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Tirschenreuth:"Der Wald ist eine Geisel"

Die Offiziellen der Verbände sind mittlerweile moderater geworden. Aber ihre Interessen zählen noch. Aus dem Bundesinnenministerium heißt es einerseits, dass Tschechien nach dem EU-Beitritt erwarten dürfe, als gleichberechtigter Partner behandelt zu werden, dass also die Treuhandverwaltung für den Stadtwald aufgehoben wird. Aber aus dem Innenministerium heißt es auch: "Die Bundesregierung will bei der Aufhebung der treuhänderischen Verwaltung auch die besondere Perspektive der Heimatvertriebenen zu den Eigentumsrechten berücksichtigen."

Schon vor Jahrzehnten haben die Vertriebenen vor Gericht ausgeführt, dass die Stadt Cheb nicht Rechtsnachfolger der Stadt Eger sei, da nach der Vertreibung die Bevölkerung gewechselt habe. Das Bayerische Oberste Landesgericht hat 1965 sowie 1972 festgestellt, dass die Argumentation der Vertriebenen nicht trägt: Die Körperschaft Eger, beziehungsweise Cheb, sei durch die Vertreibung nicht untergegangen. Und trotzdem schwingt diese Haltung immer noch mit. "Wir kennen die Urteile", sagt Franz Pany von der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Aber sie seien nicht unumstritten und die Frage wie eine neue Bevölkerung mit dem Eigentum der alten, vertriebenen Bevölkerung umgehe sei nicht nur juristisch, sondern auch moralisch zu bewerten.

Die Politik schreckt vor den Emotionen der Vertriebenen zurück, sagt Rechtsanwalt Manfred Gratzl dazu: "Der Wald ist eine Geisel." Gratzl ist ein Mann, der beide Perspektiven kennt. Sein Vater wurde vertrieben, in seiner Kanzlei liegen Bücher des Prager Vertreibungskritikers Emanuel Mandler. Aber Gratzl vertritt trotzdem die Stadt Eger. Es sei absurd, der Stadt die "Kollektivschuld" aufzubürden, so wie es jetzt passiere. "Wenn man Enteignungen nicht gut heißt, dann kann man auch diese Enteignung nicht gut heißen", sagt er. Den Fall will er gegebenenfalls bis ganz nach oben durchfechten. Aber eigentlich hofft er auf eine politische Lösung.

Im Rathaus von Cheb trafen sich in diesem Jahr die Bürgermeister mit Vertretern der bayerischen Staatsregierung und dem Bund. Schon war man guter Dinge in der Staatskanzlei, hoffte auf den Durchbruch. Es wäre auch ein wichtiger Türöffner gewesen für die von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) gewünschte Reise nach Tschechien. Im Gespräch war wieder einmal eine Stiftungslösung: Bayern kauft Cheb den Stadtwald ab, wie einst schon von Hundhammer geplant, wohl sechs oder sieben Millionen Euro ist der Wald wert. Ein Teil des Geldes sollte in eine Stiftung für grenzüberschreitende Projekte gehen. Damit hätte auch die Sudetendeutsche Landsmannschaft leben können, auch wenn deren Hardliner so etwas ablehnen. Man wolle eine gut nachbarschaftliche Lösung, von der beide Seiten etwas haben, sagt Pany.

Doch der Plan scheiterte. Nachdem die Verwaltung der Stadt Chef zwischendurch grundsätzlich zu so einer Stiftungslösung bereit war, heißt es jetzt: "Wir verkaufen nicht." Der Vorschlag sei nicht akzeptabel, er habe nur einen alten Verhandlungsstand aufgegriffen. "Deswegen", sagt Bürgermeister Vanousek, "suchen wir andere Mittel, um das zu lösen." Ein Termin für Seehofers Tschechien-Reise steht immer noch nicht.

© SZ vom 02.12.2010/bica
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