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Chronik von Tirschenreuth:Boom-Region nach schweren Jahren

"Kostbare Perlonstrümpfe, Knabenkleidung, Gardinen, Damenmäntel oder ganze Wäscheaussteuern". In den Fünfzigerjahren, hier der Blick auf den unteren Marktplatz, hielt das westdeutsche Wirtschaftswunder auch in Tirschenreuth Einzug.

(Foto: Archiv Helmut Zagler, Tirschenreuth/oh)

Die jüngere Entwicklung von Tirschenreuth macht Mut - gerade in Krisenzeiten. Eine neue Chronik zeigt auf, wie die Stadt in der Oberpfalz durch Tatkraft und Ideenreichtum den Strukturwandel geschafft hat.

Von Johann Osel, Tirschenreuth

Beim Winterspaziergang durch die Straßen von Tirschenreuth gehen dem Autoren die Augen über - beim Warenangebot in Geschäften und Auslagen. In einem Laden gibt es alles, "was man an Wollsachen für den Winter braucht", nebenan wird derjenige fündig, "der seine Frau mit einem Ultraschall-Waschgerät überraschen will". In einem Fachgeschäft sind "herrlichste Lederwaren zu einer wahren Farbsinfonie zusammengestellt", ein Kaufmann bietet Kulinarisches "von Vanillestangen bis zum besten Weizenmehl". Auch "der anspruchsvolle Raucher" wird in der oberpfälzischen Stadt befriedigt, ebenso Frauen mit Modefaible - so dass "wir die uns begleitenden Damen erst zweimal zum Weitergehen auffordern mussten, ehe sie sich von den weihnachtlich geschmückten Fenstern losreißen konnten". Und im Kaufhaus übertrifft die Auswahl dann ohnehin jede Vorstellung: "einfache Makkosocken, kostbare Perlonstrümpfe, Knabenkleidung, Gardinen, Damenmäntel oder ganze Wäscheaussteuern".

Wer genau sich da im Dezember 1951 zum Bummel aufmachte, ist nicht überliefert. Doch der mehrteilige Text ist erhalten, er findet sich in der neuen Chronik der Stadt Tirschenreuth, 1950 bis 2020. Sicher dürfte zumindest sein, dass viele Bürger damals im Einzelhandel der jungen Bundesrepublik eher schauten als kauften - war es doch eine Zeit, als das Wirtschaftswunder in der Nordoberpfalz erst an Fahrt aufnahm und ein in New York ansässiger Ehrenbürger der Stadt noch Care-Pakete in die Heimat schickte. Gern mit viel Fett.

Einst war die Nordoberpfalz ein Zentrum der Porzellan- und Tuchmacherindustrie (oben ein Websaal um 1910); in den vergangenen Jahrzehnten hatte die Region dann mit dem Strukturwandel zu kämpfen.

(Foto: Archiv Alfred Mehler/ Thomas Sporrer)

Derlei Geschichten, Erzählungen und Schnurren sind es, die diese Chronik lesenswert und besonders machen. Auf den ersten Blick schreckt das voluminöse Buch - zwei Kilo schwer und glatt als Hiebwaffe tauglich - fast ein bisschen ab. Doch der Buch- und Kunstverlag Oberpfalz hält sein Versprechen: "Kein langweiliger Zahlenfriedhof oder unlesbare Expertenartikel" habe man versammelt, sondern echte, von den Bürgern erlebte und oft auch von ihnen geschilderte Geschichten. "Ein Gemeinschaftswerk vieler Tirschenreuther" nannte es Bürgermeister Franz Stahl, geleitet hat das Projekt ein fünfköpfiges Redaktionsteam. Es ist eine Fortschreibung, da die letzte Stadtchronik um 1950 endete.

Heute bescheinigen Wirtschaftsforscher der Stadt Tirschenreuth (im Bild eine Luftaufnahme von 2015) herausragende Dynamik.

(Foto: Tirschenreuth/oh)

Nun ist die 9000-Einwohner-Stadt unweit der tschechischen Grenze reich an Historischem: Vor mehr als 800 Jahren hatten die Äbte des Klosters Waldsassen Tirschenreuth auserkoren, um dort ihr Schloss zu bauen. Über Jahrhunderte war die Stadt deren weltliches Zentrum. Besondere Betrachtung verdient in der neueren Zeit jedoch das Wirtschaftskapitel, weil es mustergültig für Strukturbrüche in der Oberpfalz steht. Aus dem "Armenhaus" Bayerns, wie es wegen hoher Arbeitslosenzahlen nach dem weitgehenden Ende der Porzellan- und Glasindustrie sowie der Randlage am Eisernen Vorhang hieß, wurden Boom-Regionen. Im Sommer stellte das Institut der deutschen Wirtschaft den Nordoberpfälzer Kreisen Neustadt an der Waldnaab und Tirschenreuth Bestnoten für die "wirtschaftliche Dynamik" aus: Abwanderung gebremst, Strukturwandel geschafft, kleinteilige Wirtschaft mit "Hidden Champions", verborgenen Spitzenreitern; teils Kreativszene und Hochschulbildung.

Die Chronik bietet da - neben Themen wie Natur, Politik oder Brauchtum - einen lebendigen Einblick, mit den Geschichten zur Geschichte: Als ein sittenstrenger Bürger in den Sechzigern die Berufstätigkeit von Müttern für Mord und Totschlag in der Gesellschaft verantwortlich machte. Wie einem Hemdenhersteller die Muster geklaut wurden, für Billigkopien. Wie aus einem Büchsenmacher ein Weltmarktführer wurde. Oder dass Bodenständigkeit und zugleich Weltoffenheit als typische "Oberpfälzer Tugenden" gelten sollen.

Chronik der Stadt Tirschenreuth - Stadtgeschichte(n) von 1950 bis 2020, Buch & Kunstverlag Oberpfalz, 504 Seiten, 39,90 Euro.

© SZ vom 04.01.2021/kafe
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