Tierschutz:Bayerns verwilderte Katzen

Katze

Nicht alle Katzen sind wild geboren. Einige werden auch ausgesetzt oder fangen das Streunern an, weil sich ihre Besitzer nicht mehr um sie kümmern.

(Foto: dpa)
  • In Bayern gibt es etwa 300 000 streunende Katzen. Manche sind bereits komplett verwildert, andere sind ausgesetzt worden oder werden von ihren Besitzern nicht versorgt.
  • Die Tiere vermehren sich vor allem in ländlichen Gebieten unkontrolliert. Tierschützer fordern deshalb eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht.

Von Franziska Schwarz

Ein Ort in Bayern: Die Katzen sind sich selbst überlassen, der Besitzer kümmert sich kaum um sie. Dafür stellt ein Nachbar den Tieren Futter hin. Über die Monate sind es immer mehr geworden. Und noch mehr von ihnen zu füttern, wird dem Nachbar langsam zu teuer.

Der Nachbar rief wegen der zugelaufenen Katzen bei Elke Stehle an. Die 49-Jährige hat vor mehr als zehn Jahren einen Verein gegründet, der sich in vier Landkreisen rund um Nördlingen um die Streuner kümmert. Die aktuell 240 Mitglieder von "Samtpfoten Katzenhilfe Ries" nehmen die Tiere vorübergehend bei sich auf, versorgen sie medizinisch, lassen sie kastrieren und vermitteln sie an Privatpersonen. Etwa 80 000 bis 90 000 Euro kostet das jährlich, das Geld kommt zum Beispiel durch Spenden oder Mitgliedsbeiträge zusammen. Bei etwa 350 bis 400 Katzen pro Jahr gelingt die Vermittlung. Dem stehen 2017 schätzungsweise 300 000 Streuner in ganz Bayern gegenüber. Darunter fallen nicht nur bereits verwilderte Tiere, sondern auch neu ausgesetzte und nicht versorgte Hauskatzen.

"Die Tiere leben scheu und kommen erst nachts raus", sagt Andreas Brucker vom Bayerischen Tierschutzbund. Er warnt: Wenn man davon ausgeht, dass die Hälfte der 300 000 Tiere weiblich ist und sie durchschnittlich zweimal im Jahr werfen, kommt man auf einen beachtlichen Katzennachwuchs, auch dann, wenn längst nicht alle Jungtiere überleben. Der Geschäftsführer des Tierschutzbunds hält es für möglich, dass sich so die Zahl der streunenden Katzen in diesem Jahr noch mehr als verdoppeln könnte.

Brucker befürwortet deshalb eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht. Paderborn hat sie 2008 als erste Stadt in die Kommunalverordnung geschrieben, die Veterinärbehörden klären die Halter außerdem über das Problem der unkontrollierten Fortpflanzung der Tiere auf. Viele Katzenbesitzer folgten seither dem Rat und ließen ihr Haustier behandeln. Aktuell haben deutschlandweit mehr als 562 Städte und Gemeinden solche Verordnungen. Auch in Bayern haben die Landkreise bereits eine entsprechende Ermächtigung vom Freistaat. Ob sie in der Sache aktiv werden, liegt aber in ihrem eigenen Ermessen.

"Uns plagt die Unvernunft mancher Halter"

Für Brucker ist es wichtig, dass eine solche Verordnung flächendeckend gilt, denn "sonst besiedeln die Katzen dann eben Bereiche, in denen noch nicht kastriert wurde", sagt er. Das sieht Elke Stehle ähnlich. Sie weist darauf hin, dass eine Kastration oder Sterilisation für die Tiere von Vorteil sein kann, gerade bei Hauskatzen: Für die Weibchen ist die Rolligkeit, also die Zeit der Paarungsbereitschaft, eine Belastung, und die Kater begeben sich bei der Partnersuche in fremden Revieren in Gefahr. Auch das Risiko, sich bei anderen Tieren mit Krankheiten anzustecken, ist dann erhöht. Für Tiere, die bereits verwildert sind, bedeuten Nahrungssuche und Fortpflanzungsdrang erst recht Stress.

Je länger eine Katze auf der Straße gelebt hat, desto schwieriger ist es, sie wieder zu zähmen. Bei jungen Tieren geht das oft noch, aber für ältere Katzen ist dann auch das Tierheim eine Qual. "Wenn sich die Katze noch auf den Arm nehmen lässt, ist das meist ein gutes Zeichen", sagt Stehle. Ihr Verein macht sich die Mühe, die Streuner wieder an den Menschen zu gewöhnen.

Eine Kastration oder Sterilisation kostet etwa 80 bis 120 Euro. "Viele Halter glauben, dass sich das nicht lohnt, und dass es günstiger ist, die Katze nur mit Futter zu versorgen", vermutet Stehle. Das geht aber nach hinten los, wenn es dann nicht mehr nur eine Katze, sondern vier, fünf oder mehr auf dem Hof sind. Von einer "Katzenplage" würde Stehle noch nicht sprechen, "das hängt von den einzelnen Ortschaften ab".

Kürzlich erhielt sie erst wieder einen Anruf. Es ging um ein Haus, dessen Besitzer gestorben ist - und in dem seine Katzen jetzt allein leben. 25 an der Zahl. "Uns plagt eher die Unvernunft mancher Halter", sagt Elke Stehle.

© sz.de/imei
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