Premiere bei den Tiroler Festspielen ErlMärchenhafter Start mit einer modernen Oper

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Einsame Suchende: Die australische Mezzosopranistin Xenia Puskarz Thomas brilliert als „Die Frau" in George Benjamins Oper „Picture a Day Like This“.
Einsame Suchende: Die australische Mezzosopranistin Xenia Puskarz Thomas brilliert als „Die Frau" in George Benjamins Oper „Picture a Day Like This“. (Foto: Xiomara Bender)

Die Tiroler Festspiele in Erl eröffnen mit George Benjamins Oper „Picture a Day Like This“ und kommen in der Gegenwart des Musiktheaters an.

Kritik von Egbert Tholl

Vor zwei Jahren kam George Benjamins Oper „Picture a Day Like This“ beim Festival in Aix-en-Provence heraus; die Produktion ging von dort auf eine Reise zu allen Häusern, die an ihrer Entstehung beteiligt waren, nach London, Köln oder Neapel etwa. In die Nähe von München gelangte sie nie. So musste man schon eine gehörige Menge Opernenthusiasmus aufbringen, um das zu sehen, was damals als Sensation wahrgenommen worden war. Doch dann wurde Jonas Kaufmann Intendant der Tiroler Festspiele in Erl. Dorthin kommt man mit dem Deutschlandticket und sehr viel Geduld.

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Kaufmanns Vorgänger im Amt betrachteten Erl entweder als Privatspielplatz oder Labor fürs eigene Haus woanders, mit dem Gesangstar als Chef kommt Erl nun in der Gegenwart des Musiktheaters an. Es sind Festspiele. Nicht nur zeigt Kaufmann die Produktion aus Aix mit völlig neuer Besetzung, es folgen auch noch der Doppelabend mit Bartóks „Blaubart“ und Poulencs „Vox humaine“ sowie eine, nun ja, populistische Verdi-Trilogie. Alles mit Besetzungen, die auch den richtig großen Festivals gut stünden.

Vielleicht ist dieser Sommer in Erl der mutigste für eine gewisse Zeit, bei der Tiroler Premiere von „Picture a Day Like This“ blieben deutlich Plätze leer. Doch eher ist zu erwarten, dass sich Jonas Kaufmann dadurch nicht beirren lässt. Hoffentlich. Denn am Beispiel dieser Oper von Benjamin kann man erleben, wie zugänglich eine zeitgenössische Oper sein kann, auch wenn ihre Macher keinerlei Kompromisse eingehen.

Liebende, die sich nicht lieben: Beate Mordal und Paul Figuier mit Xenia Puskarz Thomas (rechts)
Liebende, die sich nicht lieben: Beate Mordal und Paul Figuier mit Xenia Puskarz Thomas (rechts) (Foto: Xiomara Bender)

Martin Crimp schrieb den Text, eine aus vielen Quellen erfundene Parabel. Es beginnt mit einer Frau, die nur „Frau“ heißt und erst ganz alleine, dann mit spärlicher Instrumentalbegleitung, die extrem sorgfältig gesetzt ist, erzählt, was ihr widerfuhr. Ihr Kind starb, als es gerade zu sprechen begann. Die märchenhafte Erlösung von ihrem Schmerz wäre: Sie muss einen Menschen finden, der glücklich ist und ihr einen Knopf von seinem Ärmel abschneidet. Die Menschen kommen zu ihr, in den Bühnenraum aus silbernen Lamellen, der auch wie ein Aquarium wirkt. Wie lebendige Skulpturen kommen herein: ein Liebespaar, das sich nicht liebt, ein Kunsthandwerker, der völlig zerrüttet ist, eine erfolgreiche Komponistin, die am Zwang zum Erfolg erstickt, ein Sammler, unendlich einsam.

Jede Szene folgt einer neuen aufregenden musikalischen Idee, in jeder brilliert Xenia Puskarz Thomas als Frau, aber auch alle anderen, vor allem der Counter Paul Figuier. Corinna Niemeyer, die schon bei der Uraufführung als Assistentin dabei war, dirigiert das Festspielorchester, ergänzt durch das Schallfeld-Ensemble, mit grandioser Sensibilität. Am Ende trifft Thomas auf Mari Eriksmoen. Die ist Zabelle, aber es gibt sie nicht. Sie wird zum Spiegel der Frau, die, vielleicht, endlich ihren Schmerz annehmen kann. Das Aufeinandertreffen dieser beiden Frauen ist das Leben selbst, in allen Facetten.

Picture a Day Like This, Tiroler Festspiele Erl,

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