Viehtransporte Tierärztin verhindert Export von trächtiger Kuh

Wie viele Kühe jedes Jahr exportiert werden, ist nicht genau bekannt. Ein Tier aus dem Landkreis Mühldorf könnte nun zum Präzedenzfall werden.

(Foto: Schindler/dpa)
  • Am Landratsamt Landshut hat sich eine Amtstierärztin geweigert, das notwendige Dokument für einen Export einer Kuh nach Usbekistan auszustellen.
  • Die Entscheidung könnte zum Präzedenzfall werden.
  • Umweltminister Thorsten Glauber will sich nun des Problems annehmen - denn die Tiere leiden bei den Transporten und werden oft unter grausamen Umständen geschlachtet.
Von Christian Sebald

Der Export von Rindern in außereuropäische Drittstaaten findet meist unter entwürdigenden und qualvollen Umständen statt - allein wegen der oft etliche Tausend Kilometer weiten Strecken. An den Zielorten, in der Türkei, im Nahen Osten, den Maghrebstaaten und den asiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, werden die Rinder oft unter grausamen Umständen geschlachtet: Ohne Betäubung, gefesselt, mit mehreren Entblutungsschnitten und einem minutenlangen Todeskampf, wie unlängst die Fachzeitschrift Amtstierärztlicher Dienst und Lebensmittelkontrolle konstatiert hat.

Am Landratsamt Landshut hat sich jetzt eine Amtstierärztin geweigert, das notwendige Dokument für einen Export einer trächtigen Kuh aus dem Landkreis Mühldorf in das 5000 Kilometer entfernte Usbekistan auszustellen, und damit den Export des Tieres verhindert. Die Entscheidung könnte ein Präzedenzfall sein. Denn der Landshuter Landrat Peter Dreier (Freie Wähler) hat angekündigt, dass seine Veterinäre bis auf weiteres alle derartigen Transporte verhindern werden.

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"Für mich ist es Tierquälerei, wenn Rinder aus unserer Region mehrere Tausend Kilometer transportiert werden, um dann in Ländern geschlachtet zu werden, in denen es keinen Tierschutz gibt", sagte Dreier. "Das können wir nicht mittragen - deshalb stehe ich hinter der Entscheidung unserer Amtstierärztin." Dreier hat in der Sache Kontakt zu seinem Parteifreund und Umweltminister Thorsten Glauber aufgenommen, der von Amts wegen für das Veterinärwesen zuständig ist. Glauber habe ihm zugesichert, sich der Angelegenheit anzunehmen. "Ohne eine entsprechende ministerielle Weisung wird es vom Veterinäramt Landshut keine Transportgenehmigung für Rinder in Drittstaaten geben", sagte Dreier.

Dreiers Wortmeldung ist es nicht alleine, welche die Weigerung seiner Veterinärin zum Präzedenzfall machen könnte. Der Aufsatz in der Fachzeitschrift Amtstierärztlicher Dienst und Lebensmittelkontrolle problematisiert Nutztierexporte in Drittländer in sehr grundsätzlicher Art und Weise. "Die Schlachtung in diesen Ländern (...) erfolgt in aller Regel unter tierquälerischen Bedingungen", heißt es dort. Sie stünden in Widerspruch zu den hiesigen Tierschutz-Vorgaben. Für die Amtstierärzte, die solche Tiertransporte genehmigen müssen, stelle sich daher die Frage, ob sie "mit dieser Amtshandlung nicht eine Beihilfe dazu leisten, dass an den Tieren - wenn auch erst in einiger räumlicher Entfernung und mit einer mehr oder weniger großen zeitlichen Distanz - der Straftatbestand der Tierquälerei verwirklicht wird". Seit der Aufsatz Ende 2018 erschienen ist, herrscht Verunsicherung unter den Amtstierärzten. Ihr Berufsverband hat die Staatsregierung aufgefordert, die Rechtslage zu überprüfen. Die Staatsregierung hat dies laut Umweltministerium bereits zugesagt. Der Landshuter Fall erhöht nun den Druck auf sie.

Wie viele Rinder von Bayern aus in Drittstaaten exportiert werden, ist unklar. Sicher beziffert werden kann nur die Zahl der Zuchtrinder. Nach Angaben des Landesverbands Bayerischer Rinderzüchter betrug sie vergangenes Jahr 14 639 Stück. Nicht bekannt ist dagegen die Zahl der exportierten Schlacht- und der Mastrinder. Zum einen erfasst das Statistische Landesamt laut Agrarministerium Exporttiere nur nach Tonnagen. 2017 waren es demnach Rinder mit einem Gesamtgewicht von knapp 3100 Tonnen. Selbst eine Überschlagsrechnung, wie viele Tiere das gewesen sein könnten, ist einem Ministeriumssprecher daraus nicht möglich. Zum anderen unterscheiden die Statistiker nicht zwischen Zucht-, Schlacht- und Masttieren. Und zum dritten würden viele Rinder aus Bayern von Handelszentren in Ostdeutschland aus exportiert und fielen dadurch selbst unter die Gewichtsstatistik.

Der Rinderzuchtverband Mühldorf, aus dessen Gebiet die umkämpfte Kuh stammt, übt scharfe Kritik an der Veterinärin. Wenn die Exportauflagen erfüllt seien, müssten die entsprechenden Papiere ausgestellt werden, sagte Zuchtverbands-Geschäftsführer Josef Frank dem BR und drohte juristische Schritte an. Der Landesverband Bayerischer Rinderzüchter ruderte etwas zurück. Zwar übte Verbandsgeschäftsführer Georg Röhrmoser ebenfalls Kritik an der "Ad-hoc-Entscheidung". Die bisherige Praxis erfülle die Tierschutzvorschriften. Deshalb müssten sich die Amtstierärzte auch an sie halten. Aber natürlich könne man das bisherige Verfahren in Frage stellen. Daher dränge man auf eine schnelle rechtliche Klärung.

Derweil lobten die Landtagsgrünen die Veterinärin. "Der Transport ist für viele Tiere eine Qual. Enge, Hitze, Erschöpfung, all das müssen sie tagelang ertragen", sagte die Landshuter Abgeordnete Rosi Steinberger. Sie forderte, "die Exporte möglichst zu verbieten".

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