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Tirschenreuth:Wir sind Karpfen

In Tirschenreuth in der Oberpfalz zieren zwar ein Löwe und ein Drache das Landkreiswappen - aber in Wirklichkeit dreht sich fast alles nur um einen dicken Fisch. Ein Besuch bei einem Draußen-Menschen in der Region der 1000 Teiche.

Von Nadeschda Scharfenberg

Mit Anglerromantik hat das alles nichts zu tun, das will Thomas Beer, von Beruf Fischwirtschaftsmeister, gleich mal loswerden. "Die Leute denken: Man hat einen Teich, dann fischt man - und macht ein Fest." Aber so ist das nicht, "das geht nicht einfach so von selbst". Fischwirt - das ist wie Landwirt. Nur dass der Fischwirt keine Felder bestellt, sondern Teiche. Er bereitet den Grund vor, er setzt, hegt und pflegt, er erntet. Nur eben nicht Weizen, Gerste, Mais, sondern Schleie, Hecht, Zander. Und hier, im Kreis Tirschenreuth, vor allem Karpfen, der fast so etwas wie das Wappentier der Region ist, obwohl er auf dem Wappen gar nicht drauf ist. Sondern ein Löwe mit Krone und ein Drache ohne Unterleib. Was dem Karpfen gegenüber eine Frechheit ist. Der Landkreis Tirschenreuth in der nördlichen Oberpfalz wimmelt nur so von

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Von Hengersberg nach Hopferau, von Lohr am Main nach Tyrlaching: Die Bayernredaktion der Süddeutschen Zeitung reist in diesem Sommer kreuz und quer durch den Freistaat. Wo genau es nach unserem Besuch im Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz, der geografischen Mitte Bayerns, hingehen soll, das bestimmen dieses Mal die Leser. Fest steht nur der Startpunkt der SZ-Sommerserie. Am Samstag, 9. August, geht es mit Hans Kratzer in Kipfenberg im Landkreis Eichstätt los - hier liegt der geografische Mittelpunkt Bayerns, und hier lockt der Naturpark Altmühltal für einen Kurzurlaub. Als Thema kommt alles infrage, was spannend ist und so noch nicht in der Zeitung stand: Ungewöhnliche Menschen und deren Leben, Naturschönheiten, Ausflüge in die Geschichte, seltene Berufe, ausgefallene Hobbys, Stadtgeflüster und Landpartien, all das kommt als Thema in Frage. Schreiben Sie uns, was und wen Sie in Ihrer Heimatregion für ganz besonders halten. Mit der Post an Süddeutsche Zeitung, Bayernredaktion, Hultschiner Str. 8, 81677 München oder per E-Mail an bayernredaktion@sueddeutsche.de. Tipps, aus denen wir eine Geschichte machen, werden mit einer Flasche Wein belohnt. SZ

Karpfen. Nicht nur in den 4700 Teichen lauern sie, sondern quasi an jeder Ecke, aus Epoxidharz, bunt bemalt. Ein gelber Karpfen mit blauem E vor dem Edeka, ein Karpfen mit CSU-Schriftzug vor dem Parteibüro in der Kreisstadt, ein Karpfen mit fein ziseliertem Blumenmuster auf Beers Hof im Weiler Kleinsterz - eine Reminiszenz an die darnieder liegende Porzellanindustrie. Im Städtchen Kemnath gibt es gar einen "phantastischen Karpfenweg" , ein Marketinggag, ähnlich wie die Berliner Bären oder die Löwen in München. Und das ist noch nicht genug, Kinder kraxeln auf Klettergerüsten in Karpfenform, es gibt einen Karpfenradweg und ein Fischereimuseum.

Blick von oben auf die Teiche von Thomas Beer.

(Foto: privat)

Der Karpfen ist das Lockmittel für Touristen in diesem Landstrich, der zwar liebreizend ist, aber halt doch ein bisschen im Nirgendwo liegt. Anfang September wird die Karpfensaison eröffnet, der ganze Landkreis feiert - also doch. Aber dafür wird das Jahr über geschuftet, bis zur Ernte. Jawohl, so heißt das. Nichts ist's mit Angeln.

