Bilder von einem Arbeiter, der ein Kalb zu Boden drückt und ihm mit Wucht auf den Kopf tritt, dazu Aufnahmen von Rindern, die zu schwach sind, um aufzustehen, und deshalb mit Traktoren durch den Stall geschleift werden. Und außerdem Fotos von Rindern, die mit Elektroschockern traktiert werden: Der neue Tierschutzskandal auf Bayerns wohl größtem Milchviehbetrieb in Bad Grönenbach hat im Frühjahr 2025 großes Aufsehen erregt.
Dabei war es nicht das erste Mal, dass der Betrieb in den Schlagzeilen war. Schon 2019 hatte die Tierrechtsorganisation Soko Tierschutz dokumentiert, dass in dem Betrieb Rinder massiv misshandelt und vernachlässigt werden. Nun, nach gut sechs Jahren, müssen sich die Landwirte Franz E. und Martin E. sowie zwei Angestellte des Betriebs wegen der damaligen Vorwürfe vor Gericht verantworten.
Es wird ein sehr aufwendiger Prozess. Start ist nach Angaben des Landgerichts Memmingen am 20. Januar. Bis in den Mai hinein sind – mit Ausnahme der Osterferien – weitere Verhandlungstage angesetzt. Die hohe Zahl der Verhandlungstage erklärt sich nach Angaben eines Gerichtssprechers aus der Vielzahl der Vorwürfe und dem Umstand, dass voraussichtlich für jeden einzelnen eine ausführliche Beweisaufnahme fällig wird.
Den vier Angeklagten wird vorgeworfen, im Jahr 2019 bei insgesamt 58 kranken oder geschwächten Rindern nicht dafür gesorgt zu haben, dass die Tiere die eigentlich notwendige tierärztliche Behandlung bekommen haben. Dadurch sollen sie den Rindern länger anhaltende erhebliche Schmerzen und Leiden zugefügt haben. Die Angeklagten hätten dies zwar erkannt, aber sie hätten es billigend in Kauf genommen, um sich die Zeit und die Kosten für die Behandlungen der Tiere zu sparen.
Von den 58 Rindern wurden nach Angaben des Gerichts 14 geschlachtet und weitere 16 notgetötet – „jeweils in engem zeitlichem Zusammenhang mit ihren Erkrankungen“. Die Staatsanwaltschaft bewertet ihre Vorwürfe als Verstöße gegen Paragraf 17 des Tierschutzgesetzes. Danach wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe bestraft, wer einem Wirbeltier länger anhaltende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt.
Gegen Martin E. wurde ein Tierhaltungs- und Betreuungsverbot ausgesprochen
Der Milchviehbetrieb, der damals von Vater Franz E., der mittlerweile 68 Jahre ist, und seinem inzwischen 35-jährigen Sohn Martin E. geleitet wurde, war schon seinerzeit mit mehr als 2000 Rindern allein am Standort Bad Grönenbach der mit Abstand größte Milchviehbetrieb in Bayern. Er galt lange Zeit als hochmoderner und leistungsfähiger Vorzeigehof. Die Missstände, die die Soko Tierschutz im Frühjahr 2019 in den Ställen mit versteckter Kamera dokumentierte, nannte deren Vorsitzender Friedrich Mülln später allerdings „Abgründe der Milchwirtschaft“.
Die Staatsanwaltschaft Memmingen hatte bereits im November 2020 Anklage gegen Vater und Sohn sowie insgesamt vier Mitarbeiter auf dem Hof erhoben. Dann aber kam es zu massiven Verzögerungen. Bisher wurde das Gerichtsverfahren nur gegen zwei Mitarbeiter abgeschlossen. Sie wurden zu Geldstrafen verurteilt. Das Verfahren gegen die vier anderen Angeklagten wurde 2023 ausgesetzt, es beginnt nun also komplett von Neuem.
Derweil ist offen, wann die Staatsanwaltschaft Memmingen ihre Ermittlungen wegen der aktuellen Vorwürfe gegen den Milchviehbetrieb abgeschlossen haben wird. Dieses Frühjahr hatte die Soko Tierschutz neue Bilder veröffentlicht. Sie zeigen, dass die schlimmen Missstände auf dem Hof zumindest bis zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme über mehrere Wochen hinweg im Jahr 2024 angedauert haben. Aus der Sicht von Soko-Tierschutz-Chef Mülln „betreibt der Betrieb ein Regime der Gewalt, der Vernachlässigung und der Ausnutzung, nicht nur gegen die Rinder auf dem Hof, sondern auch gegen Menschen“.
Die Kontrollbehörde Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV), die für die Überwachung von bayerischen Nutztierhaltungen in der Größenordnung des Bad Grönenbacher Milchviehbetriebs zuständig ist, hat schnell auf die neuen Vorwürfe reagiert und ein Tierhaltungs- und Betreuungsverbot gegen Martin E. ausgesprochen. Auch gegen dessen Vater Franz strebt die KBLV ein solches Verbot an. Dieses Verfahren läuft aber noch.
Zu der nun startenden Gerichtsverhandlung sagte Soko-Tierschutz-Chef Mülln: „Es ist mehr als überfällig, dass dieser Prozess – der wohl bedeutendste aktuelle Tierschutzprozess bundesweit – endlich vollumfänglich verhandelt wird.“ Vom Landgericht Memmingen erwartet er sich, dass es „die Schwere und vor allem die Systematik hinter dem Leid der Milchkühe und ihren Kälbern anerkennt und ein entsprechendes Urteil fällt“.


