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Coronavirus-Studie:Kohorte Tirschenreuth

Im März infizierten sich in Mitterteich zahlreiche Menschen mit dem Coronavirus.

Im März infizierten sich in Mitterteich zahlreiche Menschen mit dem Coronavirus.

(Foto: Getty Images)

In dem vom Coronavirus besonders betroffenen Landkreis sollen 3600 Einwohner an freiwilligen Antikörpertests teilnehmen. Forscher wollen so herausfinden, wie viele Menschen sich tatsächlich mit dem Erreger Sars-CoV-2 infiziert haben.

Wenige Stunden vor dem Beginn des mehrwöchigen Corona-Antikörpertests im Kreis Tirschenreuth macht Gerald Wagner am Montag rasch noch einen Kontrollgang durch die Aula der Wiesauer Mittelschule. So wie bereits an den beiden anderen Standorten Tirschenreuth und Waldeck haben Wagner und seine Helfer von der örtlichen Bereitschaft des Bayerischen Roten Kreuzes in der Aula Tische aufgestellt, Informationsmaterial ausgelegt und Abstandsmarkierungen angebracht. Im Grunde steht nun alles bereit für das Projekt "Prospektive Covid-19-Kohorte Tirschenreuth". Und doch spricht Wagner, der schon viele BRK-Einsätze hinter sich hat und auch im regionalen Corona-Krisenstab schwere Tage miterlebt hat, von einer "gewissen Grundnervosität".

Klar ist: Das Forschungsprojekt, bei welchem das BRK nun bis zum 17. Juli den Betrieb der drei Blutabnahme-Stationen organisiert, wird womöglich sogar weltweit Aufsehen erregen. Hauptziel der Studie ist, durch Antikörpertests an 3600 Einwohnern des Landkreises möglichst solide Werte darüber zu erhalten, wie viele Menschen sich im Kreis Tirschenreuth tatsächlich mit dem Erreger Sars-CoV-2 infiziert haben. Schließlich galt der Oberpfälzer Landkreis als einer der größten Corona-Hotspots bundesweit. Zu Beginn der Krise blickten viele dorthin und vor allem auf die Stadt Mitterteich - wegen der hohen Ansteckungs- und Todesraten; und wegen eines großen Starkbierfests, das dort am 7. März abgehalten wurde und Wochen später im Verdacht stand, die maßgebliche Virenschleuder gewesen zu sein.

Auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch spärlich von staatlicher Seite gewarnt wurde, am Tag danach der FC Bayern in ausverkaufter Arena spielte und es ein einziges Fest kaum gewesen sein kann - der Landkreis, seine Politik und seine Bewohner wurden zum Ziel von Häme im Netz, die Einheimischen diskutierten hitzig. Der Blick ging aber auch in den Kreis Tirschenreuth, weil dort das Krisenmanagement zuerst seine Bewährungsprobe hatte: Mitterteich bekam die erste Ausgangsbeschränkung in Bayern, ältere Bürger mussten mit Lebensmitteln versorgt werden. Die Klinikkapazitäten waren sehr nachgefragt, sie reichten aber aus.

Die Krise mit all ihren bisherigen Herausforderungen ist für Wissenschaftler natürlich ein Ansporn. Ralf Wagner vom Institut für Mikrobiologie und Hygiene an der Universität Regensburg hat dem Beginn der Studie entgegengefiebert. "Nach meinem Zeitplan sollte ich bereits seit drei Minuten im Auto sitzen", sagt er am Telefon. Er will im Kreis Tirschenreuth noch einmal nach dem Rechten sehen - oft entscheiden Details über den Erfolg eines solchen Projekts. Die Pionierstudie zur Verbreitung des Coronavirus, die sich auf den nordrhein-westfälischen Pandemie-Hotspot Heinsberg bezog, hatte zwar wertvolle Erkenntnisse gebracht, und doch wurde sie mit viel Kritik bedacht. "Wir haben daraus gelernt", sagt Wagner, "wir werden nicht nur mit einem, sondern mit mehreren Testen parallel antreten." Klaus Überla, Chef des Virologischen Instituts am Uniklinikum Erlangen, bestätigt: "Wir haben uns gut vorbereitet." Dennoch: In einem sehr niedrigen Anteil kämen bislang bei Antikörpertests auch falsch-positive Ergebnisse heraus - und dem will Überla nachgehen.

Zunächst aber hängt alles weitere davon ab, wie viele der eingeladenen Einwohner mitmachen. Die Rückmeldungen über die Hotlines der beiden Universitäten seien sehr positiv gewesen, sagt Ralf Wagner. Selbst eine Absage, die er erst vor wenigen Stunden erhielt, hat ihn gerührt. "Heute früh hat mich der Sohn eines 102-Jährigen angerufen und hat sich entschuldigt, dass der Herr Papa nicht an der Studie teilnehmen kann, weil er Angst hat, sich zu infizieren." Gegen 15.56 Uhr, kurz vor der Eröffnung der Stationen, atmen indes die BRK-Helfer auf. "Mehr Leute als erwartet."

Landrat Roland Grillmeier (CSU) ist dankbar, dass Tirschenreuth die Studie bekommt. Auch wichtige lokale Ergebnisse zur Dunkelziffer seien zu erwarten; denn das Infektionsgeschehen war innerhalb des Kreises sehr unterschiedlich. Im Juli soll zudem eine Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) erscheinen; sie versucht, die ersten Infektionen nachzuvollziehen. Das könnte womöglich die oft kolportierte These vom Starkbierfest als allein Schuldigem einschränken. Aktuell gibt es im Landkreis rechnerisch nur noch vier Infizierte. Gerade im stark betroffenen Teil seien viele Bürger aber weiterhin sehr vorsichtig, sagt Grillmeier. "Jeder kannte jemanden, der erkrankt war oder gestorben ist. Wir sind schon noch auf der Hut." Auch die harschen Debatten zum Auslöser, die sich zu Quarantänezeiten auf Facebook entluden, sind längst abgeflaut. Oft fällt nur der Name Ischgl. Am österreichischen Pandemie-Hotspot hatte eine Studie jüngst mehr als 40 Prozent Durchseuchung ergeben. Eine Tendenz für Tirschenreuth?

Neben der Studie dort laufen in Bayern weitere Untersuchungen zum Thema. So nehmen etwa Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität gerade 3000 repräsentativ ausgewählte Münchner Haushalte in den Blick, immer wieder über Monate hinweg. Das RKI testet seit Kurzem 2000 weitgehend zufällig ausgewählte Erwachsene in der Gemeinde Bad Feilnbach im Landkreis Rosenheim - sowohl per Rachenabstrich auf eine akute Erkrankung als auch auf Antikörper. Der Kreis Rosenheim war in der zweiten Märzhälfte ein Hotspot, der kleine Kurort wiederum besonders betroffen. Die Probanden sollen zusätzlich Fragebögen ausfüllen. RKI-Abteilungsleiter Thomas Lampert erhofft sich außer der Frage der Dunkelziffer auch Erkenntnisse darüber, ob soziale Faktoren wie Bildung und Einkommen auf die Infektionsraten Einfluss haben.

© SZ vom 30.06.2020/wean
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