Thomas Beer ist der Herr über 40 Teiche. Der 40-Jährige ist, das erkennt man an der frischen Hautfarbe und den muskulösen Oberarmen, ein Draußen-Mensch, ein Anpacker. Eigentlich hatte er einen anderen Lebensweg eingeschlagen, machte nach dem Abitur eine Schreinerlehre. Doch dann starb sein Bruder bei einem Flugzeugunglück, Beer sattelte um. Vor elf Jahren übernahm er den elterlichen Betrieb, vor zwei Jahren schaffte er die Kühe ab. Im Dorf riecht es trotzdem nach Stall, die Teiche sieht man erst, wenn man hinterm Hof um die Ecke biegt. Die Familie Beer, die seit fünf oder sechs Generationen die Teiche bewirtschaftet, betreibt als eine von wenigen die Zucht komplett, vom Laich bis zum Speisefisch. Hunderttausende Exemplare gehen im Jahr durch Beers Hände. Zählt man die Larven mit, sind es Millionen. Trotzdem weiß er genau, in welchem Teich sich welche Arten in welcher Größe tummeln.

Der Fischwirtschaftsmeister kontrolliert täglich, ob die Viecher gedeihen (links). Im Stamperl rechts sind vier bis fünf Tage alte Karpfen zu sehen.

(Foto: Scharfenberg, privat)

Der Fischwirt schleudert ein Wurfnetz. Im Eimer winden sich Mini-Karpfen, sie sind im Mai geschlüpft. Bis sie, nach drei Sommern, zu Speisekarpfen herangewachsen sind, wird Beer sie mehrmals in andere Teiche umgesetzt haben. Die Gewässer müssen vorbereitet sein, nicht zu warm, nicht zu kalt, mit dem passenden Sauerstoffgehalt und der richtigen Zusammensetzung von Plankton. Wenn zu viele Pflanzen wuchern, muss Beer den Teich trocken legen und den Boden bearbeiten, wofür er sich eine Pistenraupe angeschafft hat. Außerdem untersucht er Wasserproben, fischt Fische heraus und schaut, ob sie gedeihen, füttert selbst angebautes Getreide zu. Der Vertrieb ist zu managen, Besuchergruppen sind um die Teiche zu führen und Feriengäste zu betreuen (Informationen unter www.fischzucht-beer.de). Zur Erntezeit stellen die Beers vier, fünf Helfer ein.

Den größten Stress aber machen Biber, Otter, Kormorane. Der alte Streit zwischen Fischern und Naturschützern tobt im Land der tausend Teiche heftig. Beer zeigt auf einen kahlen Stamm, "da war der Biber dran". Gegenüber schüttet ein Bagger Erde auf den Damm, der Biber hat Gänge gebaut, der Pegel sinkt. "Biber sind nervig, aber auch faszinierend", findet Beer. Irgendwie mag er die geschützten Tiere - und hat doch eine Sondergenehmigung zum Abschuss. Am Kormoran mag er gar nichts. Wie perfide er jagt! Erst ziehen Spähvögel ihre Runden, dann fliegen sie von dannen - und kehren mit Hunderten Artgenossen zurück. Sie drängen die Fische in eine Ecke. Wenn man Pech hat, ist danach die Hälfte des Bestandes weggefressen. Beer redet sich in Rage, während es neben ihm platscht und spritzt. Alle paar Augenblicke hüpft ein prächtiger Fisch aus dem Wasser. Halten die Viecher Ausschau nach dem Feind? Beer sagt: "Wenn die Karpfen springen, geht's ihnen gut." Nicht mehr lange, dann hat er sie durchgebracht, dreieinhalb Jahre. Dann ist der Teichwirt glücklich - und der Karpfen im Kochtopf.

© SZ vom 14.08.2014

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