, in der Dutzende Dachziegel stecken, ruft sie: "Mein Gott!" Sie läuft durch die Straßen und sucht das Gespräch mit Betroffenen. Eine Frau bricht in Tränen aus, Aigner nimmt sie in den Arm und tröstet sie. Ein Feuerwehrmann berichtet ihr von der Tornadonacht: "Als erstes mussten wir mit dem Schneepflug durch die Straße, damit wir überhaupt durchkommen." Nach eineinhalb Stunden Rundgang sagt Ilse Aigner: "Ich bin erst einmal schockiert über die Gewalt, die da durchgegangen ist." Aber sie sei auch "beruhigt, dass die Hilfskräfte so perfekt zusammenarbeiten." Am Dienstag werde sie im Kabinett über die Schäden berichten. "Wir werden beraten, wie wir unbürokratisch helfen können." Sie spricht von Steuerstundungen. Landrat Klaus Metzger (CSU) nennt eine Schadenschätzung: Etwa 40 Millionen Euro soll der Sachschaden betragen, etwa 180 Häuser sind betroffen.

Aktuelles Lexikon: Tornado

Bündelt sich die ganze Gewalt einer Gewitterwolke plötzlich in einem Trichter, hilft nur noch, in Deckung zu gehen. Tornados zerstören, was in ihrem Weg steht. Die Wirbelstürme, im Deutschen auch Windhosen genannt, bestehen aus dünnen Säulen, in denen die Luft rotiert. Der Wind erreicht schnell 200 Kilometer pro Stunde, in den USA wurde auch schon 500 gemessen. Der Luftwirbel ist oft um die 100 Meter breit, kommt mit dem Tempo des Stadtverkehrs voran und schlägt einige Kilometer lang eine Schneise der Verwüstung. Bekannt für Tornados in der sommerlichen Gewittersaison ist vor allem der mittlere Westen der USA, aber nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes gibt es auch in Deutschland 20 bis 60 Windhosen pro Jahr. Zuletzt war die Gemeinde Affing im Westen Bayerns betroffen. Die Entstehung von Tornados ist noch nicht endgültig geklärt. Entscheidend ist, dass warme, feuchte Luft nach oben strömt, wo es deutlich kälter ist und der Wind aus einer anderen Richtung weht als am Boden. Bei den stärksten Windhosen rotiert in der Gewitterwolke bereits die Luft. All das führt dazu, dass sich eine dünne Säule mit einem Wirbel bildet. Berührt sie den Boden, entfaltet der Tornado seine Kraft, bis er von seiner Energiequelle, der warmen, feuchten Luft, abgeschnitten wird. Christopher Schrader

Der Augsburger Bischof hält eine Andacht

Neben dem Infopoint haben Edgar Krumpen und sein Team von der Psychosozialen Notfallversorgung ihre Einsatzzentrale aufgebaut. Mit ihren blassgelb-blauen Jacken gehen sie durch die Straßen und sprechen die Betroffenen an. "Solange die Leute was zu tun haben, sind sie beschäftigt", sagt Krumpen. "Aber wenn sie zur Ruhe kommen und unsere Hilfe brauchen, stehen wir zur Verfügung." Zum Team gehören auch zwei Pfarrer, ein katholischer und ein evangelischer. Am Freitagabend kommt auch noch Augsburgs Bischof Konrad Zdarsa nach Affing, um eine Andacht zu halten.

Im Radio eines Traktors läuft der Song "Wind of Change" von den Skorpions. Die Frage, wie lange die Aufräumarbeiten dauern, kann und will hier niemand beantworten. Denn Gebenhofen wird nie mehr sein wie vor der Nacht zum Vatertag 2015. Viele Häuser müssen teilweise oder ganz abgerissen werden. Wintergärten haben sich in ihre Einzelteile aufgelöst. Scheunen, Hütten, ja sogar Ställe sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Hier geht es nicht um ein paar Tage oder Wochen Aufräumen. Sondern um Monate oder mehr.

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© SZ vom 16.05.2015/lime

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