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Süddeutsche Zeitung

Tierpark Hellabrunn:Neue Nachbarn für die Giraffen

Das neue Giraffenhaus ermöglicht den Besuchern einen freien Blick auf die afrikanischen Wildtiere. Zugleich fügt sich der helle Holzbau unauffällig in die Landschaft der Isarauen ein. In der Savanne leben außerdem Erdmännchen und Stachelschweine.

Am Anfang waren sie noch ein bisschen schüchtern, die drei Erdmännchen. Es dauerte ein Weilchen, bis die putzigen Viecher sich von Andreas Knieriem und Christine Strobl anlocken ließen und ihre Transportbox aus Plastik verlassen wollten. Doch letztlich machten ihnen der Zoodirektor und Münchens Zweite Bürgermeisterin ein Angebot, dem sie nicht widerstehen konnten: Mehlwürmer - direkt serviert auf den Händen.

Die Erdmännchen sind Bewohner der am Mittwoch eröffneten neuen Giraffensavanne im Tierpark Hellabrunn. Nur einen Steinwurf entfernt vom Isareingang ist binnen eines Jahres ein völlig neues Areal für die afrikanischen Wildtiere entstanden, dort, wo früher die Auerochsen ihre Heimstatt hatten. Wer über die Erdmännchen und ihre künstlichen, aus Beton gestalteten - und Schatten spendenden - Termitenhügel hinwegblickt, sieht ein weitläufiges Gehege, das mit 10.000 Quadratmetern etwa so groß ist wie anderthalb Fußballfelder.

Doch der Clou des neuen Ensembles, das einer afrikanischen Feuchtsavanne nachempfunden wurde, ist zweifelsohne das 770 Quadratmeter große Giraffenhaus. Von der ebenfalls neuen Brücke, die zum Gehege hin- respektive daran vorbeiführt, ist es kaum zu erkennen, so unauffällig ist das teilweise mit Lärchenholz verkleidete Gebäude in die Landschaft eingebettet. Das war auch eine der Vorgaben an das Berliner Architekturbüro Dan Pearlman.

Das mit drei Millionen Euro von der Stadtsparkasse finanzierte Gebäude - insgesamt kostete das Gehege 4,7 Millionen Euro - ist von oben lichtdurchflutet und bietet den Giraffen fünfmal so viel Platz wie früher. "Endlich sind die Tiere mal fähig, tatsächlich in einem Raum zu laufen", sagt Zoochef Knieriem. "Und sie haben endlich mal einen Raum für sich." Für Knieriem bestand schon längst Handlungsbedarf; die Idee, ein neues Giraffenhaus zu bauen, habe er vor vier Jahren gehabt. Denn bis zu dessen Sperrung Ende 2010 waren die Giraffen im denkmalgeschützten Haus der Elefanten untergebracht.

Unangenehme Nachbarschaft

Diese Nachbarschaft war, wie Knieriem sagt, für die stillen Giraffen nicht unbedingt angenehm. "Elefanten sind laut, Giraffen brauchen ihre Ruhe." Auch das Provisorium, in das die Giraffen nach Beginn der Sanierung des Elefantenhauses umziehen mussten, war aus Sicht Knieriems "suboptimal". Es war relativ eng und dunkel. Jetzt ist das Dach mit einer Spezialfolie abgedeckt, die UV-Licht durchlässt und so für optimale Lichtverhältnisse sorgen soll. "Es war mir ein großes Anliegen, diesen würdevollen Tieren ein artgerechtes Zuhause zu geben", sagt Knieriem.

Doch nicht nur die Tiere, sondern auch die Besucher werden sich voraussichtlich in der Anlage wohlfühlen. Der sandfarben gestrichene Betonboden sieht aus wie der ausgetrocknete Boden eines afrikanischen Flussbetts, die Giraffen sind durch eine Glasscheibe zu sehen, der Blick des Besuchers führt weiter durch das Haus in das Freigelände dahinter. An den Seitenwänden sind Erklärtafeln, auf denen allerlei über Lebensraum und Wesen der Giraffen zu erfahren ist, zum Beispiel, dass sich das Wort Giraffe vom arabischen "Zarafa" ableitet, "die Liebliche". Zudem können Besucher bald von einer zweistöckigen Kanzel im Außenbereich dem Giraffenbullen Togo, der Kuh Kabonga und deren Jungen sozusagen auch auf Augenhöhe begegnen.

Ideen aus der ganzen Welt

Architekt Kieran Stanley kennt sich aus mit naturnahen Bauwerken in Zoos. Seine Ideen holt er sich auf Reisen in verschiedene Gebiete der Welt. Unter anderem hat er im südkoreanischen Yongin City eine Safari-Landschaft gebaut. In Hannover wurde erst vor kurzem ein von ihm mitentworfener Themenbereich Yukon-Bay mit künstlicher Tundra-Landschaft für Eisbären, Timberwölfe und andere Tiere aus dem Norden Kanadas eingeweiht.

Hellabrunn war ein vergleichsweise kleines Projekt, aber nicht ohne Anspruch. "Die größte Herausforderung", sagt er, "war, das Gebäude in die Isarlandschaft zu integrieren." So bestehen die sichtbaren Teile des bis zu acht Meter hohen Giraffenhauses eigentlich aus nicht viel mehr als den Sichtwänden. Die für Besucher nicht zu sehende Technik ist auf dem neuesten Stand in Sachen Energieeffizienz. So wird das Haus etwa durch eine Grundwasser-Wärmepumpe beheizt. "So können wir sparen", sagt Andreas Knieriem, "und das Ersparte an anderen Stellen wieder einsetzen."

Der Neubau ist ein weiterer Schritt hin zum ursprünglichen Geozoo-Konzept Hellabrunns. Diese Idee wurde im Jahr 1911 in München als weltweit erstem Zoo realisiert. Sie sieht eine Anordnung der Gehege nach den Heimatkontinenten der jeweiligen Tiere vor. Doch mit den Jahren wurde das Konzept nach und nach aufgeweicht, weil kurzfristig Platz geschaffen werden musste.

Von Asien nach Afrika

So lebten die Giraffen bisher im Asienteil des Tierparks. Jetzt, nach ihrem Umzug, empfangen sie den Besucher im afrikanischen Teil am Haupteingang. Mittelfristig sollen auch die Löwen wieder in die Nachbarschaft ziehen - in einem größeren Gehege als bisher. Langfristig soll der Zoo wieder so aussehen, dass er einen besseren Lerneffekt bietet. Dazu gehört, dass Tiere, die sonst in freier Natur nebeneinander leben, dies auch in den Isarauen tun sollen. Doch bis der Zoo so umgestaltet ist, wie es sich Knieriem vorstellt, dauert es voraussichtlich insgesamt 20 Jahre.

Bei der Eröffnungsfeier am Mittwoch immerhin war die Stimmung am Isareingang schon fast authentisch afrikanisch. Oder zumindest so, wie es Besucher zum Beispiel von den touristischen Hotspots Namibias oder Südafrikas kennen. Es war heiß, was der Zoochef mit "wir haben Savannenwetter, besser geht's nicht", kommentierte. Und vor dem Eingang des Geheges musizierte eine afrikanische Folkloregruppe "What a wonderful day". Zum Schluss setzten Christine Strobl und Andreas Knieriem noch zwei Stachelschweine in der Savanne aus. Von diesem Donnerstag an empfängt die neue tierische Wohngemeinschaft in Hellabrunn ihre Besucher.

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Quelle:
SZ vom 16.05.2013/infu
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